«Ich will mein Kind nicht ruhigstellen»

Renatas Kinder haben beide ADHS. Nun muss sich die Mutter für eine Behandlung entscheiden. Mit oder ohne Ritalin?

Immer geschäftig: Stillsitzen ist für viele Kinder mit ADHS ein Ding der Unmöglichkeit. Foto: Getty Images

Immer geschäftig: Stillsitzen ist für viele Kinder mit ADHS ein Ding der Unmöglichkeit. Foto: Getty Images

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Es gibt sie in jeder Klasse. Die Kinder, die in der Schule nicht stillsitzen können und unkontrolliert reinrufen. Die Kinder, welche die Anweisungen der Lehrerin nicht hören, weil es viel interessanter ist, das Gspändli in der vorderen Bankreihe dabei zu beobachten, wie es das Heft hervorholt. Oder jene, die ganz einfach vor sich hin träumen und dadurch langsamer sind als die anderen. Die Symptome von ADHS sind vielfältig, die Ausprägung ganz unterschiedlich. Renata T. (Name geändert), die mit ihrer Familie seit einigen Jahren in Winterthur lebt, hat gleich zwei Kinder, bei welchen ADHS diagnostiziert wurde. Ihre Tochter Sara ist 16, der Sohn Olaf 13 Jahre alt (beide Namen geändert).

Sara fiel bereits im Kindergarten auf. Sie riss andere Kinder an den Haaren, war sehr lebhaft und unruhig. «Sie war ein sozial schwieriges Kind», erinnert sich Renata T. «Und ist es immer noch.» Die Familie liess Sara abklären und schickte sie auf Empfehlung der Therapeutin zum heilpädagogischen Reiten. «Sie war ein grosser Rösslifan, und die Therapeutin sagte, man solle sie dort abholen», erzählt die Mutter. Sara ging zudem in die Psychotherapie und in die Psychomotorik. Und sie kam in eine Einschulungsklasse.

Beruhigende Wirkung

Doch die Schwierigkeiten blieben, und als Sara in der ersten Klasse war, entschied die Familie, es mit Medikamenten zu versuchen. «Als wir die Diagnose ADHS erhielten und uns die Therapeutin empfahl, Ritalin zu geben, dachte ich, um Gottes willen, ich will mein Kind doch nicht ruhigstellen.» Doch der Versuch habe sich gelohnt. Sara sei ruhiger geworden, obwohl die Wirkung nicht so gross war, dass Sara die Regelschule hätte besuchen können. Später wurde bei Sara noch ein Asperger-Syndrom diagnostiziert.

Sara kam in eine Privatschule und da in eine Kleinklasse. Die Wohngemeinde übernahm die Schulkosten – die Familie lebte damals noch nicht in Winterthur. «Wir hatten Glück», sagt Renata T. In eine normale Schule hätte Sara nicht gepasst. Sara besuchte nie die Regelschule und geht heute noch in die Psychotherapie und ins heilpädagogische Reiten.

«Früher hat Sara ohne Punkt und Komma geredet.»Renata T.

Die richtige Dosierung für die Medikamente zu finden, war nicht einfach. Nach einem Therapeutenwechsel wurde die Dosis erhöht und das Medikament gewechselt. Auf Vorschlag der Schule pausierte Sara für ein Jahr. In der Berufsfindungsphase entschied sich die Familie dann allerdings, wieder mit einer medikamentösen Behandlung zu beginnen. Sara nimmt nun seit letztem Herbst ein neues Präparat. «Sie kann sich besser konzentrieren und explodiert weniger schnell, wenn sie mit ihrem Bruder Streit hat.»

Die Probleme mit der Appetitlosigkeit hätten sich mit dem neuen Medikament reguliert. Dadurch habe sie am Abend auch keinen Heisshunger mehr. Früher habe Sara zudem «ohne Punkt und Komma geredet und war sehr laut». Das sei besser geworden, sagt Renata T. Inzwischen besucht Sara noch eine Gruppe für Asperger-Jugendliche in Zürich, in der sie Sozialkompetenz trainiert.

Enger Kontakt mit Lehrern

Der heute 13-jährige Olaf fiel im Kindergarten nicht gross auf. «Er konnte durchaus einmal eine Stunde still sitzen.» Da Renata T. durch Sara sensibilisiert war, informierte sie die Lehrperson der ersten Klasse über seine Probleme. «Wir waren immer in engem Kontakt mit den Lehrpersonen, das war sehr wertvoll für uns.» Und als die Lehrerin im zweiten Semester an ihre Grenzen kam, entschied sich die Familie für eine Abklärung. Bei Olaf wurde ebenfalls ADHS diagnostiziert.

«Eifersucht ist zwischen den Kindern immer noch ein Thema. Sie können um jedes Gummibärli streiten.»Renata T.

Diesmal fiel der Familie der Entscheid einfacher, es mit Medikamenten zu versuchen. «Wir begannen Anfang Sommerferien und steigerten die Dosis langsam.» Mit dem Resultat, dass die Lehrerin schon am ersten Schultag die Rückmeldung gab, Olaf könne sich viel besser konzentrieren. Er sei ein ganz anderes Kind. Auch zu Hause war die Frustrationsgrenze höher. Die Eifersucht zwischen Geschwistern sei immer ein schwieriges Thema gewesen. «Das ist sie immer noch. Sie können um jedes Gummibärli streiten.» Olaf habe sich dank der Medikamente aber besser unter Kontrolle.

Schultage sind Medikamententage

Auch bei Olaf musste die Dosierung später nochmals angepasst werden. Sie hätten sie gesenkt, ihr Sohn fühle sich nun besser, erzählt die Mutter. Er könne dank der Medikamente die Regelschule besuchen und komme mit den Hausaufgaben klar. Inzwischen nimmt er die Medikamente meist nur noch an den Tagen, an denen er Schule hat. Am Wochenende oder in den Ferien verzichtet er darauf. Das funktioniere gut, sagt Renata T. Ihr Fazit: Sie würde sich wieder für die Medikamente entscheiden. «Um den Kindern die Chance zu geben, ihr Potenzial auszuschöpfen. Denn dumm sind sie nicht. Sie sind nur sehr schnell ablenkbar.»

Beratung und Informationen zum Thema ADHS: www.elposzuerich.ch


«Väter sehen das Problem oft anders»

Eltern geben ihrem Kind erst Ritalin, wenn der Leidensdruck für die Familie zu gross geworden ist, sagt der Soziologe Dominik Robin.

Warum haben Sie untersucht, wie Eltern dazu kommen, ihrem Kind Ritalin zu geben?
Die Untersuchung war ein Folgeprojekt einer anderen Studie, die gezeigt hatte, dass der Ritalinkonsum zwischen 2006 und 2012 erst anstieg, ab 2010 dann aber stagnierte. Das brachte uns zur Frage, nach welchen Kriterien sich Eltern für Medikamente entscheiden.

Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
Ein wichtiger Grund, wenn nicht der wichtigste, ist der Leidensdruck des Kindes und der Eltern im Schul- und Familienalltag.

Das heisst?
Meist geht es um Druck in der Schule, zu hohe Erwartungen und Überforderung. Kinder müssen in der Schule Leistung erbringen, und das schnell, was sie oft nicht können. Dabei entsteht eine gefährliche Wechselwirkung zwischen den schulischen Herausforderungen und der familiären Situation. Das Kind fühlt sich dumm und hilflos, weil es langsam ist. Es kommt vielleicht nach Hause und gibt dem Bruder aufs Dach. Das führt zu Streit in der Familie und in eine Abwärtsspirale.

«Alle Eltern haben lange, mühsame Behandlungswege hinter sich»: Dominik Robin, Soziologe. Foto: pd

Laut Ihren Studienergebnissen geben über drei Viertel der Eltern den Leidensdruck des Kindes als Grund für die Medikamentenabgabe an.
Es stimmt, in der Onlinebefragung gaben rund drei Viertel der Eltern den Leidensdruck als Grund an. In den Interviews, die wir mit Eltern von betroffenen Kindern führten, kamen wir zum selben Schluss.

Wie schnell nach der Diagnose entscheiden sich Eltern in der Regel für Ritalin?
Alle haben lange, mühsame Behandlungswege hinter sich. Sie haben zum Beispiel mit Logopädie angefangen, verschiedene Hobbys und alternative Therapien wie Homöopathie oder Musiktherapie ausprobiert. Für Medikamente entscheiden sich Eltern erst, wenn alles andere zu wenig oder nichts nützt. Der Entscheidungsprozess ist komplex und langwierig.

Eltern fällen den Entscheid also nicht leichtfertig.
Nein, das haben diese Studie und auch die Vorgängerstudie gezeigt. Es gilt eher das Motto: Wir wissen nicht weiter, wir haben schon viel ausprobiert, jetzt versuchen wir es mit Ritalin.

Was waren die grössten Bedenken der Eltern?
Die Nebenwirkungen der Medikamente wie Appetitstörungen und Probleme mit dem Ein- oder Durchschlafen. Aber auch die Frage: Will das Kind das überhaupt? Der Medikamentenkonsum kann bei den Kameraden zu einer Stigmatisierung führen.

Die Teilnahme an der Onlinebefragung war freiwillig. Bestand nicht die Gefahr, dass sich vor allem Eltern zurückmelden, die ihre Entscheidung bereits bewusst gefällt haben?
Es ist sicher richtig, dass eher motivierte Eltern den Fragebogen ausgefüllt haben, Eltern, die gut Deutsch können und zu Informationsveranstaltungen kommen. Das kann man nicht schönreden. Es gibt eine Zielgruppe, die ganz schwierig zu erreichen ist. So existieren zum Beispiel fast keine Studien, in welchen Väter befragt wurden. Ich kenne nur eine aus England. Sie zeigte, dass Väter das Problem oft anders sehen. Wie es in der Schweiz ist, weiss ich nicht.

Was meinen Sie mit: Väter sehen das Problem anders?
Dass sie es nicht so schlimm finden, wie sich das Kind verhält. Und dass sie es weniger nötig finden, Medikamente zu geben. Das kann zu Streit zwischen den Eltern führen. Bei geschiedenen Eltern zum Beispiel, weil das Kind im Alltag nicht mit dem Vater zusammen ist. Das heisst aber nicht, dass das Bild unserer Studie total falsch ist.

Was hat die Studie aus wissenschaftlicher Sicht gebracht?
Sie zeigt, dass man ein besonderes Augenmerk auf den Leidensdruck des Kindes legen sollte. Das wird oft gemacht, aber nicht immer. Es kommt stets zu einer Wechselwirkung zwischen Schule und Familie. Das ist eine Kernaussage unserer Studie. Der Druck beginnt in der Schule und geht weiter auf die Familie und die Kinder. ADHS ist ein gesellschaftliches Problem.

Dominik Robin ist Soziologe am Institut für Gesundheitswissenschaften an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur und Co-Leiter der Studie, welche die ZHAW in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg und der ETH Zürich durchgeführt hat.

Dieser Artikel erschien erstmals am 29. Januar 2018 im «Landbote».

(Der Landbote)

Erstellt: 26.09.2018, 16:53 Uhr

Die Studie

In der Studie «Kinder fördern: eine interdisziplinäre Studie zum Umgang mit ADHS» befragten die Wissenschaftler der ZHAW Eltern, die in der Deutschschweiz wohnen und ein Kind zwischen 6 und 14 Jahren haben, bei dem ADHS diagnostiziert wurde. Die Wissenschaftler führten sechs Elterninterviews und machten eine Onlinebefragung. 87 Eltern füllten den Fragebogen aus, der unter anderem in Arztpraxen auflag oder durch den Dachverband ADHS Schweiz (Elpos) verschickt wurde.

Die Interviews zeigten, dass Eltern in der Regel andere Therapien ausprobieren, bevor sie sich für eine medikamentöse Behandlung entscheiden. Als Grund für die Schwierigkeiten im Familienalltag gaben sie den zunehmenden Leidensdruck an, der meist in der Schule entsteht. Auch in der Onlineumfrage gaben drei Viertel (77,5 Prozent) der Eltern den Leidensdruck des Kindes als Grund an, 62 Prozent nannten familiäre Belastungen, 58 Prozent die schulischen Leistungsanforderungen. Mehrfachnennungen waren möglich.

Die Universität Freiburg gibt einen praktischen Leitfaden heraus, in welchem die Studienresultate aufgegriffen werden und Experten zu Wort kommen. Der Leitfaden wird für Eltern zugänglich sein.

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