Interview

«Innerlich war die Pistole schon geladen»

Unsichere Verhältnisse am Arbeitsplatz können Stress erzeugen. Für einen Amoklauf reiche dies allein aber nicht aus, sagt der Psychologe Jens Hoffmann.

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Die Firma Kronospan hatte anscheinend wirtschaftliche Probleme und deshalb zeitweise Kurzarbeit eingeführt. Erhöhen solche Faktoren die Gewaltbereitschaft in einer Firma?
Beruflicher Stress allein reicht als Auslöser nicht aus, meist kommen private oder psychische Probleme dazu. Bei Amokläufern gibt es immer ein Zusammenspiel mehrerer Krisen.

Welche Rolle spielt die Situation am Arbeitsplatz generell bei Amokläufen?
Der Arbeitsplatz ist in den meisten Fällen der Ort des Konflikts und nicht zufällig auch Ort des Amoklaufs. Manchmal hat der Täter einen persönlichen Konflikt mit Kollegen oder Vorgesetzten, oder er glaubt, die Firma habe sein Leben ruiniert. Für den Täter ist der Arbeitsplatz dann der Ort, an dem ihm oder anderen Schlechtes widerfahren ist.

Sie haben anhand von Polizeiakten kürzlich 20 Fälle von schwerer Gewalt am Arbeitsplatz in Deutschland ausgewertet. Was sind Ihre Erkenntnisse?
90 Prozent dieser Fälle waren geplant, und es gab praktisch immer Warnsignale wie Andeutungen gegenüber Kollegen oder auch das Zeigen einer Waffe. Die Täter haben teilweise während Jahren über ihre Tat nachgedacht.

Weshalb kommt es, nachdem jahrelang nichts passiert, zum plötzlichen Gewaltausbruch?
Es gibt immer einen letzten Auslöser, beispielsweise die Bedrohung einer Entlassung oder auch eine Kleinigkeit. Aber immer gibt es auch eine Vorbereitung auf die Tat: Innerlich war die Pistole schon geladen.

Handeln Amokläufer kaltblütig oder impulsiv?
Amokläufer sind während der Tat im sogenannten Jagdmodus. Sie sind ruhig, gezielt und kontrolliert. Deshalb sprechen wir in solchen Fällen von einer kalten statt einer heissen Wut.

Es heisst, der Täter von Menznau habe sich in seinem Stolz verletzt gefühlt. Typisch für Amokläufer?
Ja, die Täter fühlen sich in der Regel gekränkt und machen andere für das Unrecht verantwortlich. Sonst würden sie die Tat nicht begehen. Diese Kränkung kann objektiv gross oder klein sein. Entscheidend ist, dass die Täter darüber grübeln und überzeugt sind, dass gewisse Personen in der Firma ihnen etwas Schlimmes angetan hätten. In ihren Augen wehren sie sich zu Recht.

Der Täter arbeitet seit 10 Jahren im Betrieb, ist eine langjährige Mitarbeit bei Amokläufern die Regel oder die Ausnahme?
Unsere Studie zeigt, dass die Mehrheit der Täter wegen Konflikten häufig den Arbeitsplatz wechselte.

Sie beraten Unternehmen zum Thema Bedrohungsmanagement. Was sollen diese tun, wenn Kurzarbeit und Entlassungen unvermeidlich sind?
Auf jeden Fall die Leute ehrlich informieren und sie ernst nehmen. Man kann zum Beispiel offen sagen: «Wir wissen, es ist schwierig, aber wir können jetzt nicht anders.» Wer hingegen mit Worthülsen informiert, schürt Unmut.

Was empfehlen Sie Unternehmen zudem zur Amok-Prävention?
Es muss unbedingt auf Warnsignale geachtet werden. Drohungen, Schuldzuweisungen, Anzeichen von Ausweglosigkeit, Suizidäusserungen – dafür muss es intern einen Ansprechpartner geben. Sowohl für den Betroffenen als auch für seine Mitarbeiter. Arbeitskollegen nehmen solche Drohungen oft nicht ernst, wissen nicht, an wen sie sich wenden könnten, oder haben Angst, der Kollege werde entlassen, wenn man davon erzählt. Deshalb braucht es geschulte Vertrauenspersonen, die auch mit der Polizei vernetzt sind.

Erstellt: 28.02.2013, 07:03 Uhr

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Benno Studer – Opfer des Amoklaufs in Menznau

Benno Studer – Opfer des Amoklaufs in Menznau Der Kranzschwinger Benno Studer fiel der Bluttat in Menznau zum Opfer.

Attentat in Menznau: Freunde von Mitarbeitern erzählen. (Video: Keystone )

«Wir haben eine Schusswaffe am Tatort sichergestellt»: Der Chef der Kriminalpolizei Luzern, Daniel Bussmann, zum Stand der Ermittlungen. (Video: Keystone)

Jens Hoffmann

Der Kriminalpsychologe leitet seit acht Jahren das Institut für Psychologie & Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Er berät Firmen und Behörden.

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