«Ich weise Männer nicht darauf hin, dass ich einen IQ von 157 habe»

Gabriella Greisons wird als Rockstar der Physik bezeichnet. Über Einstein sagt sie: Seine erste Frau wusste mehr als er.

«Gewisse Sprüche bekommen wir Physikerinnen auch heute noch zu hören», sagt Gabriella Greison. Foto: Contrasto, Laif

«Gewisse Sprüche bekommen wir Physikerinnen auch heute noch zu hören», sagt Gabriella Greison. Foto: Contrasto, Laif

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben der ETH Zürich vorgeschlagen, Einsteins erster Ehefrau Mileva Maric postum den Doktortitel zu verleihen. Wie kommen Sie darauf?
Es wäre ein symbolischer Akt, um zu zeigen, dass sich die Dinge geändert haben und weiter ändern müssen. Mileva Maric hat ihr Studium trotz ihres überragenden Talents abgebrochen, weil man sie auf alle möglichen Arten demotiviert hat. Und warum hat man sie demotiviert? Weil sie eine Frau war. Weil man es damals als skandalös empfand, dass sich eine Frau für Mathematik und Physik interessierte und ein universitäres Diplom anstrebte.

Es zirkuliert der Verdacht, Maric habe einen grossen Beitrag zur Relativitätstheorie geleistet. Wenn nicht gar den entscheidenden Beitrag. Sie sei ein noch grösseres Genie gewesen als Einstein selber. Was halten Sie davon?
Die feministische Auseinandersetzung mit Maric interessiert mich nicht, genauso wenig wie die Polemik, wonach Einstein in der Beziehung zu seiner ersten Ehefrau ein unsäglicher Schweinehund gewesen sein soll. Als sie Einstein kennen lernte, wusste sie mehr als er, sie hat ihm Dinge beigebracht, Bücher empfohlen, ihn inspiriert. Sie war die Streberin, die sich während der Vorlesungen alles notierte, während er in der hintersten Bank sass und Faxen machte. Maric hatte den Traum, Wissenschaftlerin zu werden, und sie ist an den Vorurteilen ihrer Zeit gescheitert.

Dann gäbe es aber viele Frauen,denen man postum den Doktortitel verleihen müsste.
Das ist ein Totschlagargument. Man kann immer darauf verzichten, etwas zu tun, weil man nicht gleichzeitig etwas anderes tun kann. Und es gibt nicht Millionen Frauen, die Physikerinnen werden wollten und Einstein heirateten. Es gibt Mileva Maric und Einstein, und es gibt diese aussergewöhnliche Geschichte, die ich in meinem Roman erzähle.

Geht es den Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern heute besser?
Es geht ihnen um einiges besser. Die Leistung, die sie erbringen, wird anerkannt. Aber wir leiden bis heute unter den Lasten der Vergangenheit: Ältere Professoren sind fast ausschliesslich Männer, weil sie in einer Zeit ernannt wurden, in der nur Männer für eine solche Position infrage kamen. Es müssen noch eine oder zwei Generationen nachrücken, bis sich auch das ändert. Gewisse Sprüche bekommen wir Physikerinnen auch heute noch zu hören.

Zum Beispiel?
«Du bist doch hübsch, warum willst du Naturwissenschaften studieren?» Viele junge Frauen, die zu meinen Theatermonologen kommen, erzählen mir, dass sie häufig mit solchem Blödsinn konfrontiert sind.

Es gibt Studien, die Unterschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Gehirn festgestellt haben. Einige von ihnen kommen zum Schluss, dass das Klischee vom mathematisch begabteren Mann zutrifft. Ist das der Grund, weshalb an den Universitäten mehr Männer naturwissenschaftliche Fächer belegen?
Ich habe einmal persönlich gehört, wie die Medizin-Nobelpreisträgerin Rita Levi-Montalcini sagte, männliche und weibliche Gehirne würden gleich funktionieren. Alles andere ist Unsinn.

Eine dieser Studien stammt von Prof. Ragini Verma von der Universität Philadelphia und wurde im Fachblatt «Proceedings of the National Academy of Science» veröffentlicht. Darauf antworten Sie mit dem aufgeschnappten Satz der 1909 geborenen Levi-Montalcini?
Ja, aber das ist nicht der Punkt. Solche Studien sind Ausdruck eines Unrechts, einer Unachtsamkeit, eines Schadens, den Frauen während Jahrhunderten erlitten haben. Sie wurden nicht zu universitären Aufnahmeprüfungen zugelassen, sie hatten keinen Zutritt zu Labors, sie wurden entmutigt und schief angeschaut. Die Auswirkungen dieses Filters sind bis heute spürbar. In Italien sind heute 80 Prozent der Studierenden im Fach Physik männlich, aber das hat soziale und historische Gründe, nicht biologische. Im Übrigen erinnere ich daran, dass das Cern in Genf von einer Frau geleitet wird, Fabiola Gianotti. Sie hat diese Position nicht wegen oder trotz ihres Geschlechtes erreicht, sondern schlicht und einfach, weil sie eine herausragende Physikerin ist.

Auf den naturwissenschaftlichen Lehrstühlen der Universitäten haben Männer die Übermacht, aber dafür gibt es beim Lehrpersonal von Kindergärten und Primarschulen viel mehr Frauen. Der Eintritt in die Welt des Wissens ist also weiblich geprägt. Schafft das nicht ein Gegengewicht?
Nein, absolut nicht. Die Wissenschaft im Allgemeinen und die Physik im Besonderen werden erst ab der Universität interessant. Die Primar- und Sekundarschule und das Gymnasium haben viel weniger Gewicht.

Eine italienische Zeitung hat Sie kürzlich «Rockstar der italienischen Physik» genannt. Stört Sie das?
Nein, ganz im Gegenteil. In den Vereinigten Staaten gibt es eine sehr seriöse Rangliste der «Physik-Rockstars», zu denen etwa der Nobelpreisträger Kip Thorne gehört. Er läuft in einer Lederjacke herum und war Produzent des Science-Fiction-Films «Interstellar». In verständlichen Worten über Physik zu sprechen und sie einem breiten Publikum nahezubringen, ist eine verdienstvolle Arbeit. Gleichzeitig wären meine Biografien, meine literarische Arbeit und meine Theatermonologe ohne ein theoretisches Fachwissen unmöglich. Ich bin stolz auf die Bezeichnung «Rockstar».

Halten Sie traditionelle Wissenschaftler nicht für unseriös?
Nein. Die wichtigsten wissenschaft­lichen Institute Italiens unterstützen mich. Ich bin für deren Vertreter die Person, die dem Publikum von der Schönheit und Faszination des wissenschaftlichen Denkens erzählt.

Sind Sie noch in der Forschung tätig?
Nein, ich widme mich ausschliesslich der Popularisierung. Wenn ich etwas erforsche, dient es meinen Romanen und Theatermonologen.

Auf Ihrer Website erwähnen Sie Ihren Intelligenzquotienten: 157. Das ist ziemlich eitel.
Ich bin nun mal stolz auf meine Fähigkeiten und auf das, was ich erreicht habe. Bei einem Mann würden Sie das übrigens nicht fragen.

Doch, das würde ich. Ist 157 eigentlich höher oder tiefer als Einstein?
Tiefer.

Aber 157 gilt meines Wissens als genial. Ist es schwierig, mit einem solchen IQ mit Normalsterblichen zu interagieren?
Nein, absolut nicht. Besonders Männer sollte man vielleicht nicht beim ersten Treffen darauf hinweisen, um sie nicht abzuschrecken. Der IQ von Madonna ist übrigens auch sehr hoch.

Haben Männer Mühe damit, wenn ihre Partnerin gebildeter und intelligenter ist als sie?
Auf meine bisherigen Partner trifft das nicht zu.

Kann die Quantenphysik zu einer Annäherung zwischen wissenschaftlichem und religiösem Denken beitragen?
Der dänische Physiker Niels Bohr, der 1922 den Nobelpreis erhielt, war der Meinung, Elemente der östlichen Philosophie könnten bei der Entwicklung quantenphysikalischer Konzepte und Modelle durchaus nützlich sein. Aber Wissenschaft und Religion oder Politik sind verschiedene Sphären.

Kann man als Wissenschaftlerin religiös sein?
Natürlich. Es gibt in der Geschichte der Wissenschaft viele Gläubige. Unter ihnen beispielsweise Max Planck, einer der Begründer der Quantenphysik. Einstein war in seinen jungen Jahren Atheist und bezeichnete die Bibel als Produkt unserer menschlichen Schwächen und das Judentum als Ansammlung infantilen Aberglaubens. Gegen Ende seines Lebens hingegen sagte er, jeder Wissenschaftler könne sich davon überzeugen, dass die Naturgesetze die Existenz eines Geistes zeigen, der dem menschlichen Geist unendlich überlegen sei.

Und was denken Sie?
Ich denke noch nach.

Glauben Sie an Gott, ja oder nein?
Nein. Aber es ist nicht wichtig, was ich persönlich glaube.

Abgesehen von seinem überragenden Stellenwert als Wissenschaftler – was fasziniert Sie an Einstein?
Die Bedingungslosigkeit, mit der er sich seinen Vorlieben hingegeben hat. Er hat entschieden, dass ihm die Schweiz gefiel, und so richtete sich seine ganze Passion auf dieses Land. Diese Vorliebe teile ich übrigens. Er hat entschieden, dass ihm die Musik wichtig war, also spielte er jeden Donnerstag Geige. Er ist immer Kind geblieben, seine Lust, zu spielen, hat er niemals verloren. Und er hatte eine grosse Bereitschaft, seine Existenz von einem Moment zum anderen umzukrempeln. Das ist eine Eigenschaft, die mir sehr imponiert.

Mileva Maric gegenüber hat er sich aber ziemlich gemein verhalten.
Ja, das stimmt. Aber ich glaube, dass er das später bereut hat. Sie war für ihn bis zum Schluss die Frau seines Lebens.

Kollidiert das Vertrauen auf wissenschaftliche Erkenntnis mit dem um sich greifenden politischen Wahnsinn?
Wer sich auf eine wissenschaftlich-rationale Basis abstützen kann, hat eine andere Lebenseinstellung. Die Wissenschaft ist trotz aller Absurdität meine einzige Hoffnung auf eine bessere Welt.

Was die Wissenschaft zum Klimawandel sagt, ist dem mächtigsten Politiker der Welt und einer ganzen Reihe von Parteien egal.
Die Wissenschaft hat die Aufgabe, sich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen, wie sie sich mit anderen Phänomen auseinandersetzt. Dass die Politik nicht die richtigen Schlüsse daraus zieht, ist bedauerlich, aber es ist letztlich nicht meine Verantwortung als Wissenschaftlerin. Ich empfinde die Spannung, die Sie beschreiben, sehr wohl und wünsche mir, dass sich rationalistischere Visionen durchsetzen. Wären doch alle so wie ich. Ich komme mir manchmal vor wie im Zoo. Wie jemand, der dort einen Weissbrusttukan oder einen Schabrackentapir beobachtet. Mit derselben Neugierde und demselben Befremden nehme ich wahr, was das Fernsehen und die Zeitungen berichten.

Erstellt: 13.07.2019, 12:53 Uhr

Physikerin, Autorin, Schauspielerin und Feministin

Gabriella Greison (*1976) hat in Mailand Nuklearphysik studiert und danach ein Jahr lang an der Pariser École polytechnique geforscht. Sie hat zahlreiche Werke über die Geschichte der Physik geschrieben und dabei besonders ­Wissenschaftlerinnen gewürdigt. Daraus sind mehrere Theatermonologe entstanden. Eines ihrer Bücher trägt den Titel ­«Einstein e io». Es erzählt das Leben von Einsteins erster Frau Mileva Maric. (ben)

Artikel zum Thema

«Viele Wissenschaftler streiten sich wie Marktweiber»

Die Wissenschaft gleicht dem Sport: Es geht um Ehre, Geld, Medaillen – und darum, der Erste zu sein. Nicht alle spielen fair. Mehr...

Wissenschaftlerin bringt Robben das Singen bei

Eine Forscherin der University of St Andrews hat bewiesen, dass Robben nicht nur unsere Laute überraschend gut nachahmen können, sie können auch Lieder singen. Mehr...

Weshalb reiche Kinder im Marshmallow-Test besser abschneiden

Die These: Selbstkontrolle bestimmt den Erfolg von Kindern. Dafür verantwortlich sind jedoch ganz andere Faktoren, wie Kritiker des legendären Tests nun zeigen. Mehr...

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...