Immer auf den «Blick»?

Bei der Darstellung von Sex und Öffentlichkeit hat sich auf seltsame Weise etwas verdreht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ich gehe (fast) einig mit Ihrer Kolumne von letzter Woche zum «Geri-Gate». Aber warum der Hieb auf den «Blick» bzw. das «Blick»-Girl, wenn doch diese Zeitung damals auf die Geri-Müller-Story verzichtet hat? Mich stört dieses «Blick»-Bashing per default, mit dem man das Publikum stets auf seiner Seite hat. Etwas wohlfeil. Was finden Sie? M. S.

Lieber Herr S.

Ja, jetzt, da Sie so konkret fragen, finde ich das auch. Insbesondere Ihr Begriff des «‹Blick›-Bashing per default» gefällt mir; was mir nicht gefällt, ist, dass ich dieser «wohlfeilen» Versuchung nicht widerstanden habe. Wir wollen (wollen wir?) mal zu meinen Gunsten annehmen, dass es vor allem die knappe Zeilenzahl der Kolumne war, die dazu geführt hat, dass ich zum nächstliegenden Beispiel gegriffen habe. Hier also nun die ausführlichere Version: Es ging mir um eine seltsame Verdrehung beim Zusammenhang von Sex und Öffentlichkeit, die ich schon seit längerem beobachte und die auch in der Entrüstung über Geri Müller eine Rolle gespielt hat.

Eine Verdrehung, die ein kurioses Amalgam von Prüderie und offensiver Schamlosigkeit im Diskurs über Sexualität hervorgebracht hat. Zum einen kann man sich der allgegenwärtigen Belehrungen kaum entziehen, wie natürlich Sexualität und Nacktheit sind. Oder auch wie unnatürlich es sei, bei Nacktheit immer gleich an Sexualität zu denken. Die Jubiläumssendung des «Samschtig-Jass» wird aus einem Bordell gesendet, beide Gratiszeitungen (sowohl jene von Ringier als auch die von Tamedia) pflegen eine ausführliche Beratung über die intimen Dinge des Lebens, die auch in der «Community» der «User» breit diskutiert werden, auch sonst wird keine sexuelle Anspielung ausgelassen, jede Statistik, wer den längsten hat oder wer am öftesten kann, wird gerne zitiert . . .

All das macht heute die gut ausgeleuchtete Seite des Sexuellen aus. Dieser Sex ist so gesund wie ein feines Znacht und ein Gläschen guter Rotwein. Da verwöhnt sie sein bestes Stück auch mal mit dem Mund, und Fantasien, es zu dritt zu treiben, sind normal. Wenn ihr es wirklich versuchen wollt, solltet ihr aber vorher darüber reden. Dann dürfen auch Sextoys nicht fehlen. Und so weiter, Rhabarber, Rhabarber, Rhabarber. Und dann gibt es die andere Seite, die schwierig zu beschreiben ist – «die dunkle Seite» (Geri Müller) der Sexualität, die nicht safe ist und nicht blutdrucksenkend, die auch nicht der Prophylaxe vor sexuellem Missbrauch dient, sondern die verstörend ist, weil sie an die Inszenierung von Übertretungen gebunden ist, die nicht dazu angetan sind, jederzeit öffentlich diskutiert zu werden.

Eine heimliche Sexualität, die peinlich, beschämend, wirr ist, wenn sie aufgedeckt wird. Im Licht der Vernunft erscheint sie als schwer begreiflich, und sie fügt sich nicht in Erklärungen der Evolutionsbiologie, die in allem einen Fortpflanzungsvorteil sucht. Es ist die Seite des Sex, die man früher für ihr Wesen gehalten hat: der polymorph-perverse Sex (Freud), dessen Gelüste sehr private Erfindungen sind – selbst, wenn sie von vielen anderen geteilt werden.

Erstellt: 17.09.2014, 17:26 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Artikel zum Thema

Wer sich wirklich schämen muss

Es gibt keinerlei Recht, die Privatsphäre eines Politikers öffentlich zu machen. Geri Müller hat sich nichts vorzuwerfen – im Gegensatz zu einigen anderen. Mehr...

Ist die Entrüstung über Polanski angebracht?

Leser fragen Leser fragen Nach der Verhaftung von Roman Polanski anlässlich des Zürich Filmfestivals gerät der Regisseur erneut wegen eines Schweizer Fimfestivals in die Schlagzeilen. Mehr...

Gibt es Sicherheit im Sichverlieben?

Leser fragen Wie verhindert man eine Enttäuschung in der Liebe? Oder, anders gefragt: Wie kann man sich in jemanden verlieben, ohne das Gegenüber bereits richtig gut zu kennen? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...