Im Fünf-Sterne-Sektentempel

Die BaZ besichtigte die neue Scientology-Kirche in Basel – bis es einem amerikanischen Mitglied zu bunt wurde.

Empfang mit Kreuz: Die Eingangshalle der Kirche erinnert an die Rezeption eines Luxushotels.

Empfang mit Kreuz: Die Eingangshalle der Kirche erinnert an die Rezeption eines Luxushotels. Bild: Dominik Plüss

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Es ist kurz nach zwei Uhr nachmittags, als wir am Sonntag das helle Atrium der neu eröffneten Scientology-Kirche an der Burgfelderstrasse betreten. Sofort werden wir an der Rezeption, hinter der das grosse Scientology-Kreuz hängt, von einem Herrn in schickem schwarzem Anzug abgefangen. «Sie sind von der Zeitung, oder? Unser Mediensprecher hat gleich Zeit für Sie. Bitte nehmen Sie Platz.» Der freundliche Herr weist auf eine hölzerne Bank neben einem Fernseher, auf dem ein Film über die von der selbsternannten Kirche gepriesene «Dianetik» läuft.

Der Eingangsbereich macht nicht den Eindruck, als würde man sich an einem Ort der Religion und Spiritualität befinden. Das Entree erinnert mit seinen schwarz-weissen Fliessteinen mehr an die Empfangshalle eines Luxushotels. Ausser dass diese mit unzähligen Büchern der Scientology und Fernsehmonitoren ausgestattet ist.

Überall stehen Scientologen in schwarzen Anzügen, die uns ein wenig misstrauisch beäugen. Sie erinnern an Hotelportiers. Mediensprecher Jürg Stettler kommt schnellen Schrittes auf uns zu. Der Mann, etwa Anfang fünfzig, wirkt gestresst. «Sorry für die Verspätung. Wir hatten den ganzen Tag durch Medien im Hause.»

Er beginnt gleich mit der Führung und zeigt mir das sogenannte E-Meter, welches bei «Auditings» eingesetzt wird, um den seelischen Druck bei der Erinnerung an vergangene Ereignisse zu ermitteln. Der kleine Zeiger schlägt tatsächlich aus, als mich Stettler anweist an ein unglückliches Ereignis zu denken. Er lächelt zufrieden.

«Was sagt er?»

Stettler zeigt uns die «Kapelle», in der gerade ein Kurs stattfindet. Ein Film über weltweite humanitäre Not wird gezeigt. Knapp 30 Scientologen sitzen in der «Kapelle», auf deren Videoanlage das Pathé Küchlin neidisch wäre. Die Konversation mit Jürg Stettler verläuft freundlich. Auch zu kritischen Fragen äussert er sich: «Unsere Mitglieder müssen für die Kurse Gebühren zahlen, weil wir nicht wie andere Kirchen vom Staat Subventionen erhalten», antwortet er auf meine Frage, warum die Mitglieder einer Kirche für ihre Religion zahlen müssen. Die Stimmung schlägt aber prompt um, denn seit dem Besuch der «Kapelle» folgt uns ein anderer Scientologe auf Schritt und Tritt.

Nick Banks ist sein Name. Er ist Leiter für Public Relations von der Mutterzentrale aus Los Angeles. Schweizerdeutsche Gespräche werden nicht mehr toleriert. Es muss auf Englisch gesprochen werden. Rede ich mit Stettler im Dialekt, fragt ihn der Scientologe sofort, was ich gesagt habe.

Der Amerikaner wirkt sehr angespannt. Womöglich haften die Ereignisse vom Vortag noch an ihm.

Viel Lärm vor der Kirche

Am Samstag hatten sich 200 Demonstranten vor der Scientology-Zentrale versammelt, um ihrem Ärger über die Sekte mit Vuvuzelas, Tröten und Pfannendeckeln lautstark Luft zu machen. Zeitgleich eröffnete Sekten-Guru David Miscavige höchstpersönlich die neue «Ideale Org» in der Schweiz. Er lobte den Einsatz der Scientology-Mitglieder und vor allem den des Basler Scientology-Präsidenten Patrick Schnidrig. «Schnidrig ist die Reinkarnation von Alexander dem Grossen. Er wird das ‹Imperium Schweiz› gründen», verkündet Miscavagie feierlich unter tosendem Applaus der 1500 Sektenmitglieder, die sich hinter der Kirche an der Kayserbergerstrasse versammelten.

Auf jeden Applaus folgte höllischer Lärm der Demonstranten auf der anderen Strassenseite. «Wir wollen keine Gehirnwäsche im Iseli-Quartier» und «Xenu frisst euch auf» wird auf Schildern und Spruchbannern propagiert. Mit «Xenu» ist die ausserirdische Gottheit der Scientologen gemeint. Die Sicherheitskräfte der Scientology versuchten Demonstranten und Journalisten von der Eröffnungsfeier fernzuhalten, welche notabene auf Allmendgrund stattfand.

Nick Banks ist nicht der Einzige, der uns in der Zentrale verfolgt. Immer wieder taucht vor uns eine Scientologin, ebenfalls in Portiers-Outfit auf, die uns unauffällig fotografiert. Im ersten Stock befinden sich Kurs- und Sitzungsräume, in der Mitglieder Tests und Fragebögen ausfüllen. Stettler führt uns über eine steinerne Treppe in den nächsten Stock.

Auf dem langen Gang befinden sich aneinandergereiht Räume, die an Praxiszimmer erinnern. In jedem steht ein E-Meter. «Hier finden die ‹Auditings› statt», erklärt Stettler. Alle Aussagen der Teilnehmer werden vom Auditor, dem Befrager, schriftlich festgehalten.

Abrupter Interview-Abbruch

«Also plaudern hier die Leute ihre tiefsten Sorgen aus und diese werden dann ad acta gelegt, aber einen Rat zu ihren Problemen erhalten sie nicht», frage ich auf Englisch, da Banks dicht hinter mir steht. «Es hilft Ihnen schon, wenn Sie sich mit Ihren tief in der Seele vergrabenen Problemen befassen, um über diese hinwegzukommen», antwortet mir der Mediensprecher. Banks weiss jedoch, dass ich mit dem Zaunpfahl zum Missbrauch von privaten Daten winke, der Scientology global vorgeworfen wird. Ich solle nicht glauben, was man im Internet erzählt. Die einzige Wahrheit gebe es nur bei Scientology, meint Banks ungehalten.

Als wir uns in den Garten setzen wird der Amerikaner aggressiv. Ich befrage Stettler zur Diskriminierung von Homosexuellen bei den Scientologen. Er antwortet mir verneinend und doch sachlich-freundlich. Banks ist aber der Geduldsfaden gerissen: «Wir beenden das Interview hier. Du glaubst, was du glauben willst und kannst morgen deine Lügen in der Zeitung publizieren.» Stettler müsse noch andere Journalisten am Eingang abholen, könne mir aber einen anderen Sprecher zur Verfügung stellen. Banks ist nicht einverstanden. Wir werden wieder ins Entree begleitet und von Stettler verabschiedet. Banks wartet so lange in der Eingangshalle, bis wir das Gebäude ganz verlassen haben.

Erstellt: 27.04.2015, 09:18 Uhr

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