Hintergrund

«Ich wurde seit meiner Geburt einer Gehirnwäsche unterzogen»

Schon als Kleinkind wurde sie von ihren Eltern in die Scientology-Kirche eingeführt. Jetzt rechnet die Nichte des höchsten Scientologen David Miscavige in einem Enthüllungsbuch mit der Sekte ab.

Über zwanzig Jahre bei Scientology: Jenna Miscavige Hill zu Gast bei «Piers Morgan Tonight». (5.2.2012, Quelle: Youtube.com)


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die ohnehin schon umstrittene Scientology-Kirche kämpft derzeit mit noch grösseren Imageproblemen. Nachdem im Januar das Enthüllungsbuch des Starjournalisten Lawrence Wright («Going Clear. Scientology, Hollywood and the Prison of Belief») die Sekte in arge Bedrängnis gebracht hat, sorgt nun bereits die nächste Publikation für Ärger. Ausgerechnet die Nichte des höchsten Scientologen David Miscavige, Jenna Miscavige Hill, die schon in Babyjahren in die Maschinerie der Sekte eingeschleust wurde, rechnet in einem 400-seitigen Erfahrungsbericht («Beyond Belief: My Secret Life Inside Scientology and My Harrowing Escape») mit der Kirche ab.

Vor fünf Jahren hatte Jenna Miscavige Hill in ihrem Blog «Exscientologykids.com», den sie gemeinsam mit zwei weiteren Scientology-Aussteigerinnen führt, zum ersten Mal über ihre Kindheit innerhalb der Kirche berichtet. Am Dienstagabend äusserte sich die 29-jährige Autorin in einem Exklusivinterview in der «Piers Morgan Tonight»-Show zum brisanten Inhalt ihres Buches.

Jenna ist knapp zwei Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Los Angeles zieht, damit sich ihre Eltern, Mitglieder der Elitetruppe Sea Org, noch stärker in die Sekte einbringen können. Während die Eltern täglich, sieben Tage die Woche bis spät am Abend arbeiten, wird Jenna von ihrem älteren Bruder Justin in den Kindergarten für Sea-Org-Mitglieder gebracht. «Dort verbrachte ich gemeinsam mit rund 80 anderen Kindern den ganzen Tag», erzählt die Autorin. Um halb fünf holte sie ihr Bruder von der Bushaltestelle ab, und gemeinsam gingen sie zurück in die Wohnung, wo sie mehrere Stunden auf die Eltern warteten. Doch die gemeinsame, von der Sekte genehmigte «family time» ist kurz: «Nach einer Stunde mussten meine Eltern zurück zur Arbeit, Justin und ich blieben zu Hause, bis wir ins Bett gingen. Allein.»

Für immer und ewig

Mit der Zeit steigen die Eltern immer weiter auf in der Scientology-Hierarchie, immer öfter bleiben sie tagelang weg, verbringen nur noch wenige Stunden an den Wochenenden mit ihren Kindern. Ab 1988 ist Jennas Mutter sogar monatelang weg, weil die Mutter auf dem Scientology-Schulungsdampfer Freewinds arbeitet – dieser liegt in einem Hafen der Karibikinsel Curacao vor Anker. Jenna und ihr Bruder werden fortan von der Nanny Pat betreut. «Pat war während zwei Jahren meine wichtigste Bezugsperson», so Jenna, «als wir uns zwei Jahre später von ihr trennen mussten, weil wir auf eine Ranch in die Nähe unserer Eltern gebracht wurden, war ich todunglücklich.»

Beim Eintritt in die Ranch müssen Jenna und ihr Bruder einen Vertrag mit Scientology unterschreiben: «Ich verpflichtete meine Seele für eine Milliarde Jahre im Dienst für Scientology.» Die Ranch erweist sich als eine harte Zeit, voller Arbeit und mit wenig Freizeit. In ihrem Buch und auch bei Piers Morgan in der Sendung beschreibt Jenna Miscavige diese Zeit als Kinderarbeit: «Wir mussten stundenlang auf der Ranch arbeiten, jeden Tag, ausser am Samstag.»

Als Jenna sechzehn Jahre alt ist, verlassen ihre Eltern Scientology. Jenna bleibt der Sekte treu. «Ich wurde seit meiner Geburt einer Gehirnwäsche unterzogen», erklärt sich die Autorin bei Morgan, «ich kannte nichts anderes als Scientology. Die Kirche war mein Leben.» Zudem habe sie zur ihren Eltern praktisch keinen Kontakt gehabt. Und als diese die Sekte verlassen, beschränkt sich dieser auf drei Tage im Jahr. Ein Besuch, der jedes Mal von der Sekte kontrolliert und von einem «mehrstündigen Verhör durch Security-Spezialisten» gefolgt wurde.

Der Ausstieg aus den Fängen von Scientology gelingt Jenna Miscavige erst als 21-Jährige. Drei Jahre später bricht sie erstmals ihr Schweigen, jetzt macht sie mit ihrem Buch Tabula rasa. Ihr Onkel, David Miscavige, der zu Wutanfällen neigt und schon Mitarbeiter blutig geschlagen haben soll, wird über den Enthüllungsroman nicht erfreut sein. Ob sie keine Angst vor Konsequenzen habe, fragte Piers Morgan die Autorin. «Mein Onkel ist ein böser Mensch, aber ich habe keine Angst vor ihm.»

Erstellt: 08.02.2013, 10:21 Uhr

Artikel zum Thema

Roter Teppich für Scientology

Analyse Hugo Stamm John Travolta verleiht dem Zurich Film Festival Glanz – oder etwa doch nicht? Die PR-Aktion ist mit Risiken verbunden. Zum Blog

Das Festival, der Skandal & Scientology

Stadtblog Das Zürich Film Festival und seine Gäste: Hauptsache People, Party und Schweizer Paparazzini – dieses Jahr mit Skandalnudel Travolta. Und die Filme? An die kann sich sowieso bald keiner mehr erinnern. Eine Glosse. Mehr...

Eltern fielen auf Scientology-Schule herein

Hugo Stamm Hugo Stamm In Zürich wurde einer Scientology-Primarschule die Betriebsbewilligung erteilt. Die Folgen tragen Eltern, die nichts über die Trägerschaft wissen. In anderen Kantonen, etwa in Luzern, wäre das nicht möglich. Zum Blog

«Grauenvolle Flucht»: Die Biografie von Jenna Miscavige Hill.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...