Ihr könnt mich mal

Die einen wollen die Welt retten und fordern Konsumverzicht. Die anderen haben keine Lust mehr auf immer neue Verbote. Ein Schlichtungsversuch.

Wo darf man heute eigentlich noch rauchen? Wer in der Öffentlichkeit zur Zigarette greift, kann sich jedenfalls auf was gefasst machen. Bild: Getty

Wo darf man heute eigentlich noch rauchen? Wer in der Öffentlichkeit zur Zigarette greift, kann sich jedenfalls auf was gefasst machen. Bild: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es sieht beinahe so aus, als wollten wir gerade einen Teil unserer Errungenschaften schnell wieder loswerden, weil sie uns unheimlich geworden sind. Und sind einige Phänomene nicht wahrhaftig beinahe über Nacht in unseren Alltag gekommen? Plötzlich standen die grünen E-Scooter am Gehsteigrand und warteten darauf, dass ein ehemaliger Fussgänger sie abholte und mit ihnen verlegen grinsend durch den Stadtverkehr schlingerte. Kaum waren sie da, kamen die ersten Unfallmeldungen und bald sogar Berichte über Menschen, die sich auf den Dingern zu Tode fuhren.

Die SUV, jene panzerartigen Wohlstandsmobile, wurden angeschafft, damit die Berliner Kleinfamilie aus der Heinrich-Roller-Strasse besser durch die steinigen Feldwege in der Schorfheide kommt. Sympathisch waren diese Autos von Beginn an nur wenigen, aber weil sogar die Mütter in Prenzlauer Berg angeblich ihre Kinder damit zur Kita fuhren, taugte der SUV immerhin für köstliche Glossen in der Lebensstilbeilage.

Dann passierte mitten in Berlin ein unfassbarer Unfall mit vier Toten, und der SUV war keine milde bespöttelte robuste Tussenkutsche mehr, sondern ein Kriegsgerät, das aus dem Verkehr gezogen werden müsse. Weil wir ohnehin gerade im Verbotsmodus sind, erklang prompt der Ruf, den Verkauf dieser grossen, harten Autos zu untersagen.

Und als Echo kam der inzwischen zum Lobbyismus zusammengeschnurrte Liberalismus, den Christian Lindner vertritt, zurück: «Wir werden den Planeten nicht retten, indem wir einen Morgenthau-Plan für Deutschland umsetzen und die Deutschen zu veganen Radfahrern machen», sagte der FDP-Vorsitzende in einem FAZ-Gespräch. Ob der Mann wirklich glaubt, die Verknüpfung abgeschmackter historischer Anleihen mit bis zur Unredlichkeit verkürzten Porträts vermeintlich lächerlicher Bürger brächte ihm und seiner Partei auch nur ein Körnchen Vertrauen ein?

Zu fast jedem Alltagsgegenstand gibt es inzwischen eine kritische Fussnote

Wenn Christian Lindner sich in irgendeinem intellektuellen Trend befindet, dann wohl in dem des rhetorischen Rigorismus. Die Spieleraufstellung ist jedem geläufig: Die einen möchten Geräte und Konsumgüter verbieten, welche tatsächlich oder ihrer Wahrnehmung nach geeignet sind, Klima und Ressourcen zu schädigen. Die anderen wollen von dem ganzen Vorschriftenzeug nichts wissen und fahren erst recht SUV, weil es ihrer Vorstellung gemäss zur Freiheit des mündigen Bürgers gehört.

Aus beiden Feldern bedienen sich die Parteien und Lobbys. Die einen, nennen wir sie die Grünen, wünschen eine sanfte Radikalisierung ökologischer Politik, möchten aber immer noch einigen der konsumfreudigen Wähler aus dem anderen Lager zuzwinkern dürfen. Die anderen, sagen wir die FDP, vulgarisieren ihren eigenen Freiheitsbegriff und erklären den trotzigen Ich-zahl-schliesslich-Steuern-Konsumenten zum Lifestyle-Garibaldi.

Und wir anderen stehen alle ein bisschen ratlos am Strassenrand, sitzen grübelnd in der Abflughalle und verkneifen uns das Fluchen, wenn im Bioladen die Scheisspapiertüte drei kleine Äpfel aus der Uckermark nicht aushält, ohne aufzureissen.

Vermutlich sind wir noch gar nicht reif für diese komplette Überversorgung mit Schnelligkeit, Erreichbarkeit und Meinungsvielfalt. Vielleicht überschätzen wir unsere zivilisatorischen Fertigkeiten, weil wir weder motorisch noch moralisch so weit sind, den ganzen Irrsinn sachgerecht zu handhaben. Zu beinahe jedem Alltagsgegenstand gibt es inzwischen eine kritische Fussnote.

Fleisch zu essen war bis vor Kurzem eine Sache des persönlichen Geschmacks oder der Gesundheit, mittlerweile ist es beinahe ein Angriff auf die Wertegemeinschaft. Wer Plastiktüten benutzt, muss das Bild des Pelikans mit tödlichem Müll im Kehlsack vor Augen haben. Im Flugzeug werden wir zu Mitgestaltern am Klimawandel; das Zeitalter des E-Autos sehnen wir uns zwar herbei, haben aber den kleinen grünen Teufel Kretschmann auf der Schulter sitzen, der uns ins Ohr schwäbelt: «Wo sollen die alle tanken?»

Berliner Richter entschieden gerade: Das Wort «Drecks Fotze» gehört zum Meinungsspektrum

Die Reichweite unserer Verantwortung ist grösser denn je, sie langt von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Jahrzehntelang haben unsere Väter ohne Augenmass von Ressourcen gelebt, deren Schwinden wir heute konstatieren – unseren Kindern hinterlassen wir vielleicht eine Welt, die so aussieht, wie Greta Thunberg sie uns schwarzmalt.

Möglicherweise sieht sie ja auch deutlich besser aus, aber das spielt keine Rolle, weil der zivilisatorische Marschbefehl lautet: Ihr habt diese Erde bislang miserabel verwaltet, jetzt müsst ihr dafür bezahlen. Und zwar mit Verzicht, der neuen ideologischen Währung, von der sich mancher eine Abkehr von der kapitalistischen Wahnwelt aus Überkonsum und rasendem Stillstand verspricht. Das Triste daran ist, dass der Verzicht in den meisten Fällen keinen freiwilligen individuellen Lastenabwurf bedeutet, sondern die Folge eines Verbots ist, also einer autoritären Ansage.

Wir sind eine Zuruf-Gesellschaft, die auf Reizwörter reagiert. Häufig, eigentlich zu häufig werden Begriffe von den einen gekapert und von den anderen zurückgeholt. Die Mobilität ist den Konservativen ein Freiheitsbegriff, die Klimaschützer sehen in ihr eine Kulturtechnik, die es einzuschränken gilt. Über Klimawandel ist kaum ein vernunftgesteuertes Gespräch zu führen, weil der Begriff längst ideologisiert und in eine Kampfvokabel überführt ist: Den Rechtsextremen ist sie ein Synonym für Volks- und Freiheitsverrat; für die Klimaschützer ist darin der Generalverdacht gegen das Alltagsverhalten der meisten Menschen in den westlichen Gesellschaften enthalten. Wo die einen versuchen, zivilisatorischen Wildwuchs einzuhegen, machen sich die anderen mit der Sense auf den Weg.

So steht es augenblicklich mit der Moral

Es gibt neuerdings sogar unter liberalen Menschen den Konsens, dass Liberalität am besten durch Verbote und Weisungen zu verteidigen sei. Die streberhafte und ängstliche Normierung von Sprache ist ein auffälliger Teil davon. Akteure wie Wähler, Lehrer und Studenten sollen nur als Partizipialformen, also als Wählende, Lehrende und Studierende auftreten; Scherze mit geschlechterbezogener Pointenausrichtung haben zu unterbleiben.

Krass und grell wütet demgegenüber die komplette Entgrenzung derer, für die bereits der demokratische Konsens ein Reizwort ist und die mit Hasssprache gegen jede zivilisatorische Vereinbarung anschreien. Richter der 27. Zivilkammer des Berliner Landgerichts beschieden kürzlich, dass am untersten Ende der Leiter ansässige Schmähbegriffe wie «Stück Scheisse» und «Drecks Fotze», in diesem Fall auf die Grünen-Politikern Renate Künast gemünzt, keineswegs einem Verbot unterliegen dürfen, sondern als Mittel der Meinungsäusserung zulässig seien.

So steht es augenblicklich mit der Moral: Die einen möchten die Welt in Watte packen, die anderen wollen sie zu einem raueren Ort machen, als sie es bereits ist. Zornig sind sie alle; die einen, weil sie glauben, dass ihre Ängste nicht ernst genommen werden, die anderen, weil sie meinen, ihr Hass werde noch nicht ausreichend durch Konsequenzen gewürdigt. Was beide verbindet, ist der Hang zum Autoritären. Die vereinzelten Überkorrekten, die im Gartencafé böse blickend den Zigarettenrauch des Tischnachbarn wegfächeln, sind von gut organisierten Aktivisten abgelöst worden, die um die Legitimation ringen, im Zweifelsfall Tische verbieten zu können, weil man darauf einen Aschenbecher stellen könnte.

Vor einiger Zeit durfte man noch darauf vertrauen, dass die Leute gewisse Dinge selbständig regeln. Die Raucher fanden ihren Freiraum vor der Kneipentür, die Hundebesitzer zückten schon die Plastiktüte, wenn der Hund um einen Baum strich, und das teure Carsharing machte viele Städter zu Gelegenheitsautofahrern. Das alles reicht nicht mehr aus, jetzt geht es immer gleich ums Ganze. Denn der Wallungswert bei unkorrektem Allgemeinverhalten ist erheblich gestiegen, und das Vertrauen in die sich selbst zügelnde Zivilgesellschaft ist dem Wunsch nach mehr staatlicher Regulierung gewichen.

Carola Rackete gibt nur dann ein Interview, wenn der Reporter nicht mit dem Flugzeug kommt

Woran das liegen mag? Wir wissen offenbar nicht mehr so recht weiter, weil wir zwischen zwei hochaufgeladenen Weltendeuter-Fraktionen stehen. Den einen ist kein Alarmismus zu überzogen, um mit einem Schwung die Schädlinge von der Ölheizung über die Plastiktüte bis hin zum Inlandsflug zu verbieten. Die anderen freuen sich schon auf die Verbote, weil sie dann sagen können, die freie Gesellschaft werde geknebelt und man solle besser AfD wählen, denn da kommt die Klimakrise nur als blunzblöder Stammtischwitz vor.

In den Achtzigerjahren setzte jeder etwas bessere Kabarettist auf die Wut als Zündschnur für mittelscharfe Kritik am Regierungsstil der Kohl-Regierung. An der Regierung wohlgemerkt, den Begriff Systemkritik, den die Rechten heute kapern, um das demokratische Prinzip zu denunzieren, gab es nur im Baudrillard-Seminar. «Die Wut ist jung» sang die Düsseldorfer Kom(m)ödchen-Diva Lore Lorentz und reklamierte für sich intellektuelle Frische. Heute sind Wut und Zorn eher muffiger Stoff für die durchgeknallten Hass-Twitterer oder die hässlichen kleinen Brillenmänner der AfD, wenn sie von ihren Marktplatzbühnen dem Volk zubrüllen, es solle sich sein Land, von wem auch immer, zurückholen.

Als die sonst eher ruhig und souverän auftretende Greta Thunberg beim UN-Klimagipfel in New York auf einmal mit verzerrtem Zorngesicht die älteren Generationen für ihr vermeintlich verlorenes Leben verantwortlich machte, mussten viele einst solidarisch geballte Fäuste für verlegenes Hineinhüsteln herhalten. Die hausmeisterhafte Zurechtweisung, die Abmahnung und die schmallippige Rechthaberei zeigten die eher unschöne Seite der Radikalisierung. Und im Spiegel der vergangenen Woche war über die Aktivistin Carola Rackete zu lesen, sie würde dem Reporter kein Gespräch gestatten, sofern dieser mit dem Flugzeug zum Interview käme.

Natürlich sind Verbote eines autoritären Staates nicht mit denen in einer demokratischen Gesellschaft gleichzusetzen

Vielleicht wären viele Menschen ja durchaus davon zu überzeugen, dass es eine Reihe von entbehrlichen Errungenschaften gibt, auf deren weitere Benutzung man verzichten kann. Natürlich muss kein Mensch von Nürnberg nach München fliegen. Auch die Plastiktüten kann man sofort abschaffen, ohne dass die Freiheit des Einzelnen eine Delle bekommt. Aber keiner will sich von sehr wütenden Menschen sehr strenge Verbote auferlegen lassen. Und die Psychologie der Verbotspolitik hat von den Karlsbader Beschlüssen bis hin zur amerikanischen Prohibition das gezeitigt, was Wolf Biermann einmal in die Liedzeilen «Keiner tut gern tun, was er tun darf/ Was verboten ist, das macht uns gerade scharf» gegossen hat.

Es ist dieses Jahr dreissig Jahre her, dass die Mauer gefallen ist und dabei ein politisches System mitgerissen hat, das sich kaum anders als durch Verbote am Leben halten konnte. Natürlich sind Verbote eines autoritären Staates nicht mit denen in einer demokratischen Gesellschaft gleichzusetzen. Aber es hilft manchmal, die Gegenwart mit einer grellen historischen Blende zu überziehen. Dann könnte man sich zumindest gedanklich und sprachlich dergestalt sensibilisieren, dass lässig dahingesagte Formeln wie «Freiheit ist ohne Verbote nicht zu haben» in der Asservatenkammer des Blödmenschen verdämmern.

Dort träfen sie dann auf jene, die wiederum glauben, man gebe einen Teil seiner Identität ab, wenn man in einem Kindergarten auf den Verzehr von Schweinefleisch verzichte.

Die Hoffnung liegt dann auf all jenen, die langsam und schrittweise, der Mensch ist eben manchmal so, auf den Trichter kommen, dass in letzter Zeit wohl ein bisschen zu viel überflüssiger Kram in ihren Alltag gerutscht ist.

Erstellt: 05.10.2019, 22:24 Uhr

Artikel zum Thema

Weniger verbrauchen, mehr leben

Kommentar Kapitalismuskritik sollte mit den Klimaprotesten vereint werden: durch Verzicht auf Konsum. Mehr...

Woher so viel Hass auf Greta?

Vier Gründe, warum der bekannteste Teenager der Welt so viel Aggressionen auslöst. Mehr...

Im digitalen Faschismus-Strudel

Warum funktionieren Nationalismus und Hass im Netz so gut? Eine neue Studie gibt ebenso verblüffende wie beängstigende Antworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...