Innerrhoden, der schwarze Fleck auf der Impfkarte

Nirgends impfen sich so wenig Menschen wie in Appenzell Innerrhoden. Die Bewohner vertrauen lieber ihren eigenen Heilmethoden.

Blick aus einem Heissluftballon auf das Alpsteinmassiv: Die Dörfer Steinegg, vorne, und Weissbad, hinten, im Kanton Appenzell Innerrhoden. (2007)

Blick aus einem Heissluftballon auf das Alpsteinmassiv: Die Dörfer Steinegg, vorne, und Weissbad, hinten, im Kanton Appenzell Innerrhoden. (2007) Bild: Keystone

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Der Innerrhoder Kantonsarzt Renzo Saxer hat schon vieles versucht, um die Innerrhoder zum Impfen zu motivieren. Er machte Eltern von Teenagern regelmässig auf Impflücken aufmerksam oder riet ihnen, ihre Töchter gegen ein Virus impfen zu lassen, das Gebärmutterhalskrebs verursachen kann. Einmal wartete er ab, bis einige Masernfälle auftraten, und rief erst dann zum Impfen auf. Aber auch davon liessen sich die Innerrhoder nicht beeindrucken. «Viel mehr können wir nicht machen», seufzt Saxer.

Und so bleibt Appenzell Innerrhoden das Impfloch der Schweiz auf der Karte des Bundesamts für Gesundheit; ein kleiner, tiefschwarzer Kreis am nordöstlichen Rand des Landes. Hier ist nur jedes zweite Kleinkind zweifach gegen Masern geimpft, so wenige wie sonst nirgends in der Schweiz. Im ganzen Land sind es 83 Prozent. Damit gerät Innerrhoden regelmässig in die Schlagzeilen: «Steht Appenzell vor einer Masernepidemie?» titelte einst ein Pendlerblatt, und Ärzte beklagten in Zeitungsberichten, dass die Impfquote tiefer ist als in Entwicklungsländern.

Dabei sind die Innerrhoder keine ausgesprochenen Impfgegner. Es gibt auch keine Gruppierungen, die sich gegen den sogenannten Impfzwang organisieren. Die Innerrhoder sind lediglich skeptisch. Die Grippeimpfung etwa hat hier einen schweren Stand: «Man sagt sich: Lieber habe ich einmal eine Grippe als Impfstoffe in meinem Körper», sagt Martin Würmli, Sekretär des Gesundheitsdepartements.Mehr als den Impfstoffen vertrauen die Innerrhoder ihren Abwehrkräften. «Viele haben das Gefühl, es könne sie nicht erwischen», sagt Kantonsarzt Saxer. Dies nicht zuletzt wegen der intakten Natur und der frischen Luft. So hätte man in Innerrhoden nur gelacht, als sie im Thurgau aus Angst vor der Schweinegrippe die Türklinken in den Schulen desinfizierten. In Innerrhoden, so gibt der Kantonsarzt zu bedenken, seien die Leute aber auch weniger den Krankheiten ausgesetzt als in den Städten.

Gebetsheiler nimmt Schmerzen

Und wenn es sie trotzdem einmal erwischt, dann vertrauen sie den eigenen Methoden, respektiv jenen ihrer Eltern und Grosseltern und machen Essigwickel, wenn sie Fieber haben. «In Innerrhoden hat die Grossfamilie noch einen sehr starken Zusammenhalt», sagt der Kantonsarzt. Die Grossmutter wohne oft in der Nähe, der nächste Arzt hingegen ist weit weg. Spezialisten gebe es kaum; sie benötigen ein grösseres Einzugsgebiet als knapp 16 000 Personen.

Die diversen Heilmethoden greifen aber ineinander, wie Roland Inauen sagt, Erziehungsdirektor und Volkskundler. Wenn sich jemand ein Bein bricht, geht er wohl ins Spital, lässt sich aber vielleicht von einem Gebetsheiler die Schmerzen nehmen und von einem Naturarzt eine Narbensalbe verschreiben. Zum Arzt gehen die Innerrhoder nur, wenn es gar nicht anders geht. Entsprechend tief sind im Verhältnis zu anderen Kantonen die Gesundheitskosten.

So manche junge Eltern gehen mit ihren Neugeborenen in die Praxis von Josef Strässle. Strässle ist Schulmediziner, wendet aber auch Naturheilverfahren an und nennt sich deshalb Erfahrungsmediziner. «Ich mache nichts anderes als Fakten und Erfahrungen sammeln», sagt er – auch an die Adresse jener Schulmediziner, die Impfskeptiker als unwissenschaftlich bezeichnen. Strässles Fakten sprechen nicht fürs Impfen: «Kinder, die im ersten Jahr nicht geimpft worden sind, sind später praktisch nie krank.» Die Geimpften hingegen seien oft chronisch erkältet, wie ihm die Mütter erzählten.

Er rät Eltern aber nicht in jedem Fall, aufs Impfen zu verzichten. Sondern nur dann, wenn die Mutter das Kind mindestens drei Monate stillt und wenn sein Abwehrsystem gleichzeitig homöopathisch gestärkt wird. Der Arzt ist auch der Ansicht, dass man Kinder ruhig «die Masern machen lassen kann». «Ich sehe da kein Problem.» Todesfälle bei Masern seien ein Problem von Entwicklungsländern. Der Arzt hat seine eigenen Kinder noch impfen lassen – weil man das damals so tat. Heute seien die jungen Eltern besser informiert und machten sich mehr Gedanken. Und die Appenzeller, so beobachtet er, hätten eher Angst, zu viel zu machen als zu wenig.

Ein Impfzwang aus Bern käme hier nach Einschätzung von Erziehungsdirektor Inauen nicht gut an. Vor allem die Älteren respektierten ihre eigene Obrigkeit zwar sehr. Sie tun das aber nur so lange, wie sie den Nutzen von dem sehen, was «die Herren» verlangen und solange ihre Freiheit nicht eingeschränkt wird. Eine fremde Obrigkeit, eine aus Bern oder Brüssel, muss ihnen schon gar nichts aufzwingen wollen.

Erstellt: 26.08.2013, 02:33 Uhr

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