In Japan scheut selbst die Mafia Waffen

So tief wie in Japan ist die Mordrate nirgendwo. Das zeigt: Die beste Prävention ist, Schusswaffen zu verbieten.

Ein sicheres Land: In Japan ist die Mordrate so tief wie nirgendwo. Aufpassen müssen diese Fussgänger in Tokio lediglich auf ihre Taschen. (14. November 2006)

Ein sicheres Land: In Japan ist die Mordrate so tief wie nirgendwo. Aufpassen müssen diese Fussgänger in Tokio lediglich auf ihre Taschen. (14. November 2006) Bild: Keystone

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In Japan gibt es kein Daillon und erst recht keine Schulschiessereien wie in den USA. Gewiss gibt es in Japan auch soziale Probleme, aber die Mordrate ist mit weniger als 0,1 Opfern auf 100'000 Einwohner die tiefste aller OECD-Staaten. 2012 wurden in Japan 1030 Menschen umgebracht, 8 von ihnen durch Schusswaffen. Von den 45 Fällen, in denen 2012 Schusswaffen eingesetzt wurden, waren an 33 die Yakuza beteiligt, die japanische Mafia.

Im Widerspruch zu den gängigen Klischees über Japan hat das wenig mit der Kultur zu tun, dafür viel mit den Gesetzen. Die Kriminalitätsrate insgesamt ist im letzten Jahrzehnt jährlich gesunken. Registrierte die Polizei 2002 noch etwa 2,85 Millionen Verbrechen, so waren es 2012 noch 1,38 Millionen, drei Viertel davon Diebstähle. Raubüberfälle sind sehr selten. Das erklärt sich zum Teil aus den hohen Strafen und der sozialen Ächtung von Gewaltverbrechen (bei Korruption und Betrug dagegen schaut die Gesellschaft weg). Die Zahl der Morde ist auf dem tiefsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg.

Jährlich ein neues Attest

In Japan ist der Besitz von Schusswaffen verboten. Legal trägt nur die Polizei Schusswaffen, illegal die Mafia – allerdings immer seltener. Wer einen Schuss abfeuert, wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft, selbst wenn es nur ein Probeschuss ins Leere war. Gefährdet er damit jemanden, fällt die Strafe viel härter aus.

Ausnahmen sieht das Gesetz nur für Jagdwaffen und Luftgewehre fürs Sportschiessen vor. Um sich dafür zu qualifizieren, muss man jedes Jahr medizinische und psychologische Tests ablegen. Ausserdem muss man die Waffe jährlich vorführen. Von 126 Millionen Japanern haben nur 122'515 einen Waffenschein. Sie besitzen zusammen 246'000 Schusswaffen. Die Zahlen gehen zurück.

Selbst die Mafia scheut Waffen

Weil die Waffengesetze so streng seien, so der Kriminalitätsexperte Jake Adelstein, scheue sich sogar die Yakuza immer öfter, Schusswaffen zu tragen. Vor 15 Jahren fand die Polizei in einem Auto der Yamaguchi-Gumi, der mächtigsten Yakuza-Gruppe, eine Pistole. Das führte dazu, dass der Boss der Bande wegen Komplizenschaft zum illegalen Waffenbesitz verhaftet wurde. Er erhielt siebe Jahren Gefängnis, ohne dass die Pistole benützt worden war.

Faustfeuerwaffen sind in Japan erst seit 1965 verboten, die Auslegung des Gesetzes wurde vor vier Jahren zusätzlich verschärft. Zwar gab es in der sogenannten Edo-Zeit (1603–1868), als Japan sich gegen das Ausland abriegelte, bereits einmal eine Periode strenger Waffenregeln. Aber Schusswaffen existierten in Japan so lange wie in Europa, sie kamen im 13. Jahrhundert aus China, im 16. Jahrhundert brachten die Portugiesen Gewehre nach Japan, bald produzierte Japan mehr Gewehre als Europa. Im Krieg gegen Korea 1592 setzte es 160'000 Schützen ein. Nach der Öffnung 1868 existierten in Japan erneut massenweise Schusswaffen.

Dass Japans Null-Toleranz-Politik gegenüber Schusswaffen nichts mit der Tradition des Landes zu tun hat, zeigt sich überdies an der Tatsache, dass das Gesetz das traditionelle Schwert der Samurai gleichbehandelt wie Feuerwaffen. Der Job der Polizei sei es, Leute mit Schusswaffen ins Gefängnis zu stecken, meist lange bevor sie den Abzug ziehen, zitierte Adelstein einen pensionierten Detektiv. Das sei die wirksamste Mordprävention.

Erstellt: 14.01.2013, 10:07 Uhr

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