Im Bett mit dem Kapitalismus

Das Sofa als Profitcenter, das Kuscheltier als persönlicher Standortvorteil: Wie Big Data und die Sharing Economy die Menschen ­ zu Unternehmern machen, die mit sich selbst handeln.

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Gerade erleben wir die Vollendung des Kapitalismus. Zumindest, wenn wir ­Byung-Chul Han glauben, dem in Berlin lehrenden Philosophen. Der Triumph bestehe darin, schrieb Han vor kurzem in der «Süddeutschen Zeitung», dass der Kapitalismus seinen Erzfeind, den Kommunismus, zur Ware gemacht und auf den Markt geworfen habe. Nämlich in Form der Sharing Economy, in der die Leute die Dinge nicht mehr allein konsumieren, sondern teilen.

Die These mag überspannt klingen, denn der «Kapitalismus» ist ja kein Akteur, der Dinge bewusst plant und vollzieht. Und doch ist offensichtlich, dass die Sharing Economy zwar eine kuschelige Rhetorik der Gemeinschaft und des Teilens beherrscht; dass sie damit aber nichts anderes tut, als dem Markt bisher private, intime, kommerziell nicht genutzte Räume zu erschliessen. Das klingt auf Anhieb sinnvoll: Autos, Parkplätze, Betten, Boote oder Spielzeuge bleiben dank Anbietern wie Uber, Airbnb, Boatbound oder Pley nicht mehr ungenutzt, wenn ihre Besitzer sie gerade nicht brauchen. Das «tote Kapital» wird erweckt und nachhaltig genutzt – willkommen im «postmateriellen Zeitalter».

Vom Militär ins Schlafzimmer

Die Realität rührt weniger ans Heimelige. Wer über Airbnb in einer der 800 000 Wohungen übernachtet, die der Vermittler im Angebot hat, erhält zwar Anschluss ans Kuscheltier und an die Familienfotos des Vermieters. Er begibt sich aber auch auf einen Markt, der so gut wie nicht geregelt ist. Dass es in der Sharing Economy kaum Versicherungs- und Kündigungsschutz gibt, weder festgeschriebene Arbeitszeiten noch Mindestlöhne: Diese Kritik ist bekannt. Es kommt aber dazu, dass die Start-ups der Sharing Economy mit den Datenkonzernen im Geschäft sind: Google ist am Fahrdienst Uber beteiligt, und Airbnb arbeitet mit Facebook zusammen.

Das vielfach genutzte Doppelbett oder der via App geteilte Parkplatz schaffen damit gleich doppelten kommerziellen Mehrwert. Nicht nur wird bracher Besitz bewirtschaftet. Ebenso generiert eine solche Dienstleistung – wie auch ihre Bewertung durch die User – allerhand nützliche Daten. Und ist damit Teil des Geschäfts mit Big Data, dem «Erdöl des 21. Jahrhunderts». So gesehen, ist die Sharing Economy nur die hippiesk verbrämte Vorhut einer anderen, einschneidenderen Entwicklung. Nämlich der «Restrukturierung der Menschheit», die Yvonne Hofstetter, Spezialistin für Informationstechnologie, in ihrem Buch beschreibt (Interview im Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom 18. 10.).

Dabei geht es im Prinzip darum, die ganze menschliche Existenz in kommerziell verwertbare Daten umzurechnen. Hofstetter beschreibt, wie Big Data zunächst für militärische Zwecke aufgebaut wurde, dann die Finanzindustrie eroberte – und nun das tägliche Leben normaler, bürgerlicher Menschen zu bestimmen beginnt. Social Networks und Apps organisieren ja schon länger intime menschliche Anwandlungen wie Freundschaft oder Sex. Nicht gratis, sondern zum Preis unserer Profile und Daten, die in der Folge zu den neuesten Algorithmen programmiert werden.

Noch weiter in unsere private Existenz eindringen wird das «Internet der Dinge». Das smarte Auto weiss, wo wir wie schnell unterwegs waren. Der smarte Thermostat weiss, ob wir die Nacht im eigenen Schlafzimmer verbracht haben und ob wir womöglich nicht alleine waren (die Luftfeuchtigkeit!). Die smarte Brille weiss, wohin wir blicken, wenn wir durch die Strasse gehen. Und die smarte Zahnbürste informiert uns – oder unseren Zahnarzt – darüber, wo wir zu wenig putzen.

Es gibt keinen Bereich des Alltags, dessen Auswertung für die Internetkonzerne nicht von Interesse wäre. Die Schule? Die Klicks der Kinder auf den Tastaturen lassen sich analysieren und an die Hersteller zum Beispiel von Ausbildungssoftware verkaufen. Der Schlaf? Tragbare Gadgets liefern jene Daten über die Tiefe und Regelmässigkeit ­unserer Nachtruhe, die Gesundheitsdienste und Krankenkassen begeistern. Das Genom? 23andme, eine Tochterfirma von Google, analysiert eine DNA für 99 Dollar. Das heisst, Sie bezahlen, um einem Konzern Ihre allerpersönlichsten Daten zu liefern.

Wer nun denkt, er habe nichts zu verbergen, denkt naiv. Denn die Daten betreiben, wie Yvonne Hofstetter es nennt, ein «Terra Forming». Genauso, wie an der Börse kaum kontrollierbare, blitzschnelle Algorithmen die Kurse nicht nur beeinflussen, sondern bei Bedarf auch in die gewünschte Richtung manipulieren, können auch private Daten ein Leben vorspuren: Sie bestimmen mit über die Höhe der Autoversicherung oder Krankenkassenprämie oder darüber, ob wir kreditwürdig sind. Schon 2010 hatte jedes vierte ungeborene Kind eine digitale Existenz. Dieser «Zombie» (Hofstetter) folgt uns «realen Menschen» nicht nur wie ein Schatten, er ist uns in manchem voraus. Was der Zombie – zum Teil ohne unser Wissen – im Internet performt, kann in unsere «Autonomie und Zukunft so eingreifen, dass unsere Entfaltungsmöglichkeiten massiv eingeschränkt werden», so Hofstetter.

Wir sind Ödipus, der das Orakel des Algorithmus erfüllt. Diese Angst wird heute auch von Insidern der Informationstechnologie geteilt. Von Spezialisten wie Yvonne Hofstetter oder Jaron Lanier, der in seinem letzten Buch die monopolistischen «Sirenenserver» der Datenmultis angegriffen hat. Auch ein dystopischer Roman wie «The Circle» von Dave Eggers nimmt diese Ängste auf – und zeigt, wie das Geschäft mit den Daten unsere grundlegenden Ansichten über Recht und Demokratie infrage stellt. Wie sagte Brian Chesky, der Gründer von Airbnb: «Die Behörden wissen nicht, ob sie uns Teilnehmer der Sharing Economy in die Kategorie Mensch oder Unternehmen stecken sollen.»

Tatsächlich erscheint am Horizont eine «dritte Kategorie»: der «Micro-Entrepreneur». So heissen die freien Mitarbeiter bei Task Rabbit, einer amerikanischen Sharing-Plattform, die für ihre Kunden alle möglichen Handlangerdienste an den billigsten Anbieter versteigert (am beliebtesten: das Zusammenbauen von Ikea-Möbeln). Der «Micro-Entrepreneur» ist also eine Ich-AG, die über keine «geregelte» Arbeit mehr verfügt. In der Sharing Economy verdingt sie sich mal als Chauffeur, mal als Vermieter, mal als Paketbote oder Möbelbauer. Und: Sie bestreitet ihren Unterhalt als Makler ihrer privaten Daten.

Schon im Jahr 2020 seien die Daten eines Europäers jährlich 3000 Dollar wert, liess das World Economic Forum vor zwei Jahren ausrechnen. Die Forderung liegt nahe: Nicht nur die Konzerne sollen profitieren. «Bezahlt die Menschen für die Informationen, die sie geben, wenn diese Informationen wertvoll sind», schreibt Lanier. Während er in seinem Buch eine zentrale Datenverwaltung vorschlägt, die den Profit auf die Urheber gerecht verteilt, sieht Hannes Grassegger die Lösung in einer individuell betriebenen Datenbörse. Der Schweizer Ökonom und Journalist schreibt in «Das Kapital bin ich»: «Wir sammeln alles in einer virtuellen Box. Nur wir besitzen den Schlüssel dazu, aber wir können ihn gegen Gebühr ausleihen.»

Die Seele verkaufen

So oder so, der Micro-Entrepreneur verschenkt seine Daten nicht mehr, zumal gegen eine Gegenleistung, die diesen Namen kaum verdient. Er verkauft oder verleiht sie zum eigenen Gewinn. Dahinter steht allerdings ein radikal neues Bild des Homo oeconomicus: «Wir sind zu einem Handelsgut geworden», schreibt Grassegger. «Längst haben wir gelernt, uns zu vermarkten. Jetzt müssen wir lernen, uns zu verkaufen. Unsere digitalisierten Gedanken und Gefühle. Unsere Seele, wenn man so will.» Doch ist es das, was wir wollen? Unser ganzes Leben zur Ware machen?

Vielleicht müssen wir wollen. «Intelligente Maschinen werden kaufmännische und administrative Berufe der gebildeten Mittelschicht zerstören», schreibt Yvonne Hofstetter. Und so liege es nahe, dass die persönlichen Daten zum «Arbeitssubstitut werden, von dem der Mensch einen Teil seines Lebensunterhalts bestreiten kann oder muss». Wer seine Daten heute aus Fahrlässigkeit preisgibt, oder um an ein App zu kommen, der wird dies vielleicht bald aus wirtschaftlichen Gründen tun müssen. Die Lieferung von Fahrprotokollen senkt dann die Beiträge an die Autoversicherung. Wer aber findet, seine Biodaten gingen niemanden etwas an, der zahlt eine höhere Krankenprämie.

Die Sharing Economy und die Bewirtschaftung des eigenen Datenportfolios lösen also nicht den Kapitalismus ab, wie der US-Ökonom Jeremy Rifkin glaubt. Sie verschärfen vielmehr seine Bedingungen und machen noch den unauffälligsten Mitbürger zum Marktfahrer in eigener Sache. Sein Facebook-Konto wird zum Profitcenter, seine Fitness zur ausbeutbaren Ressource, sein Nachbar zum Konkurrenten auf Airbnb. «Ich werde freundlich, weil ich so eine bessere Bewertung bekomme», schreibt ­Byung-Chul Han in «Psychopolitik», seinem neuen Essay, der den «Kapitalismus des Gefällt-mir» entwirft.

Mag sein, dass manches dieser Bücher einen etwas alarmistischen Ton anschlägt. Doch werden hier durchaus plausible Konturen dessen entworfen, was auf uns zukommt. Diese Ökonomie der Zukunft lächelt. Sie handelt mit «Emotionen» und spricht im Tonfall der Community. Doch hat Jaron Lanier in seiner Preisrede in Frankfurt darauf hingewiesen (Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom 13.­­­­­­ 10.): Hinter ihrer Fassade gleicht sie der prekären Schattenwirtschaft in den Slums von Entwicklungsländern. Sie ist à fond dereguliert und bietet so gut wie keine Sicherheiten – zumal für schwächere, kranke oder alte Menschen. Lanier erkennt in der Sharing Economy darum eine moderne «Todesverleugnung».

Genau, unser digitaler Zombie wird nicht sterben. Schon jetzt performt er auch dann, wenn wir schlafen. Und weckt uns immer früher auf: In «24/7» zitiert Jonathan Crary neuere Forschungen, wonach der durchschnittliche Amerikaner heute noch 6,5 Stunden schläft pro Nacht – gegenüber 8 Stunden vor einer Generation. Der Essayist beschreibt auch, wie das US-Militär am «schlaflosen Soldaten» forscht. Und damit daran, das letzte Reservat eines privaten, nutzlosen, blossen Daseins militärisch und ökonomisch zu erschliessen.

Das Ende des Schlafs

«Der schlaflose Soldat könnte der Vorläufer des schlaflosen Arbeiters oder Verbrauchers sein», schreibt Crary. Den Feierabend und die Ferien vergleicht er schon heute mit dem «Schlafmodus» des Handys, der jederzeit durch Antippen beendet wird. Und zitiert eine Studie, nach der die Zahl der Menschen exponentiell wächst, «die nachts ein- oder mehrmals aufstehen, um ihre Mails oder Daten zu checken». Off, das war einmal. Und tatsächlich ist der schlaflose Soldat in der Finanzwirtschaft schon eine Realität. Rainer Voss, einst ein führender Investmentbanker in Frankfurt, erzählt es im Dokumentarfilm «Master of the Universe»: Als Neuling mache man die Teppichetage durch «One- oder Two-Nighter» auf sich aufmerksam – indem man eine oder zwei Nächte durcharbeite.

Noch mehr Aufmerksamkeit erhielt freilich jener deutsche Praktikant in einer Londoner Bank, der im Sommer 2013 nach einem «Three-Nighter» und einem epileptischen Anfall starb. «Er lebte in der Zukunft», schrieb der «Spiegel» über den 21-jährigen Moritz Erhardt. Und es stimmt, er war ein perfekter Vertreter des postmateriellen Zeitalters: «I don’t want to make money», schrieb er im Onlineprofil seiner Bank, «I just want to be wonderful.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2014, 23:27 Uhr

Tages-Anzeiger Forum

Big Data ist zur Schlüsseltechnologie geworden und zwingt Unternehmen von KMU bis zu Grosskonzernen, Prozesse und Strategien zu überdenken. Mit einer Vielzahl an Geschäfts­szenarien und Diskussionsrunden widmet sich das «Tages-Anzeiger»-Forum «Algorithmus 2014 – Big-Data-Strategien für das Unternehmen von morgen» am 5. November den Fragen, wie Unternehmen aus Big Data nachhaltig Wert schöpfen können und welche juristischen Aspekte sie bei der Datennutzung zu beachten haben. Wir verlosen fünf Gastkarten für das hochkarätig zusammengesetzte Forum in Zürich. Am Wettbewerb beteiligen können sich Interessierte auf unserer Website. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. (TA)

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