«Ich würde Scientology niemals verbieten wollen»

Seit 37 Jahren kämpft Hugo Stamm als «Tages-Anzeiger»-Redaktor gegen Sekten und Scharlatane. Jetzt geht er in Teilpension. Was treibt ihn an?

Intensive Gefühle in der Natur: Hugo Stamm. Foto: Sabina Bobst

Intensive Gefühle in der Natur: Hugo Stamm. Foto: Sabina Bobst

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Seit Jahrzehnten arbeiten wir ­gemeinsam beim «Tages-Anzeiger». Und seit wir uns kennen, legst du dich an mit Sekten, mit ­Evangelikalen und Astrologen. Warum tust du dir das an?
Ich bin hartnäckig, ich wachse am Wider­stand, ich habe ein starkes Gerechtigkeitsempfinden. Vor allem sehe ich mich als Aufklärer. Viele sogenannte Religions­gemeinschaften missbrauchen die Religionsfreiheit, um Menschen von sich abhängig zu machen und ihre totalitären Interessen durchzusetzen. Dagegen kämpfe ich an. Ich habe in all den Jahren Hunderte von Sektenopfern und ihre Angehörigen beraten. Das gab meiner Arbeit einen zusätzlichen Sinn – weit über die Aufklärungsfunktion hinaus, die ich für mich beanspruche.

Man sagt von Hundebesitzern, dass sie immer mehr ihren Hunden gleichen …
… und wer soll ich dabei sein, der Hund oder der Besitzer? Ich finde den Vergleich anmassend und deplatziert. Nur weil ich als Journalist mit Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit vorgehe und mich dabei mit mächtigen Organisationen anlege, heisst das noch lange nicht, dass ich mich ihnen angleiche. Zudem unterschlägt die Formulierung, wie viel Energie man bei dieser Art von Arbeit aufwenden muss. Welchem Druck man sich aussetzt, mit was für Kräften man es zu tun bekommt.

Wer viel mit Sekten zu tun habe, hört man, werde selber hart dabei. Stimmt das?
In der Arbeit hast du gar keine andere Wahl, wenn du umzingelt bist von sehr unangenehmen Kontrahenten. Wenn gegen dich gemobbt wird, wenn du beschattet wirst, tätlich angegriffen. Wenn du Drohbriefe und Morddrohungen bekommst. Wenn du deinen Vortrag nur mit Polizeischutz halten kannst. Wenn dir nachts um zwei Steine durchs Fenster geworfen werden. Wenn du über fünfzig Strafverfahren und Prozesse überstehen musst gegen Leute, die unendlich viel Geld haben, dich auf eine Million Schadenersatz verklagen und sich die teuersten Anwälte leisten können. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, da hatte ich 13 Prozesse gleichzeitig am Laufen, die mich monatelang beschäftigten, Tag und Nacht. Es mag sein, dass mich solche Erfahrungen bei Auftritten härter wirken lassen, als ich es bin. Es kann sein, dass ich manchmal heftig reagiere, was auch an meinem Temperament liegt. Meine öffentliche Rolle ist zu einer zweiten Haut geworden, die abzustreifen nicht immer einfach ist. Dabei bin ich als Mensch harmoniebedürftig und halte mich für einfühlsam. Und man muss manchmal laut werden, um bei solchen Gegnern gehört zu werden.

Wie viele Prozesse hast du verloren?
In der Schweiz keinen einzigen, es gab zwei Vergleiche. In Deutschland verlor ich in einem Verfahren in 8 von 26 Punkten. Das war gegen den Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis, den VPM.

Wie kamst du eigentlich dazu, dich mit Sekten zu befassen?
Mitte der Siebzigerjahre sprach ein Mann bei unserem Portier vor, der eine schlimme Geschichte erzählen wollte, es ging um Jugendreligionen. Ich war damals 26 und beim «Tages-Anzeiger» für Jugendthemen zuständig, also traf ich ihn. Er erzählte mir von seinen Erfahrungen mit Scientology in München. Ich kannte die Sekte nur dem Namen nach, es gab noch keine Berichte. Zuerst hielt ich den Mann für paranoid, dann suchte ich die Scientologen auf und konfrontierte sie mit seiner Kritik.

Und dann?
Sie wiesen alle Vorwürfe zurück, sprachen von Lügen und Kolportagen, stellten sich dar als verfolgte Religion – also das, was Scientology bis heute macht. Erst als ich Angehörige und Aussteiger fand, wurde mir klar, dass der Mann aus München recht hatte. Dass Scientology aus einer Fassade besteht, die das Gegenteil dessen behauptet, was dahinter abging. Nämlich wie die Menschen behandelt, abhängig gemacht und ausgebeutet werden. Also begann ich, zu recherchieren und ein Buch zu schreiben. Ich musste es selbst finanzieren, weil kein Verlag es drucken wollte. Auch meine Redaktion reagierte abwehrend auf meine Texte, man fürchtete sich vor ­Klagen und Druckversuchen.

Das ist lange her. Was hat sich ­seither am meisten verändert?
Die Sekten haben sich globalisiert wie so vieles andere. Menschen schaffen sich eigene Heilslehren, was wiederum Sektenführer dazu nutzen, Anhänger anzuziehen. Dabei ist das Internet enorm wichtig. Wenigstens nützt es auch denen, die über solche Vorgänge aufklären.

Was treibt Menschen immer wieder dazu, sich Sekten anzudienen?
Das Bedürfnis nach Klarheit durch Fremdkontrolle. Die Einsamkeit. Und die Angst vor dem Tod.

Was bekommen sie dafür?
Das Versprechen, all ihre Probleme würden gelöst. Das Gefühl, die Verantwortung abgeben zu können. Das Angebot einer verschworenen Gemeinschaft. Und die Hoffnung auf ein ewiges Leben.

Das sind Lügen, also handeln ­solche Organisationen betrügerisch. Müsste man zum Beispiel die Sciento­logen verbieten lassen?
Ich würde Scientology niemals verbieten wollen, das liefe auf eine Niederlage der Zivilgesellschaft hinaus. Es wäre das Eingeständnis, solchen Sekten nicht gewachsen zu sein. Was ich mir aber wünsche: einen religiösen Konsumentenschutz. Und dass sich radikale Gruppen nicht mehr als Religionen anbieten können – mit allen rechtlichen Privilegien und Steuererleichterungen, die das ihnen bringt.

Warum passiert das nicht?
Aus Unwillen, sich auf das Thema einzulassen. Als die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats einen fundierten Bericht zum Sektenwesen in der Schweiz vorlegte, wischte ihn der Bundesrat mit dem Hinweis beiseite, Religion sei Sache der Kantone. Aber es spielt auch Angst vor Auseinandersetzungen mit hinein, gerade wenn es um Scientology geht.

Wie muss man sich das vorstellen?
Im Steuerstreit mit der amerikanischen Steuerbehörde IRS schaltete die Sekte seitengrosse Inserate, in denen sie mit gezielten Enthüllungen Steuerbeamte blossstellte. Die Behörde musste nach­geben.

Scientology gehört zu deinen ­grössten Gegnern. Jürg Stettler, der Schweizer Leader der Organisation, hält dich für fanatisiert in religiösen Fragen, aber ausgesprochen ­umgänglich in allem anderen.
Es stimmt, wir haben uns nach öffentlichen Streitgesprächen auf dem Heimweg auch schon bestens unterhalten. Auch er ist privat weit weniger hart, als er nach aussen wirkt. Hinter der Funktion sehe ich den Menschen, den ich respektiere. Ausserdem rechne ich ihm hoch an, dass er die Hardliner in den eigenen Reihen immer wieder gebremst hat.

Wenn wir schon bei deinen ­Kritikern sind, hier eine Frage von Beat Christen, einem Vertreter der evangelikalen Bewegung: ­Woher du dir das Recht ­herausnähmst zu wissen, was ­richtig sei und was falsch.
Strenggläubige, die sich im Besitz der letzten Wahrheit wähnen, werden durch kompetente Kritik widerlegt, und das passt ihnen nicht. Sie empfinden Gegenargumente als Anmassung und Gotteslästerung. Ich sage nicht, was richtig ist, sondern zeige ihre Widersprüche auf. Und weil sie mir eine gewisse Fachkompetenz nicht absprechen können, kritisierten sie die Form: Ich sei belehrend und überheblich. Wahr daran ist nur, dass ich standhaft bleibe.

Christen nimmt auch wunder, wie es um deine eigene Spiritualität steht.
Was auch immer das für Erlebnisse, für Erfahrungen, für Gefühle sind, auf die er anspielt: Ich lasse sie mir nicht von einer Glaubensrichtung vorschreiben. Und ich wehre mich vehement dagegen, dass Gläubige die Spiritualität für sich beanspruchen.

Du liebst die Berge, das Meer, die Wälder, die Natur. Ist das eine spirituelle Erfahrung?
Ich sage nur, dass die Natur mir ähnlich intensive Gefühle vermittelt wie das, was religiöse Menschen eine spirituelle Erfahrung nennen. Dafür braucht es für mich aber keinen Glauben. Spiritualität, was auch immer man darunter verstehen mag, ist ein persönliches Gefühl.

Du bist Freerider, Wellenreiter, Biker, Konzertbesucher, das sind Ekstasetechniken. Ist Gott eine Gehirn­substanz, wie manche ­Neurologen behaupten?
Das scheint mir eine plausible Erklärung zu sein. Womit ich das Erlebnis selbst in keiner Weise entwerten möchte.

Häufig sieht man dich mit dem Rollbrett durch die Stadt fahren. Auch als Pensionär?
Natürlich, auch wenn es für manche komisch wirkt. Du kommst sehr schnell voran, und das Kurven, Fahren und Gleiten ist ausgesprochen lustvoll. Diese Freiheit nehme ich mir heraus, wieso auch nicht? Man sagt ja, mit zunehmendem Alter gehe das Empfinden zurück. Ich kann das nicht bestätigen.

Was hat dich dein Umgang mit Sekten über die Menschen gelehrt?
Den Menschen mehr zu trauen als ihren Religionen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.05.2014, 23:42 Uhr

Hugo Stamm

Der Unmissverständliche

Seinen Sektenblog betreibt er weiter, und auch ist fast nicht vorstellbar, dass er nach 37 Jahren mit seinem Thema aufhört: dem Anschreiben gegen Sekten und Scharlatane. Eigenwillig war er immer. Schon als Mittelschüler zog Hugo Stamm, 1949 in Schaff­hausen geboren und aufgewachsen, bei den Eltern aus und verdiente sein Geld selber. Nach dem Lehrerseminar studierte er Philosophie, brach das Studium aber ­zugunsten einer journalistischen Karriere beim «Tages-Anzeiger» ab. Stamm hat acht Bücher geschrieben. Er lebt in Zürich und hat zwei Kinder. (jmb.)

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