«Ich möchte die Leidenschaft der Männer wecken»

Markus Theunert hat heute seinen ersten Arbeitstag als Männerbeauftragter des Kantons Zürich. Eine Premiere für die Schweiz, für Europa – und wahrscheinlich sogar für die Welt.

Markus Theunert ist Männerbeauftragter des Kantons Zürich.

Markus Theunert ist Männerbeauftragter des Kantons Zürich. Bild: Keystone

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Markus Theunert bezeichnet sich selbst als «exotischer Vogel». Seine Nominierung als Männerbeauftragten bescherte ihm sogar in Australien mediale Aufmerksamkeit. Theunerts Amt wird nicht nur von Feministen, sondern auch von vielen Männern kritisiert. Die Westschweizer Zeitung «Le Matin» hat Theunert zu einem Interview getroffen.

Herr Theunert, was ist genau Ihre Aufgabe?
Es geht darum, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zu fördern und die Sichtweisen und Ansprüche der Männer und Väter in die Debatte miteinzubeziehen. Der Weg dahin ist noch nicht ganz klar. Es ist Pionierarbeit, es existiert kein Beispiel, dem ich folgen könnte. Aus diesem Grund werde ich in der ersten Zeit die Ansprüche der Männer in Sachen Gleichstellungspolitik betrachten, um dann entsprechende Massnahmen zu entwickeln.

Welche Resultate möchten Sie erzielen?
Ich möchte mit diesem Projekt die Leidenschaft der Männer wecken, damit eine eigene Dynamik entsteht – eine von Männern erarbeitete Dynamik. Nicht, weil sie sich dazu gezwungen fühlen, sondern weil sie es wollen.

Sie sprechen von Leidenschaft. Ist diese denn so wichtig?
Sie ist sogar mehr als nur wichtig, sie ist unabdingbar. Das Konzept der Gleichberechtigung ist mit der Emanzipation der Frau entstanden. In diesem Kontext waren die Rückschlüsse relativ simpel: die Männer sind die Profiteure, die Frauen die Verliererinnen – und diese Ungerechtigkeiten gilt es zu bekämpfen. Viel wurde durch diesen Kampf erreicht, sodass man heutzutage nicht mehr behaupten kann, dass Frauen systematisch Verliererinnen und Männer systematisch Profiteure sind. Natürlich kann man die noch heute existierenden Diskriminierungen nicht leugnen. Man könnte auf der gleichen Linie weitermachen, und sich dabei wundern, warum Männer am Projekt der Gleichberechtigung nicht beteiligt werden. Um einen wirksamen Dialog zu bewirken, braucht es aber eine Politik, die beide Seiten berücksichtigt.

Ihr Amt setzt ja auch voraus, dass Männer Opfer sein können…
Ich rede lieber von spezifischen Herausforderungen als von Benachteiligung. Sonst ist man immer am Vergleichen und fragt sich, ob es besser ist, fünf Jahre früher zu sterben oder acht Prozent weniger zu verdienen… Unmögliche Fragen.

Acht Prozent? Sind es nicht eher 20 Prozent?
Diese 20 Prozent setzen sich aus zwei Komponenten zusammen: 12 Prozent kann man dadurch erklären, dass Frauen weniger Weiterbildungen besuchen und sich für Berufe entscheiden, die weniger gut bezahlt werden. Dies ist jeder Frau selbst überlassen. Die restlichen acht Prozent sind reine Diskriminierung.

Würden Sie das Bild des «starken Mannes» gerne ändern?
Ich setze mich ganz klar für eine vielseitigere Rolle der Männer ein. Auch heute herrschen noch immer sehr strikte Normen, die bestimmen, was es heisst, ein «richtiger Mann» zu sein. Dieses Konzept würde ich gerne erweitern, weil es sehr viele Männer gibt, die gewisse Persönlichkeitszüge nicht ausleben – aus Angst, von ihren Geschlechtsgenossen nicht ernst genommen zu werden. Aber wenn man sich zum Beispiel anschaut, welche Qualitäten heutzutage auf dem Arbeitsmarkt gefordert werden, stellt man fest, dass es vor allem sogenannte weibliche Eigenschaften sind – und nicht typisch männliche Qualitäten. So sind soziale, emotionale, kommunikative und kreative Kompetenzen eher gefragt. Dies bedeutet, dass Männer ihre Fähigkeiten erweitern müssen. Sie haben gar keine Wahl.

Sind Männer bereit, in Teilzeit zu arbeiten?
Eine in Sankt Gallen durchgeführte Umfrage besagt, dass 90 Prozent der Männer Teilzeitarbeit befürworten – das ist die einzige Umfrage zu diesem Thema. Und doch setzen dies nur 13 Prozent der Männer um. Warum einen derart grossen Unterschied? Es gibt bestimmt subjektive Erklärungsansätze, wie zum Beispiel die Angst, vor den männlichen Kollegen das Ansehen zu verlieren. Aber auch objektive Gründe spielen da eine Rolle, weil Teilzeitarbeit immer auch das Ende einer Karriere bedeuten kann.

Welche Lösungen gibt es für dieses Problem?
Es ist wichtig, sich Gedanken über Teilzeit-Führungsjobs zu machen. Es ist erwiesen, dass Menschen, deren Privat- und Berufsleben im Gleichgewicht steht, gesünder sind und weniger häufig die Stelle wechseln. Dies kann auch für eine Firma von finanziellem Interesse sein. Das Hauptproblem sind hier aber nicht die Unternehmen, sondern die Wahrnehmung der männlichen Kollegen und was diese als «normal» betrachten.

Sie setzen sich für mehr Gleichberechtigung in Sachen Kindererziehung ein. Wie stellen Sie sich das vor?
Väter müssen ihren eigenen Erziehungsstil entwickeln. Sie müssen alle Tools der Kindererziehung beherrschen, ohne dabei versuchen zu wollen, bessere Mütter zu werden. Frauen müssen ihrerseits offener werden. Der Mann ist nicht ein Diener, der sich damit zufrieden gibt, den Ansprüchen der Mutter zu genügen, sondern ein Partner auf Augenhöhe. Er muss die Dinge auch anders machen dürfen. Beide Seiten müssen sich anstrengen.

Seit Ihrer Nominierung sind Sie zur Zielscheibe vieler Kritiken geworden.
Mein Amt sorgt für Unbehagen. Es gibt Beauftragte für Kinder, für Behinderte, für Tiere. Stets sind es Gruppen, die als «schwach» wahrgenommen werden und die man verteidigen muss. Aber ein Beauftragter für Männer, für das starke Geschlecht – das irritiert. Es wird auch viel auf mein Amt projiziert: die einen sehen in mir einen Antifeministen, die anderen einen verbitterten Anwalt, noch andere ein Schosshündchen der Feministen. Ich bin aber weder anti- noch profeministisch.

Haben Sie die kritischen Stimmen überrascht?
Was mich überrascht hat, waren sonderbare Bemerkungen über mein Äusseres. Man hat mir gesagt: «Sie sind doch ein normaler Mann, sehen nicht schlecht aus, warum haben Sie nicht eine anständige Stelle?»

Aber Sie können nachvollziehen, dass die Schaffung Ihrer Stelle auch verärgert, weil es ja immer noch Diskriminierungen gegenüber Frauen gibt.
Ich kann dieses Gefühl verstehen. Ich habe gehört, dass gewisse Frauen der Ansicht sind, dass mein Amt zu weit geht, weil Frauen immer noch benachteiligt werden. Strategisch gesehen müssen aber beide Seiten auf Augenhöhe miteinander reden können, wenn man die Gleichberechtigung will.

Ihre Nominierung wurde sogar in der ausländischen Presse thematisiert…
Ja. In diesem Bereich spielen die Schweiz und Zürich eine Pionierrolle. Sogar australische Zeitungen haben sich mit dem Thema befasst!

Können Sie sich erklären, warum männliche Forderungen in der Westschweiz nicht den gleichen Stellenwert haben wie in der Deutschschweiz?
Es gibt in der Westschweiz zwar Vätervereinigungen, aber keine institutionalisierten Strukturen von Männern und Fachpersonen, die sich mit einer männlichen Perspektive für die Gleichstellung engagieren. Dies betrifft übrigens nicht nur die Westschweiz, sondern den gesamten französischsprachigen Raum. Eine französische Journalistin hat einmal argumentiert, dass das Konzept der «Gleichberechtigung» im französischsprachigen Raum so allgegenwärtig ist, dass Diskriminierungen gar nicht erst «existieren dürfen» oder diskutiert werden können.

(Übersetzung und Bearbeitung: cor) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.07.2012, 18:38 Uhr

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Zur Person

Markus Theunert wurde 1973 in Basel geboren. Er studierte Psychologie und Soziologie. 2005 wurde er Präsident der Organisation «Männer.ch». 2012 erschien Theunerts Buch «Männerpolitik».

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