Im Stottercamp will er neuen Mut schöpfen

80'000 Stotterer gibt es in der Schweiz. Einige davon treffen sich diese Woche in einem Lager – darunter Felix Städeli, der dereinst Anwalt werden möchte.

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Die Begegnung mit einem Journalisten, der bohrende Fragen stellt, kann stressig sein. Erst recht, wenn man über sehr persönliche Dinge sprechen soll. Felix Städeli geht zu Beginn des Gesprächs in Deckung. Er wirkt angespannt, zugleich hoch konzentriert. Und antwortet möglichst knapp. Wobei er das erste Wort der Sätze jeweils hastig wiederholt und häufig ein «Ähm» einschiebt. Oder mitten im Satz einfach verstummt.

Gehemmter Redefluss

Felix ist ein Stotterer. Der Redefluss des 15-jährigen Zürchers ist aber nicht auf jene schwere Art blockiert, wie man es sich gemeinhin vorstellt. Das sagt allerdings nichts über die psychische Not eines Stotterers aus. «Entscheidend ist das subjektive Empfinden», sagt Psychologe Jürgen Kohler, der Felix zum Gesprächstermin begleitet hat.

Felix kann sein Handicap nicht einfach wegstecken. Er hat aber Strategien entwickelt, die ihm helfen, schwierige Situationen zu meistern. Zum Beispiel in der Schule. Wobei hier die Vorbereitung zu Hause zentral ist. Französisch-Vokabeln schreibt er auf und übt sie so lange, bis sie fliessen. Muss er im Deutschunterricht ein Referat halten, trägt er den Text den Eltern mehrmals vor. Denn je vertrauter die Sprechsituation, umso geringer das Stottern. Die Schule ist an sich ein Schonbereich. Felix kann auf das Verständnis von Lehrern und Mitschülern zählen. «Gehänselt wurde ich nur Anfang Primarschule.»

Lieber schweigen als stottern

Schwieriger wird es, wenn der Gesprächspartner von seinem Handicap nichts weiss. Etwa, wenn er im Laden nach einem Artikel fragen muss. «Lässt sich das nicht vermeiden, halte ich das Gespräch möglichst kurz», sagt Felix. Kürze und Vermeiden sind ohnehin seine Hauptstrategien. Das geht so weit, dass er selbst unter Kollegen lieber stumm bleibt, wenn er sich bei einem Thema nicht gut auskennt. Ein Verhalten, das ihm sicher auch wehtut? «Ja-ja, schon», sagt Felix.

Das Stotterproblem ist sein ständiger Begleiter. Felix arbeitet seit Jahren hart daran, eigentlich seit seiner Kindheit. Diagnostiziert wurde die sprechmuskuläre Dysfunktion erst im Alter von fünf Jahren. Es folgten unzählige Stunden in Logopädie, später in Ergotherapie. Dabei machte Felix eine interessante Entdeckung: Das Koordinationsproblem beim Sprechen hatte etwas damit zu tun, dass er auch sonst beim Bewegen eine Ungeschicklichkeit aufwies. Also liess ihn die Therapeutin trainieren, bis er beispielsweise den Salto beherrschte.

Heute absolviert Felix täglich 1500 Sprünge mit dem Springseil und zählt Rudern zu seinen Hobbys. «Grobmotorische Übungen beeinflussen die Feinstmotorik des Sprechens», erklärt Psychologe Kohler. Und erstaunlich: Allein für den Laut «a» braucht der Mensch 160 Muskeln, die das Gehirn innerhalb von Tausendstelsekunden koordinieren muss.

Die innere Einstellung zählt

In der Pubertät verschwindet das Stottern bei den meisten – vor allem bei den Mädchen. Im Erwachsenenalter sind dreimal mehr Männer als Frauen davon betroffen. Doch die Statistik beeindruckt Felix nicht. Für ihn ist klar: «Ich will das Stottern ganz wegbringen.» Dabei soll ihm das Stottercamp helfen, das diese Woche in Tägerwilen am Bodensee stattfindet. Zwölf Jugendliche aus Deutschland und der Schweiz tauschen sich auf einem Zirkusareal unter fachkundiger Leitung aus. Organisiert wird das Lager von der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik mit Sitz in Zürich.

Im Kontakt zu anderen, «die es schlimmer haben als ich», werde er neuen Mut schöpfen, ist Felix überzeugt – «und danach mit meinen Kollegen offensiver über alle Themen reden». Das wäre ihm zu gönnen. Denn nach den Sommerferien tritt er ins Gymnasium über – und will einmal Anwalt werden. In diesem Beruf wird es sicher nützlich sein, wenn er seine Schamgefühle beim Kommunizieren ablegen kann.

Fürs Leben entscheidend sei letztlich die innere Einstellung, sagt Jürgen Kohler. Und er zitiert einen Teilnehmer des letztjährigen Stottercamps, der sich mit seinem Problem versöhnte: «Früher habe ich das Stottern als meinen Feind betrachtet. Jetzt weiss ich, dass es auch mein Freund ist.»

Erstellt: 18.07.2010, 20:55 Uhr

Felix Städeli kämpft gegen sein Stottern – unter anderem mit Rudern. (Thomas Burla)

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