Inferno von St. Luzisteig – 30 Jahre später

Ein Schiessen auf dem Waffenplatz endete 1985 verheerend: Auf einer Fläche von über 160 Fussballfeldern brannte der Wald. Dann trat die Armee auf den Plan.

Von der Schweizer Armee in Brand geschossen: Auf der St.Luzisteig oberhalb von Balzers brennen in der Nacht vom 5. auf den 6.Dezember 1985 insgesamt etwa 115 Hektaren Wald.

Von der Schweizer Armee in Brand geschossen: Auf der St.Luzisteig oberhalb von Balzers brennen in der Nacht vom 5. auf den 6.Dezember 1985 insgesamt etwa 115 Hektaren Wald. Bild: zvg

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Am 5. Dezember 1985 um 15.15 Uhr wird dem Feuerwehrkommandanten der Liechtensteiner Gemeinde Balzers starke Rauchentwicklung über dem Zielgebiet des Schiessplatzes auf dem Waffenplatz St. Luzisteig gemeldet. Sofort löst der Kommandant Alarm aus. Zehn Minuten später ist er vor Ort und muss mitansehen, wie sich das Feuer von starken Windböen angefacht rasch ausbreitet. Der Föhn fegt durch die Bündner Herrschaft, deren Böden ausgetrocknet sind.

Ohne Hilfe, das wird dem Kommandanten klar, können die Feuerwehr von Balzers und die bereits im Einsatz stehende Betriebsfeuerwehr Luzisteig den Grossbrand nicht unter Kontrolle bringen. Um 15.27 Uhr werden die Feuerwehren von Triesen und Vaduz alarmiert.

Wegen des Föhns kommt es zu Feuersprüngen. Das macht den Brand unberechenbar – und gefährlich: Einige Feuerwehrleute können sich gerade noch in Sicherheit bringen. Um 16.15 Uhr wird die Betriebsfeuerwehr der Firma Balzers aufgeboten. Zu diesem Zeitpunkt brennen bereits gegen 60 Hektaren Wald. Um 16.28 Uhr wird Grossalarm für alle liechtensteinischen Feuerwehren ausgelöst.

Nach und nach werden auch noch die Feuerwehren von Trübbach-Sevelen, Sargans und Bad Ragaz sowie drei weitere Betriebsfeuerwehren herbeigerufen.

Starker Föhn

Um 20 Uhr bekämpfen gegen 500 Mann das Feuer. Pro Minute werden 21'000 Liter Wasser in die Flammen gespritzt. Der Rhein-Heli fliegt als einziger der angeforderten Helikopter trotz heftigen Böen seit Stunden ununterbrochen Löscheinsätze. Nun aber meldet der Pilot, dass unter den Felswänden ob der St.Luzisteig starke Fallwinde herrschen würden, die das Fliegen immer schwieriger machten. «Es muss geflogen werden, sonst ist alles umsonst», befiehlt der Feuerwehrkommandant.

Trotzdem wird die Lage für das Dorf Balzers in der Nacht immer bedrohlicher. Kurz nach 3 Uhr morgens ist das Feuer bis auf 30 Meter ans Dorf herangerückt. Und obwohl der Wind noch stärker geworden ist, erhält der Rhein-Heli-Pilot den Befehl, in der Luft zu bleiben: «Du musst fliegen, jetzt gehts ums Dorf!» Dann lässt der Föhn langsam nach. Um 7 Uhr morgens ist das Feuer endlich unter Kontrolle. Nach bald zwanzig Stunden im Einsatz werden die Feuerwehrleute von einer Kompanie der Luftschutztruppen abgelöst.

Zornige Liechtensteiner

Heute deutet fast nichts mehr auf die dramatischen Stunden des 5. und 6.Dezember 1985 hin, die der damalige Kommandant der Feuerwehr Balzers in seinem Rapport minutiös festgehalten hat. Im Fürstentum Liechtenstein war der Zorn über das trotz starkem Föhn durchgeführte Übungsschiessen gross. Umso mehr, als die Feuerwehr von Balzers nicht zum ersten Mal im Zielgebiet des Schiessplatzes St.Luzisteig einen Brand hatte löschen müssen.

So brannten zum Beispiel 1960 fast 10 Hektaren Wald, ebenfalls bei starkem Föhn. Die Feuersbrunst von 1985 war allerdings viel verheerender. Sie wütete auf 115 Hektaren, was einer Fläche von über 161 Fussballfeldern entspricht. 40 Hektaren davon waren so stark betroffen, dass nicht nur die Bäume verbrannten, sondern auch der Humus zerstört wurde.

Die Liechtensteiner Regierung sandte eine scharfe Protestnote nach Bern. Zwar liegen nur 10 Prozent des verwüsteten Waldes auf Liechtensteiner Territorium. Doch sind auch die restlichen 90 Prozent in Besitz der Liechtensteiner Gemeinde Balzers. Vor allem aber sollte die Bevölkerung von Balzers nie mehr wegen der Schweizer Armee um ihre Häuser fürchten müssen.

Dem damaligen EMD-Chef Jean-Pascal Delamuraz gelang es schliesslich, die Situation zu entspannen. Er versprach umfassende Brandvorkehrungen und die Wiederaufforstung. Das Aufforstungsprojekt wurde nach fast 30 Jahren in diesem Sommer abgeschlossen – «mit durchwegs positiver Gesamtbilanz in waldbaulicher Hinsicht», wie es in einer Mitteilung der Armee heisst.

7 Kilometer Wildschutzzäune

Zunächst habe man alle abgestorbenen Bäume abgeräumt und Erschliessungsstrassen gebaut, sagt Stefan Buob vom Kantonsforstamt St.Gallen, der das Projekt in den vergangenen 15 Jahren begleitet hat. «Anschliessend wurden insgesamt 220'000 Bäumchen gepflanzt, 35'000 davon in Töpfen mit Humus.» Vor allem Waldföhren seien gesetzt worden, die für den trockenen und mageren Boden auf der St.Luzisteig besonders gut geeignet seien. Zum Schutz vor Hirschen habe man zudem insgesamt 7 Kilometer Wildschutzzäune errichtet, die inzwischen wieder abgebaut worden seien.

Das Aufforstungsprogramm sei erst nach 30 Jahren abgeschlossen worden, weil die Armee den Wald im gleichen Zustand wie vor dem Brand an den Eigentümer habe zurückgeben wollen, erklärt Buob, der im Nebenamt als Chefexperte Forst für das Verteidigungsdepartement tätig ist. Und 1985 sei der Wald auf der St.Luzisteig gut 30 Jahre alt gewesen. Das Resultat der Aufforstung sei sehr erfreulich, hält auch Buob fest. Zudem habe das Projekt mit 5,4 Millionen Franken weniger gekostet als die budgetierten 5,8 Millionen.

Einen kleinen Wermutstropfen gebe es aber. So sei nicht wie ursprünglich vorgesehen eine Fläche ausgeschieden worden, damit verglichen werden könnte, wie schnell sich die Fläche ohne Aufforstungs- und Schutzmassnahmen wieder bewaldet hätte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.10.2015, 11:03 Uhr

St. Luzisteig (Bild: BZ)

Massnahmen der Armee

Der Waldbrand auf der St.Luzisteig war der Auslöser für umfangreiche Brandschutzmassnahmen auf dem Waffenplatz. Einerseits sind mehrere Wasserreservoirs angelegt und das Hydrantennetz ausgebaut worden. Anderseits erhielt die Betriebsfeuerwehr Luzisteig zusätzliches Löschmaterial und weitere Fahrzeuge. In gemeinsamen Übungen mit allen Feuerwehren der Region wird die Brandbekämpfung regelmässig trainiert. Ein ortskundiger Berufsmilitär und ein Löschspezialist der Betriebsfeuerwehr entscheiden jeweils gemeinsam, ob die Bedingungen eine Schiessübung zulassen oder ob die Brandgefahr zu gross ist.
Verhängt der Kanton Graubünden ein Feuerverbot, darf nicht geschossen werden. Beim Schiessen mit Leuchtspurmunition und anderer brandgefährlicher Munition ist besondere Vorsicht geboten.
Eine Statistik über die Anzahl Brände, die durch Schiessübungen der Armee ausgelöst wurden, wird laut dem Schadenzentrum des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) nicht geführt.
Zu grösseren Schäden ist es in den letzten Jahren offenbar nicht gekommen. «Das Schadenzentrum VBS musste seit 2004 keine Schadenregulierung wegen Bränden infolge einer Schiessübung vornehmen», heisst es in einer Stellungnahme. Zu früheren Jahren lägen keine Daten vor.phh

Weniger Schäden

Das Schadenzentrum VBS hat im letzten Jahr 7585 Schadenfälle abgewickelt, die Kosten in Höhe von 12,71 Millionen Franken verursachten. Das entspricht knapp 3 Promille des Armeebudgets von 2014. Die wichtigsten Schadenkategorien waren Bundesfahrzeuge (7,28 Mio.), Zivilpersonen (1,40 Mio.) und Zivilfahrzeuge (1,38 Mio.). Die von der Armee verursachten Schäden sind tendenziell seit Jahren rückläufig. 2010 betrugen sie etwa noch 15,33 Millionen Franken.phh

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