Ihr Schicksal trifft uns mitten ins Herz

Schweizer Holocaust-Opfern steht ein Ort des Gedächtnisses zu. An einer Gedenkfeier appellierte Historiker Jacques Picard an die Politik.

80. Jahrestag der Reichspogromnacht: Die brennende Synagoge am Börneplatz in Frankfurt am Main in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Foto: CPA Media, Pictures from History

80. Jahrestag der Reichspogromnacht: Die brennende Synagoge am Börneplatz in Frankfurt am Main in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Foto: CPA Media, Pictures from History

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In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Deutschland Synagogen angezündet, Juden angegriffen, jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnhäuser geplündert und zerstört. In Erinnerung an die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten, die am 9. November 1938 in der sogenannten Reichskristallnacht – so der beschönigende Name der NS-Machthaber – einen ersten Höhepunkt fand, geben wir hier ein öffentliches Zeichen, dass dieses menschenverachtende Unrecht vor 80 Jahren nicht vergessen ist.

Damals herrschte mehrheitlich Schweigen, Wegschauen oder gar offene Zustimmung zu den Ereignissen – übrigens auch in den Kirchen. Wenige nannten die Verbrechen beim Namen. Das Gedenken ist ein Aufruf zum Innehalten und Nachdenken über die damals öffentlich gewordene Verfolgung in Deutschland, die alsbald im Zeichen der Kriegsexpansion auf Europa übergriff: Zerschlagung von Fensterscheiben, Zerstörung jüdischer Geschäfte und Wohnungen, mehr als 1500 in Flammen stehende Synagogen, Plünderung, Totschlag und Mord. Mit der gleichzeitigen Rede von einer durch die Juden zu bezahlenden «Sühne-Milliarde» wurde der Auftakt zu einer gezielten Raubwirtschaft gesetzt, die letztlich in die Ermordung der Beraubten münden sollte.


Synagogen leuchten im Gedenken an die Reichspogromnacht. (Video: SDA)


Zwei weitere historische Momente gehören in den Zusammenhang des Herbsts 1938. Sie gehen dem Fanal der Pogromnacht unmittelbar voran und machen überdies deutlich, wie sehr die Ereignisse im nationalsozialistischen Deutschland auch die Schweiz berührt hatten.

Ausweise mit dem roten J

Erstens: Juden mussten seit dem 23. Juli 1938 sogenannte Kennkarten bei sich tragen, seit dem 17. August die Zweitnamen «Israel» bei Männern oder «Sara» bei Frauen annehmen und seit dem 5. Oktober ihre Sonderausweise mit einem roten J, dem sogenannten Judenstempel, abstempeln lassen. Diese Kennzeichen ermöglichten schnelle Verhaftung, Deportation, flächendeckende Enteignung und Abschiebung. Der J-Stempel wurde aufgrund eines Abkommens zwischen der Schweiz und Deutschland eingeführt, geht aber auf einen Vorschlag der deutschen Behörden zurück, eine Einführung der vom Schweizer Bundesrat verlangten Visumspflicht für sämtliche Reichsangehörigen zu vermeiden. Die Schweiz verzichtete auf eine in der Vereinbarung reziprok vorgesehene spezielle Kennzeichnung der Pässe von Schweizer Juden. Hingegen sollte gefährdeten Juden die Einreise in die Schweiz ohne vorherige spezielle Antragstellung und Bewilligung verwehrt bleiben.


Zeichen des Erinnerns


Dies umging der St. Galler Polizeikommandant Hauptmann Grüninger, als er von 1938 bis 1939 mehrere Hundert jüdische und andere Flüchtlinge rettete, indem er ihnen durch Vordatierung der Einreisevisa oder Fälschung anderer Dokumente die Einreise in die Schweiz ermöglichte.

Zweitens: Im Juli 1938 kamen 32 Staatendelegationen sowie Hilfswerke in Evian zusammen, um über die Bewältigung steigender Flüchtlingszahlen aus Deutschland und Österreich zu beraten. Die Schweizer Regierung befürchtete, ein Treffen am Sitz des Völkerbunds in Genf könne ihr Verhältnis zum nationalsozialistischen Deutschland trüben, und so trafen sich die Delegierten im nahe gelegenen französischen Evian-les-Bains. Die Konferenz endete weitgehend ergebnislos, da sich, mit Ausnahme der Dominikanischen Republik, alle Teilnehmerstaaten weigerten, mehr jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Die Briten hatten im November 1937 ohnehin für Palästina rigide Aufnahmebeschränkungen erlassen, obwohl sie 20 Jahre zuvor den Juden eine «nationale Heimstätte» zugesagt hatten.

Moralische Katastrophe

Der Ausgang der Konferenz von Evian war eine moralische Katastrophe, ermunterte dies doch die Nationalsozialisten, ihre Politik weiterzuführen. Deutschland biete der Welt seine Juden an, aber keiner wolle sie haben, schrieb der «Völkische Beobachter» hämisch.

«Den Schweizer Opfern gebührt ein sichtbares Gedenkzeichen.»

Was die Schweiz betrifft, so hatte sie sich, zusammen mit anderen Staaten, in völkerrechtlicher Hinsicht in einem Arrangement vom Juli 1936 betreffend den Rechtsstatus von Flüchtlingen aus Deutschland immerhin dazu verpflichtet, keine Rückschaffungen von Verfolgten vorzunehmen, womit deutlich wird, dass eine Ausweisung oder Aushändigung von Flüchtenden als völkerrechtswidrig gelten konnte. Gerade diese Einbindung in ein damals noch provisorisch geltendes, aber völkerrechtlich angelegtes Arrangement mag uns Heutigen zeigen, was sich aus einer oft und gern beschworenen «Lehre aus der Geschichte» beziehen lässt, wenn in Reden die Vokabeln «Erinnerung», «Gedächtnis» oder «Gerechtigkeit» als eine hohe Maxime für Politik, Gesellschaft und Bildung hervorgehoben werden. Dazu drei Punkte.

Erstens: Das seither entwickelte neue Völkerrecht hat das menschliche Individuum und seine Schutzwürdigkeit ins Zentrum gestellt, und nicht mehr allein und einzig die Beziehungen zwischen souveränen Staaten oder den Schutz einer Minderheit als Kollektiv. Das humanistische Völkerrecht kommt in der Erklärung der allgemeinen und unteilbaren Menschenrechte zum Ausdruck. Der Krieg gegen ein verbrecherisches Regime des gesetzlichen Unrechts katalysierte die Idee der Menschenrechte, wie sie seit der Zeit Immanuel Kants und Moses Mendelssohns allmählich ausformuliert wurden, in eine universale Erklärung, international verbindliche Normen zu schaffen. Wer aber bloss den Vorrang einer Gemeinschaft – «We First» – in absoluter, sich selber auserwählender Positionierung behauptet, leistet dem Götzendienst Vorschub.

Menschlicher Horror

Erinnern wir uns an die Worte von Isaiah Berlin: Die Notwendigkeit gesetzlicher Moral liegt nicht im Glauben an die menschliche Vernunft, wozu es keinen Anlass gab und gibt, sondern einfach in der Erinnerung an den menschlichen Horror. Menschenrechte samt ihren spezifischen Normen bestehen also nicht wegen, sondern gegen die spezifische Natur des Menschen, die letztlich indifferent gegenüber dem andern ist. Sie entstehen aus historisch-politischen Gründen, aus den «Zeugnissen der Furcht», und nicht aus utopischen Ansprüchen religiöser, ethnischer, ideologischer, geschlechtlicher oder kultureller Art, die naturgemäss immer partikular bleiben müssen.

Zweitens: Die Bedeutung des Staates Israel ist eine weitere Lehre aus der Geschichte. Die europäischen Juden verfügten, als 1938 die Synagogen brannten, über keine staatliche Souveränität, die sich ihrer als schützende Macht und als sicherer Hafen hätte annehmen können. Kontrafaktisch gesprochen: Hätte es den Staat Israel, wo auch immer auf der Welt, in den 1930er-Jahren gegeben, so wären die Reichspässe deutscher Juden nicht mit den Vornamen «Israel» und «Sara» gekennzeichnet worden, und die Geschichte hätte möglicherweise einen anderen Verlauf bezüglich europäischer Judenpolitik genommen. Aber das muss Spekulation bleiben.

Keine Gedächtnisstätte

Von Bedeutung ist, dass der Staat Israel mit den Ereignissen, deren Opfer wir heute gedenken, in geschichtlichem Zusammenhang steht. Das zeigt sich schon darin, dass die Knesset eine Umkehrung der Nürnberger Gesetze von 1936 selbstbewusst vorgenommen hat: Jeder, der nur einen jüdischen Grosselternteil hat, ob männlich oder weiblich, ist demnach als schutzsuchender Einwanderer willkommen.

Aus eben denselben und sehr guten Gründen ist die Existenz des Staates Israel auf völkerrechtlichen Grundsätzen gebaut, die für alle seine Bürgerinnen und Bürger den Maximen der Menschenwürde, der Freiheit und der Gleichheit folgen sollen, wie dies im Wortlaut der Unabhängigkeitserklärung von 1948 erwähnt wird. Wer diese Maxime verkennt, verkennt erinnerungspolitisch den Massstab für die so gerne beschworenen «Lehren aus der Vergangenheit».

Der Basler Historiker Jacques Picard. Foto: PD

Drittens: Es leben unter uns die Überlebenden der Shoah und des Holocaust, zumeist in die Schweiz gekommen nach dem Krieg. Ihr Schicksal und das der Ermordeten trifft uns mitten ins Herz! Es leben unter uns auch all jene Schweizer, die seit 1933 Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung geworden sind – ob jüdisch oder nicht jüdisch, ob als Schweizer Bürger oder Niedergelassene in diesem Land aufgewachsen. Ihnen die gebührende moralisch-politische Anerkennung zukommen zu lassen, ist eine notwendige offizielle und öffentliche Geste – ihnen wie ihren Nachfahren gegenüber.

Leider gibt es hierzulande keine eidgenössische Gedächtnisstätte, welche diese Opfer erfassen und an sie erinnern würde. Die Schweiz hat es im Jahr ihrer Präsidentschaft der Internationalen Holocaust Remembrance Alliance (2017-2018) verpasst, den ermordeten oder überlebenden Schweizer Opfern der NS-Verfolgung Aufmerksamkeit und Anerkennung zu schenken. Den Schweizer Opfern von Verfolgung und Holocaust gebühren offiziell eine hörbar ausgesprochene moralische Anerkennung und ein sichtbares Gedenkzeichen seitens des Bundesrates.

Dies ist die leicht gekürzte Rede, die Jacques Picard in derSynagoge Löwenstrasse in Zürich gehalten hat. Der emeritierteProfessor der Uni Basel gehörte der Bergier-Kommission an. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.11.2018, 08:06 Uhr

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