Im Altershof

Immer mehr Menschen verbringen ihren Lebensabend auf einem Bauernhof. Sie schätzen es, in einer Familie eingebunden zu sein, eine Aufgabe zu haben und auch Hilfe zu erhalten.

Sinnvolle Aufgabe auch im Alter: Rentner Paul Wiedmer beim Misten. Bild: Christian Pfander

Sinnvolle Aufgabe auch im Alter: Rentner Paul Wiedmer beim Misten. Bild: Christian Pfander

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Nach seinem Mittagsschläfchen geht Paul Wiedmer hinüber zum Laufstall, wo die Braunkühe untergebracht sind. Der 69-jährige Mann mit grüner Arbeitshose, Bürstenschnitt und schelmischem Blick greift sich Gabel und Schieber und beginnt, den Mist wegzukratzen. Im Hintergrund ragt das Alpenpanorama des Berner Oberlands mit Eiger, Jungfrau und Blüemlisalp in den blauen Herbsthimmel.

Seit einem Jahr wohnt Paul Wiedmer als Gast bei Familie Siegrist mitten im Berner Oberland auf einem 40-Hektaren-Hof, wo er seinen Lebensabend verbringen will. Er bezahlt für Betreuung, Kost und Logis und hilft mit, wie es ihm möglich ist und er mag. Sollte sich seine Gesundheit einmal verschlechtern, würde er eben weniger mit anpacken und mehr auf dem Bänkli sitzen.

Der Alltag bekommt Sinn

Das nennt sich «Care Farming» – eine Idee, die aus Belgien stammt und seit einigen Jahren auch in der Schweiz Fuss fasst. Neu an diesem Konzept ist, dass es sich auch gezielt an ältere Menschen wendet. Von jeher bieten nämlich Schweizer Bauernfamilien Betreuungsplätze für Kinder, Jugendliche oder Behinderte an. Mit negativen Erinnerungen verbunden zwar, gehört dazu doch die unselige Zeit der Verdingkinder oder «Kinder der Landstrasse».

Heute nutzen auch in der Schweiz immer mehr ältere Menschen solche Angebote. Was reizt sie am bäuerlichen Umfeld? «Sie haben erkannt, dass hier durch tägliche Aufgaben ihr Alltag einen Sinn bekommt», sagt Karin Wyss vom Sekretariat des Vereins Care Farming Schweiz. Der Verein unterstützt Bauern, die solche Betreuungsan­gebote aufbauen wollen. Der ­Umgang mit Tier und Natur sei dabei wichtig, so Wyss.

Das trifft auch für Paul Wiedmer zu, der früher schon auf einem Hof im Berner Seeland lebte. Weil aber seine einstige Pflegemutter ihre Aufgabe nicht mehr wahrnehmen konnte, musste er weg. «Für mich war aber immer klar, dass ich auch im Alter auf einem Bauernhof mit Kühen leben wollte», sagt der bald 70-Jährige.

Das betreute Wohnen müsse man wirklich wollen, antwortet Ursula Siegrist auf die Frage nach ihrer Motivation.

«Paul kann den Tag gestalten, wie er will», erklärt Ursula Siegrist (49), die seit 2009 drei Zimmer anbietet. Zuerst waren es vorab Jugendliche, die kamen, meist für sogenannte Time-outs. Später auch Senioren. Wichtig sei ihr aber, dass die Gäste zum Essen erscheinen, meint die Bauersfrau. Sie lacht gerne und ist es gewohnt, auf die Menschen zuzugehen. An den älteren Gästen schätzt sie, dass diese dankbar für alles und froh seien, eine ­Aufgabe zu haben. So macht Paul morgens den Hühnerstall, nachmittags mistet er bei den Kühen, stets selbstständig, zuverlässig und mit Freude. Gerne gibt er sich auch mit den Enkeln der ­Familie ab.

Das betreute Wohnen müsse man wirklich wollen, antwortet Ursula Siegrist auf die Frage nach ihrer Motivation. Man sollte sich indes der eigenen Grenzen bewusst sein. «Ich würde zum Beispiel nie pflegen wollen», erklärt sie. Sollte Paul Wiedmer eines Tages Pflege benötigen, würde die Spitex vom Ort bestellt.

Passen Gast und Familie?

Für die Suche nach einem Platz wandte sich Paul Wiedmer an eine Vermittlungsorganisation, von denen es mittlerweile in der Schweiz mehrere gibt. Meist sind sie kantonal organisiert. Im Kanton Bern ist es in erster Linie die Ökonomische Gemeinnützige Gesellschaft Bern (OGG) oder die Pro Senectute. Das Schwierigste bei einer Vermittlung: «Zwischen Gast und Gastfamilie muss alles passen», sagt Susanna Staub von der OGG, zuständig für das betreute Wohnen in Familien, das sich ausschliesslich an Erwachsene richtet und das es seit zwanzig Jahren gibt.

Damit dies gelingt, rekrutiert die OGG neue Gastfamilien erst nach einer gründlichen Abklärung. Bevor eine Bauernfamilie Gäste aufnehmen darf, muss sie einige Hürden nehmen. Interessenten haben zuerst an einem Info-Nachmittag teilzunehmen. Anschliessend sucht eine OGG-Beraterin die Familie auf und prüft sie auf Herz und Nieren: Eignet sich der Hof für eine Betreuung? Sind die Zimmer genug gross? Ist die Familie neben dem Bauernbetrieb genügend belastbar? Nach der Aufnahme gibt es zusätzlich Weiterbildungen, Erfahrungsaustausch mit anderen Gastfamilien und regelmässige Standortbestimmungen.

Kosten ähnlich wie im Heim

Was kostet die Senioren das Leben auf dem Bauernhof? Die Tarife für Betreuung, Kost und Logis bewegen sich zum Beispiel bei der OGG zwischen 95 und 210 Franken pro Tag, je nach Betreuungsaufwand. Die oberen Tarife kommen selten zum Tragen. Die Ansätze orientieren sich im Kanton Bern an den von den Krankenversicherern oder der Sozialhilfe anerkannten Pflegestufen. In anderen Kantonen sieht es ähnlich aus. «In den Kosten enthalten sind unsere Aufwendungen für Begleitung, Coaching und Controlling von 30 bis 50 Franken pro Tag», erklärt ­Susanna Staub, die bei der OGG für die Qualität der Betreuungsplätze zuständig ist.

Die relativ hohen Ansätze für das betreute Wohnen auf dem Hof – ähnlich jenen in einem Heim – rechtfertigen sich laut Staub mit dem hohen Betreuungsaufwand, Verantwortung rund um die Uhr, Gespräche mit Behörden und Institutionen sowie mit der Administration.

Ohne «Herzblut» gehts nicht

Die Betreuung von Menschen bedeutet aber zweifellos für ­viele Bauern eine willkommene Nebeneinkunft. So müssen sie nicht einer ausserbetrieblichen Tätigkeit nachgehen. «Das Herzblut sollte jedoch nicht fehlen», sagt Andrea Bieri vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung des Kantons Luzern, das auch die Plattform Carefarming-info.ch betreibt.

Darum ist betreutes Wohnen auf dem Hof auch nicht für alle Bauernfamilien geeignet. So ­wollen viel mehr Menschen auf einem Bauernhof leben, als es Plätze gibt. Die Care-Farming-Beraterin vermutet, dass sich manche Bauernfamilie mit einembetreuten Wohnen schwer­­täte, weil sie Respekt vor dieser Aufgabe hätte. Umgekehrt aber teile sie die Kritik nicht, dass Senioren als «billige Arbeitskräfte» missbraucht würden. Wäre dies der Fall, stünde es den ­Senioren frei, den Hof zu wechseln. Und wenn nötig, müsste die Zusammenarbeit mit dem Bauern gar aufgekündigt werden.

Derweil entfernt Paul Wiedmer gewissenhaft jede kleinste Hinterlassenschaft der Kühe. Rechtzeitig zum Zvieri ist er fertig. «Äs feins Kafi und Guetsli» warten. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.10.2018, 18:01 Uhr

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In der Schweiz gibt es viele ältere Menschen, die eigentlich noch zu fit sind fürs Altersheim, aber dennoch Betreuung benötigen. Für sie kann Care Farming eine Lösung sein. Inzwischen gibt es zahlreiche Beratungs- und Vermittlungsstellen. Sie helfen Interessierten, einen geeigneten Platz für «Betreutes Wohnen in Familien» auf einem Bauernhof zu finden. Ausser an ältere Menschen richtet sich das Angebot auch an Leichtbehinderte oder an Menschen mit psychischen Problemen. Empfehlenswerte Anlaufstellen sind die Plattform www.carefarming-info.ch oder die Pro Senectute Schweiz (www.prosenectute.ch). Richtlinien für die Tarifansätze betreffend Kostgeld findet man bei Agridea.ch, einer landwirtschaftlichen Beratungszentrale, oder der Budgetberatung Schweiz. Finanziell Schlechtgestellte können Ergänzungsleistungen beantragen. Für die durch die Spitex erbrachte Pflegeleistung kommt die Krankenkasse auf. (mü/sae)

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