Ich mach dich fertig

Kinder schikanieren Schwächere gern. Früher war Ruhe nach der Schule, heute wird im Internet nonstop terrorisiert. Das ist die Geschichte von Ryan, der mit 13 in den Tod flüchtete. Von seinem Vater erzählt.

Wurde zum Vortragsreisenden in Sachen «Cyberbullying»: Der Vater von Ryan – John Halligan.

Wurde zum Vortragsreisenden in Sachen «Cyberbullying»: Der Vater von Ryan – John Halligan.

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Und der Vater dachte noch: «Glück gehabt, der Junge hat sich gefangen.» Für ihn ist heute das Schlimmste, dass er nichts ahnte von den Qualen, die sein Sohn durchlitt, von dem Mädchen, das ihm online Liebe vorspielte und ihn auf dem Pausenplatz abblitzen liess, von dem Jungen, der ihn als Schwulen anprangerte in der Cyberwelt, in der Gerüchte zu Fakten werden, weil keiner nach Beweisen fragt. Dass er keine Ahnung hatte von den Plänen seines Sohnes.

Das hält kein Mensch aus

Nur im Internet wussten sie alles und fragten, wann es so weit sei. «Morgen wirst du es in der Zeitung lesen», schrieb sein Sohn einem Wildfremden, den er auf einer Selbstmord-Website getroffen hatte. Dann klickte er sich durch die Bilder, auf denen gezeigt wird, wie man den Strick am besten knotet.

Als der Vater dies las, war es zu spät. Am 7. Oktober 2003 erhängte sich sein Sohn Ryan frühmorgens im Badezimmer des Elternhauses in Essex Junction, im Norden von Vermont, unweit der Grenze zu Kanada. Er war 13.

Sieben Jahre ist das her, aber für den Vater John Halligan ist seitdem an jedem Tag 7. Oktober. Manchmal denkt er sich, das hält kein Mensch aus. Keiner. Und dann zieht er sich doch an, hellblaues Hemd, dunkle Hose, es ist ein warmer Tag. 6.30 Uhr, er macht sich auf den Weg zur Arbeit. Sein Job ist es, über den Tod seines Sohnes zu reden.

Der Film im Kopf

Er fährt los, erst in die falsche Richtung. Die Sonne knallt auf sein schlammverspritztes Auto, wie damals, unbarmherzig und strahlend. Wie an diesem 7. Oktober, als ihn morgens um sechs Uhr seine Frau anrief und schrie: «John, du musst heimkommen, du musst heimkommen. Ryan hat sich umgebracht.»

Der Tag ist geronnen zu einem Film, der in seinem Kopf immer wieder abläuft. Wie er im Hotel zusammenbricht, wie er benommen zum Flughafen fährt, wie er abgewimmelt wird am Airlineschalter, weil sie nach dem 11. September 2001 nicht wissen, was zu halten ist von diesem Mann, der herumschreit und weint und ein Ticket kauft nach Burlington, Vermont, «one-way».

Ein Loch ins Herz gerissen

Nie mehr wird John Halligan den strahlenden Himmel vergessen, als er damals über New York flog und die gigantischen Löcher sah, die der Terror mitten in der Stadt gerissen hatte. Und er starrte runter und dachte sich. «Das Loch da unten ist nicht grösser als das Loch in meinem Herzen.»

Halligan parkt vor der North Andover Middle School. Der stellvertretende Rektor steht schon da, er trägt eine Krawatte mit Delfinen und sagt: «Hi, John, toll, dass wir sie haben.» Halligan redet immer mit jemandem vom Rektorat vor seinem Vortrag, weil die Lehrer oft gleich ahnungslos sind wie die Eltern.

Er will wissen, wie die Schule reagiert, wenn ein Kind terrorisiert wird, ob sie überhaupt reagieren – oder nur zuschauen. Er will wissen, ob die Lehrer eine Ahnung haben von der Cyberwelt, die weit weg ist vom Pausenplatz und doch mittendrin. Cyberbullying nennen sie den Terror im Internet. «To bully», das heisst drangsalieren, einschüchtern, schikanieren.

Nonstop Terror

Es ist im Grunde das, was Kinder schon immer getan haben: Schwache fertigmachen, ausgrenzen. Eben nicht streiten. Früher haben sie den Unbeliebten einfach das Lineal drübergezogen oder haben den Mädels in der Pause den Hüpfgummi gegen die Beine schnalzen lassen. Der normale Schulterror, schlimm genug. Aber nach der Schule gingen die Kinder heim, und dann war Ruhe bis zum nächsten Tag.

Jetzt ist der Terror nonstop. Und er verbreitet sich rasant im Internet, er bläht sich auf, weil Kinder Kinder vor einer riesigen Öffentlichkeit blossstellen, weil sie sich texten und mailen und skypen und bloggen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, auf Facebook, Myspace oder Formspringme. Da wächst eine Generation heran, die immer erreichbar und immer verletzbar ist.

John Halligan bekommt, seit er in Schulen auftritt, jede Woche mindestens ein E-Mail, in dem ein Jugendlicher ihm mitteilt, dass er sich umbringen will. Dear Mr. Halligan, ich sehe keinen Grund mehr weiterzuleben. Was sagt man da? «Alles ist grosses Drama in diesen Lebensjahren», sagt John Halligan. Jugendliche könnten sich nicht vorstellen, dass Dinge wieder klein und unwichtig würden. Ted sagt, ich sei schwul. So etwas kann einen 13-Jährigen aus der Bahn werfen. John Halligan fragt sich, was passiert wäre, wenn sein Sohn eine Hilfe-Mail geschickt hätte.

Paroli bieten

Er jedenfalls fängt sofort an zu recherchieren, ist ja nicht einfach herauszufinden, wer da schreibt. Ein Name bedeutet nichts online, weil er falsch sein kann oder richtig. Einmal hat er einen Jungen in Belgien vom Selbstmord abgehalten, letzte Woche ein Mädchen in Kalifornien. Hofft er wenigstens.

Er weiss, wie das ist, wenn der eigene Sohn im Computer verschwindet, eintaucht in Welten, die bevölkert werden von Leuten aus allen möglichen Ländern und allen Altersgruppen, die aus der Anonymität heraus angreifen. Er weiss, wie das ist, wenn man den Sohn im Leichenhaus liegen sieht, ein weisses Tuch über dem Körper, und wenn man zum Abschied seinen kalten Kopf küsst.

Darum ist er hier, weil er anderen diesen Schmerz ersparen will. Und weil er denen, die wegschauen, Paroli bieten will. Der stellvertretende Rektor öffnet die Tür zum Auditorium, Lehrer verteilen Kleenex-Schachteln im leeren Saal. Halligan lächelt. Er baut seinen Lautsprecher auf, testet die Beleuchtung, geht nochmals aufs Klo, startet das Video. Plötzlich schwebt sein Sohn riesig vor ihm: Ryan Halligan. Das schmale Gesicht, das schüchterne Lächeln. Halligan hat seinen Vortrag bereits in über 400 Schulen gehalten, vor einem Jahr hat er seinen Job bei IBM aufgegeben, er ist nur noch unterwegs in Sachen Cyberbullying, ein Vortragsprofi.

Es wird nicht geweint

«Aber dieser Blick meines Sohnes zerreisst mir jeden Morgen wieder das Herz», sagt er, stellt Ryans Gesicht scharf, macht das Video aus, wartet. Es ist 7.30 Uhr. Sie künden sich mit Getöse an, sie sind 13, 14 Jahre alt, in der Hochphase des gegenseitigen Terrorisierens.

Sie sind die, die am wenigsten Emotion zeigen, wenn Halligan erzählt, wie er den Jungen, der seinen Sohn mit Internetgerüchten in den Tod trieb, anschrie, wie er ihn am liebsten zerquetscht hätte. Die älteren Schüler, die Eltern werden jetzt weich. Aber die 13-Jährigen wissen: Wer weint, ist eine Heulsuse, eine Memme, ein Schwuli. Sie sind so alt wie sein Sohn, als er sich aufhängte.

John Halligan schaut die 340 Kinder an, die vor ihm sitzen. Dann rechnet er: Zehn Prozent haben über Selbstmord nachgedacht, fünf Prozent haben einen Selbstmordversuch hinter sich. Das sind 17 Kinder. Wenn er heute nur eines davon abhält, ist es ein guter Tag.

Täter, Opfer, Applaudierende

Jede Schule hat ein Bullying-Problem, hat Täter und Opfer. Und in jeder Schule gibts Bystander – ein applaudierendes Publikum, für das der Terror gemacht wird. Die Zuschauer können was verändern, sie müssen sagen, was soll das, hört auf damit. Sie will John Halligan überzeugen. Deswegen rast er durch Amerika, jeden Tag in einer anderen Stadt, in diesem Monat war er in Massachusetts, Kansas, Pennsylvania, New York und Neufundland, Kanada.

«Wir begrüssen John Halligan, der uns die Geschichte seines Sohnes Ryan erzählen wird», sagt der Direktor kurz und knapp. Dann drückt Halligan auf Play und macht die Augen zu. Er schafft es noch immer nicht, sich anzusehen, wie sein Sohn an ihm herumklettert, wie er die Kerzen ausbläst, 13, sein letzter Geburtstag.

Als der Film endet, geht John Halligan auf die Bühne und sagt: «Ich war nicht vorbereitet auf das, was ich am anderen Ende der Telefonleitung hörte an diesem 7. Oktober. Den ganzen Weg nach Hause habe ich mich gefragt: Why, why, why?» Er schreit es in die Kindergesichter hinein. Die Ersten weinen.

Neue Art von Tyrannen

Er hat das kurze Leben seines Sohnes Ryan schon so oft erzählt. Die Geburt, der Umzug nach Vermont, die Schwierigkeiten in der Schule, Ryans Wunsch, zu den Coolen zu gehören, die Probleme mit dem Jungen, der ihn terrorisierte, die tränenreichen Sitzungen am Küchentisch, die Idee, sich mit einem Karatekampf zu befreien, die angebliche Versöhnung mit dem Jungen, der dann umso härter zurückschlug – online.

Natürlich sei auch Ryan launisch gewesen, sagt der Vater, aber auch liebevoll und lustig. Halligan macht eine Pause und sagt dann in die totale Stille hinein: «Ihr werdet alle mehr geliebt, als ihr euch das jemals vorstellen könnt. Mehr als ihr euch jemals vorstellen könnt.»

Hunderte glasige Augen starren ihn jetzt an. Fast absurd kommen einem da die Worte einer Kinderbeauftragten vor: «Da wächst eine völlig neue Art von Tyrannen heran. Sie sind narzisstisch, und ihre Bühne ist das Internet, wo sie innerhalb von Minuten Tausende Zuschauer haben – oder sogar Millionen.» Das sollen Tyrannen sein? Stellen diese Kinder Videos von animierten Hinrichtungen ihrer Lehrer online? Treiben sie andere Kinder in den Selbstmord?

Mein Gesetz

Die Angst, terrorisiert zu werden, hält allein in den USA täglich 160 000 Schüler von der Schule fern. Die Selbstmordgefahr bei einem Kind, das gemobbt wird, ist sechsmal grösser als bei einem, das keine Probleme hat. Eines von zwölf Kindern wird in der Schule so drangsaliert, dass dies die Ausbildung, die Beziehungen und die Aussichten für die Zukunft stark beeinträchtigt.

John Halligan hält das Mikrofon mit beiden Händen und sagt, dass er nach Ryans Tod in Vermont das Anti-BullyingGesetz durchgeboxt hat: «Mein Gesetz.» Applaus. Aber auch ein Gesetz kann die Dinge nicht aus der Welt schaffen. Es kann nur strafen. Den Rest müssen die Schulen tun, die Eltern, die Zuschauer.

Strikte Regeln

Als er an jenem 7. Oktober nach Hause kam, sagt Halligan, habe er Ryans Zimmer auf den Kopf gestellt, er habe die Tapete von der Wand gerissen und die Matratze vom Bett. Er suchte den Abschiedsbrief, die Erklärung. Sie hatten doch alles richtig gemacht. Es gab strikte Computerregeln: keine Konversation mit Fremden online, keinen Adressenaustausch. Die Pädophilen im Netz waren damals ein Thema, davor wollte der Vater seine Kinder schützen. Aber vor anderen Kindern?

Und es gab noch eine Regel: kein geheimes Passwort. Nur für den Fall. Ryan hielt sich daran. Und so hat sich der Vater eingeklickt in die Welt seines Sohnes. Was er dort las, hat ihm das zweite Mal das Herz gebrochen.

Hetze online und anonym

In Ryans letztem Sommer war Krieg. Im Internet verbreitete sich das Gerücht, es habe ihm gefallen, als der Arzt ihn anal untersucht habe. «Faggot» nannten sie ihn, Schwuchtel. Ryan kämpfte verzweifelt dagegen. Aber seine Mailboxen schwappten über mit Mitteilungen wie dieser: «Ich bin schwul, kann ich dich arschficken.» Ryan entgegnete: «Wer bist du? Kenne ich dich aus dem TeenCenter? Woher hast du mein Passwort? Verschwinde.» Dann das Mädchen, das mit Ryan online eine Beziehung anfing. Das kam noch dazu. Als die Sommerferien zu Ende waren, stellte sie sich in der realen Welt vor ihn und liess die Bombe platzen: Hey, war nur ein Scherz.

«Ich kann mir die unfassbare Pein und die Scham vorstellen, die mein Sohn durchlebt hat. Ich dachte, er braucht eine Umarmung. Es stellte sich heraus, dass Daddy tiefer hätte bohren müssen», sagt John Halligan. In der ersten Reihe wird jetzt hemmungslos geweint. «Aber es gibt keine Zeitmaschine. Nicht für mich und nicht für die Bullies.» Halligan schaut in den grossen Saal, in die kleinen Gesichter. «Ich flehe euch an, bittet um Hilfe.»

Er weiss, dass heute Abend sein E-Mail-Postfach wieder überlaufen wird. Sie werden beichten und sich ausweinen, werden ihm danken und erzählen, dass sich der schlimmste Bully bei ihnen entschuldigt hat, vor der Klasse. Die Arbeit, sagt John Halligan, als er seinen Lautsprecher und sein iPhone einpackt, fange für ihn danach an. Online.

Erstellt: 27.08.2010, 21:06 Uhr

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