«Ingenieurinnen sind auf dem Markt gesucht»

Die Branchenvertreterin Andrea Leu glaubt, dass falsche Vorstellungen die Mädchen von technischen Berufen abhalten. Eine Frauenquote hält sie aber für unmöglich.

Traute sich einen technischen Beruf zu: Ingenieurin Michelle Moos löst im Monte-Ceneri-Basistunnel eine Sprengung aus. (Archivbild Keystone)

Traute sich einen technischen Beruf zu: Ingenieurin Michelle Moos löst im Monte-Ceneri-Basistunnel eine Sprengung aus. (Archivbild Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Andrea Leu, der Anteil der Frauen in den klassischen Ingenieurfächern wie Maschinenbau oder Elektronik ist 2011 wieder gesunken. Wie kann das sein?
Viele Mädchen trauen sich die Berufe nicht zu. Dazu gesellt sich das Bild vom Ingenieur als Einzelgänger und Tüftler, das den Bedürfnissen der Mädchen im Berufswahlalter noch weniger entspricht als denjenigen der Jungen. Aber die Gründe liegen wahrscheinlich tiefer. Kleine Kinder legen oft eine grosse Technikbegeisterung an den Tag – auch Mädchen. Dann gibt es irgendwann einen Bruch, und die Kinder interessieren sich nicht mehr für die Technik.

Wann setzt dieser Bruch ein?
Mit acht bis zehn Jahren, manchmal später. Bei den Mädchen ist er noch radikaler. Es wäre unsere Aufgabe, diesen Bruch aufzufangen und die Technikbegeisterung aufrechtzuerhalten – durch Gespräche, durch Vorbilder, durch Aktivitäten in den Schulen.

Wieso braucht es diese Anstrengungen? Man könnte das Feld den Männern überlassen, die machen das doch gut?
Bei den Mädchen liegt ein riesiges Potenzial für Ingenieurinnen brach, bei den Knaben ist es praktisch ausgeschöpft. Rein zahlenmässig. Zudem ist unbestritten, dass gemischtgeschlechtliche Teams bessere Resultate erzielen, auch in der Technik. Technikkonzerne wie Siemens oder ABB wissen das und stellen noch so gerne Frauen als Ingenieurinnen an.

Gibt es Möglichkeiten, die Sie noch nicht ausgeschöpft haben?
Erstaunlich ist, dass die technischen Berufe bei Mädchen zu wenig bekannt sind. Wir wissen aus Studien, dass Mädchen ein weitaus geringeres Berufswahlspektrum haben als Buben. Die technischen Berufe fehlen fast vollständig. Welches Mädchen weiss schon, dass es auch Polymechanikerin lernen könnte? Nicht zuletzt bieten technische Berufe hervorragende Laufbahnchancen, es gibt zum Beispiel viele Projekte, die man auch in Teilzeit machen kann. Das alles ist noch zu wenig bekannt.

Könnte eine strikte Frauenquote in technischen Berufen helfen?
Wir wüssten nicht, wo die Mädchen und Frauen rekrutiert werden könnten, um einen 50-Prozent-Anteil zu erreichen. Aber die Unternehmen sollten sich zumindest das Ziel setzen, einen gewissen Anteil Frauen zu erreichen.

Wie steht es allgemein um das Technikverständnis bei den Jugendlichen?
Wir haben gerade eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass das Interesse an technischen Studienrichtungen wieder steigt. Aber es könnte grösser sein.

Die technischen Berufe sind anspruchsvoll, es braucht viel Mathematik und Naturwissenschaften. Haben die Jugendlichen nicht einfach die Fähigkeiten für technische Berufe verloren?
Tatsächlich wurde in den 80er- und 90er-Jahren der Anteil der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in der Schule zurückgestutzt. Das war falsch. Aber heute weiss man, dass man diese Fächer wieder stärken muss.

Erstellt: 11.11.2012, 10:30 Uhr

Andrea Leu ist Geschäftsführerin des Branchenverbandes Ing CH und kümmert sich um die Nachwuchsförderung von Ingenieuren.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...