«Ihr seid ja so blöd!»

Wenn Sohn oder Tochter mit unverschämten Bemerkungen provozieren, sollten Eltern überlegt reagieren. Und dem Grund der Aussagen nachgehen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Kinder sind nicht nur ein Trost für das Alter, sondern auch ein Mittel, es schneller zu erreichen.» Dieser Satz stammt von dem italienischen Komiker Roberto Benigni, dem seine kluge Sicht aufs Leben auch schon einen Oscar einbrachte.

Es stimmt, den eigenen Kindern sieht man vieles, eigentlich fast alles nach: Chaos, schrecklichen Musikgeschmack, übel riechende Basketballstiefel im Flur und viele schlaflose Nächte. Sie sind halt so, und selbst war man ja nicht besser.

Gabe der Treffsicherheit

Leider besitzen Kinder aber auch die Gabe, ihre Eltern an gezielten Stellen punktgenau zu treffen. Sätze wie «Du bist total scheisse», «Die Eltern von Thomas können sich viel mehr leisten» oder «Du wirst immer fetter» fühlen sich an, als ob man gerade von einem Giftpfeil angeschossen worden wäre. Meist setzen die fiesen kleinen Bemerkungen an den Schwachstellen an, die man eigentlich vor den anderen verbergen wollte. Und da fällt die Nachsicht mitunter doch etwas schwer.

Was soll man nun tun, wenn Sohn oder Tochter unverschämt oder sogar gemein auftreten?

Reaktion zeigen

Sich auf jeden Fall dagegen verwehren, meinen Fachleute wie Jean-Luc Guyer. Der Leiter der psychologischen Beratung für Schule & Familie am Zürcher Institut für Angewandte Psychologie beobachtet, dass sich viele Eltern gar nicht mehr trauen, in solchen Fällen emotional und mit einem klaren «Ich will nicht, dass du so mit mir redest» zu reagieren. Doch nach so einem verbalen Angriff zu tun, als wäre nichts gewesen, ist nicht die richtige Lösung. In der Situation selbst, in der Zorn und Verletztheit dominieren, ist meist jede Diskussion zwecklos. Klar, jeder ist nur menschlich, dennoch sollte in diesem Moment möglichst Gleiches nicht mit Gleichem vergolten werden, denn das führt zu nichts. «Ein Time-out ist am besten, indem man beispielsweise sagt: ‹In diesem Ton unterhalten wir uns nicht weiter. Lass uns heute Abend nochmals darauf zurückkommen›», meint Guyer.

Den Vorfall klären

Selbst wenn der Tag lang und hart war und ein Glas Wein sowie die Fernsehsendung als verlockendere Alternative erscheinen, sollte so ein Gespräch dann auch geführt werden. Wer sich davor drückt, tut sich auf Dauer keinen Gefallen, denn solche Bemerkungen haben die Eigenschaft, innerlich weiter zu schwären. «Wer solche Vorfälle nicht klärt, bei dem stellen sich vielleicht auf Dauer negative Gefühle gegenüber dem Kind ein», warnt die Berner Fachpsychologin für Kinder und Jugendliche, Renate Blaser. Auch die Unterhaltung an sich will mit Bedacht geführt werden. Sätze wie «Immer ärgerst du mich» sind nicht sinnvoll. Blaser rät, in der Ich-Form von den eigenen Gefühlen zu sprechen. Und dass sie verletzt worden sind.

Haut einem das Kind öfter solche Hammersätze um die Ohren, wäre nach Expertenmeinung eine mögliche Reaktion auch, einfach abrupt und wortlos den Raum zu verlassen. Körperliche Gewalt darf jedoch nie die Folge sein.

Gründe für die Patzigkeit

Aber was steckt eigentlich hinter solchen Äusserungen? Man solle sie immer im jeweiligen Kontext betrachten, meint Jean-Luc Guyer. Bekommen Tochter oder Sohn nicht, was sie wollen, kann ein Satz wie «Du bist so blöd» einfach einem kurzzeitigen Ärger entspringen. Überhaupt hört Jean-Luc Guyer harte Statements wie «Du bist ja so ein lausiger Vater oder eine lausige Mutter» öfter von Kindern, die sehr verwöhnt und ohne jegliche Grenzen aufwachsen. Als Druckmittel, um noch mehr für sich herauszuschinden. In diesen Fällen rät Guyer, den Erziehungsstil zu überdenken. Bei Teenagern, die in Opposition zu sich, den Eltern und überhaupt der ganzen Welt stehen, muss man leider mit den seltsamsten Aussagen rechnen. In dieser Zeit, in der man die Kids am liebsten auf den Mond schiessen würde, hilft nur eine Extraportion Gelassenheit, um den Tag einigermassen zu überstehen.

Meist aber sind verbale Giftpfeile «ein Hilferuf auf der Gefühlsebene», beobachtet Verhaltenstherapeutin Blaser bei der Arbeit in ihrer Praxis. Auf diese Weise versuche das Kind Aufmerksamkeit zu erregen. Jean-Luc Guyer beobachtet ein solches Verhalten öfter bei Kindern, deren Eltern wenig Zeit für gemeinsame Unternehmungen haben. «Erhält das Kind unbedachte Reaktionen auf seine Äusserungen, bezeichnet man das als negative Aufmerksamkeit. Und die wirkt sich langfristig negativ auf das Selbstbewusstsein des Kindes aus», meint Renate Blaser.

Für sich etwas lernen

Selbst wenn sie in so einem Moment am liebsten an die Decke springen würden, können Eltern aus solchen Aussagen sogar noch etwas Positives ziehen. Indem sie sich fragen, warum sie denn auf gewisse Punkte so sensibel reagieren?

Als Scheisse oder als Verlierer von den eigenen Kindern bezeichnet zu werden, ist keine Freude. Auf die Frage, wie man solche Angriffe auf die Persönlichkeit ohne Rachegefühle wegstecken kann, meint Renate Blaser. «Das schafft man mit vielen positiven Gesprächen und der grenzenlosen Liebe zum Kind.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.10.2008, 10:14 Uhr

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Mamablog Die Tage der Ehe sind gezählt

Blog Mag Das Ende der Seifenoper

Die Welt in Bildern

Lange Nase: Tänzer zeigen eine Episode ihres Stücks vor dem Opernhaus in Sydney. (22. August)
(Bild: EPA/DAVID MOIR ) Mehr...