Pädophiler in Therapie

«Ins Freibad gehe ich nicht mehr»

Florian Baumer, der in Wirklichkeit anders heisst, ist 28 und pädophil. Seit ein paar Monaten lässt er sich am Forensischen Institut Ostschweiz behandeln. Jeder Tag ist ein Kampf – gegen sich selbst.

«Plötzlich steht da ein kleiner Engel zwischen den Regalen.» Für den pädophilen Patienten ist «ein normaler Einkauf» eine Tortur. Foto: Getty Images

«Plötzlich steht da ein kleiner Engel zwischen den Regalen.» Für den pädophilen Patienten ist «ein normaler Einkauf» eine Tortur. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.


«Am Morgen, wenn ich erwache, ist mein erster Gedanke: pädophil. Am Abend ist mein letzter Gedanke, bevor ich einschlafe: pädophil. In der Nacht, wenn ich schlafe, träume ich fast nur von einem Thema: Pädophilie.»

Der Mann, der diese Worte schreibt, ist 28 Jahre alt. Er will anonym bleiben, nennen wir ihn also Florian Baumer. Dass er anders ist als die «normalen Menschen», ahnte Florian Baumer erstmals mit 14 Jahren. Da hatte er «unbewusst schon ein Flair für jüngere Mädchen», wie er dem TA schreibt. Ein Treffen lehnt er ab, zu gross ist die Angst, dass andere von seiner Neigung erfahren – trotz Zusicherung absoluter Anonymität. Nur gerade seine Mutter weiss Bescheid, ihr hat er sich letzten Sommer anvertraut. Geschwister, Freunde, Arbeitskollegen sind allesamt ahnungslos. Eine Freundin hat Baumer nicht.

Die endgültige Erkenntnis, was mit ihm los ist, kam Baumer mit 19 – und war ein Schock. Sie ist es noch heute, 9 Jahre später. «Es vergeht kein Tag, an dem ich diese Neigung nicht verfluche», schreibt er. «Tausendmal habe ich mich schon gefragt: Warum muss gerade ich diese Neigung haben? Warum kann ich nicht normal sein? Warum ist das Leben nicht schön?» Antworten auf diese Fragen hat Baumer bisher nicht gefunden. Doch er hat sich Hilfe geholt: Seit letztem Oktober lässt er sich am Forensischen Institut Ostschweiz (Forio) in Frauenfeld ­behandeln, dem einzigen Ort in der Schweiz, der seit 2008 spezielle Therapien für Pädophile anbietet.

Baumer möchte lernen, besser mit seiner Neigung umzugehen, sie zu akzeptieren, wie er schreibt. Er hofft, andere Pädophile kennen zu lernen – und seine Depressionen und Panikattacken in den Griff zu kriegen, die er mit Medikamenten behandeln muss. Er, der früher «ein Sonnyboy, ein richtiger Draufgänger, richtig glücklich» war, beschreibt sich heute als «sehr introvertiert». Er gehe selten nach draussen, meide möglichst den Kontakt zu anderen Menschen.

Zum einen sei da «das schlechte Gefühl, wenn ich ein Mädchen sehe, das mich sexuell erregt». Zum anderen habe er «panische Angst davor, jemand würde meine Neigung erkennen, während ich zum Beispiel ein Mädchen mit anderen Augen wie Normalsterbliche betrachte». Wie belastend die pädophile Neigung ist, sei «kaum in Worte zu fassen», schreibt Baumer. Und: «Die Liebe, eigentlich das schönste Gefühl der Welt – für uns ist dieses Gefühl die grösste Qual.»

«Für Verhalten verantwortlich»

Die Gespräche mit dem Therapeuten am Forio tun Baumer gut – auch weil er abgesehen von seiner Mutter mit niemandem über seine Neigung spricht. Seine wichtigste Erkenntnis im bisherigen Verlauf der Therapie, die durchschnittlich alle zwei Wochen stattfindet: «Ich habe gelernt, dass ich nicht für meine sexuelle Orientierung, sondern für mein Verhalten verantwortlich bin.»

Diese Erkenntnis sei eine «überaus wichtige», sagt Baumers Therapeut, der seinen Namen zum Schutz seines Klienten ebenfalls nicht öffentlich machen will. Die pädophilen Patienten müssten lernen, ihre Neigung zu akzeptieren, aber gleichzeitig wissen, dass sie nichts für diese könnten. «Scham und Schuldgefühle sind bei Pädophilen weitverbreitet – gerade wenn ihre Neigung sie ­bereits hat Delikte begehen lassen. Alle haben ein schlechtes Gewissen.» Als Institut verurteile man die Straftaten «auf das Schärfste». Das heisse jedoch nicht, dass man auch die Menschen verurteilen müsse.

Das Ziel der Therapie sei es, straffrei zu bleiben oder zu werden, sagt die Leiterin des Forio, Monika Egli-Alge. Ferner gehe es darum, «die Störung und somit die Unveränderbarkeit der Störung zu akzeptieren und Bewältigungsstrategien dazu zu entwickeln, wie ein Leben ohne Delikte aussehen kann». Wenn möglich, bietet man am Forio zusätzlich zu den Einzeltherapien auch Gruppentherapien an. Baumer hofft, dass bald eine solche zustande kommt: So würde er «andere Personen kennen lernen, die das gleiche Problem haben».

Aufgenommen in das Therapieprogramm werden sowohl Personen, die bisher keine sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen haben, aber befürchten, solche begehen zu können, als auch Männer, die bereits Übergriffe begangen oder Kinderpornografie konsumiert haben. In 20 Prozent der Fälle werden sie durch die Justiz ans Forio überwiesen.

Florian Baumer gehört in erstere Gruppe. Er ist, wie er schreibt, bisher «in keiner Art und Weise» straffällig geworden, sein Therapeut bestätigt dies. «Kinderpornografie könnte ich mir aus moralischen Gründen nie anschauen», schreibt Baumer. «Ich habe die Grenze nie überschritten, und falls ich in meinem Leben jemals die Grenze überschreite, wäre für mich der Suizid die einzige Lösung. Ich könnte mit einem solchen Gewissen nicht weiterleben.»

Die Aussagen von Florian Baumer seien typisch für viele Pädophile, sagt sein Therapeut. Der grosse Teil der Männer werde nie straffällig – auch wenn in der Öffentlichkeit die Meinung vorherrsche, das Gegenteil sei der Fall. Ebenso sei es falsch, anzunehmen, dass alle Übergriffe auf Kinder von Pädophilen begangen würden. Vielmehr gehe ein Teil dieser Straftaten auf das Konto von Personen, die Kinder aus anderen Gründen missbrauchten.

Was aber sind die Strategien, mit denen Baumer seine Neigung im täglichen Alltag unterdrückt? «Das einzige Ablassventil, das ich verwende, ist mein Kopfkino», sagt er. Er versuche, heiklen Situationen möglichst aus dem Weg zu gehen – besonders dann, wenn der Besuch eines Ortes nicht zwingend nötig sei. So sagt er etwa: «Ins Freibad gehe ich schon seit Jahren nicht mehr.» Wenn seine Geschwister dereinst Kinder haben, werde er «die Koffer packen und auswandern». Der Gedanke daran, dass er sich in eine seiner Nichten verlieben könnte, mache ihn «wahnsinnig».

Doch aller Vorsicht zum Trotz gerät Baumer immer wieder ungeplant in ­Situationen, die ihn bis aufs Äusserste fordern. Zum Beispiel beim Einkaufen:


«Ich gehe in den Laden, und plötzlich steht da ein kleiner Engel zwischen den Regalen. In diesem Moment gerate ich völlig aus der Fassung. Ich bekomme weiche Knie, zittrige Hände, werde völlig chaotisch. Ich kaufe mir Sachen, die ich nicht brauche, und Sachen, die ich brauche, kaufe ich nicht. Es kann doch nicht wahr sein, dass ein normaler Einkauf mit solchen Torturen verbunden sein muss.»

Diese Aussage zeige die «grosse Angst» seines Klienten vor solch alltäglichen Situationen, sagt sein Therapeut. Baumer versuche, diesen so gut als möglich aus dem Weg zu gehen, indem er beispielsweise abends statt untertags einkaufe oder aber in Läden, in denen er keine Kinder vermute. Doch gänzlich vermeiden lasse sich das Einkaufen nicht. «Sowieso ist das Ziel der Therapie nicht, dass die Klienten künftig zwanghaft jeden Kontakt mit Kindern meiden», sagt Baumers Therapeut. «Sie sollen bei uns vielmehr einen verantwortungsvollen Umgang lernen – und damit ein Stück Lebensqualität zurückgewinnen.»

«Ampel-Modell» soll helfen

In der Therapie beschäftigen sich die Pädophilen mit dem sogenannten Ampel-Modell, einer Art Leitfaden für den ­Umfang mit ihrer Neigung. Er soll ihnen helfen, potenzielle Gefahren, persönliche Risikosituationen und allfälliges Problemverhalten frühzeitig zu erkennen respektive ganz zu vermeiden.

Grün steht für Kontakte mit Kindern im Beisein von Erwachsenen aus deren sozialem Umfeld, beispielsweise an einem Familienfest. Diese werden als unbedenklich angesehen.

Gelb wird – wie im Strassenverkehr – als potenzielle Gefahr betrachtet. So ist erhöhte Vorsicht geboten, wenn Pädophile in der Öffentlichkeit auf Kinder treffen, die ohne Erwachsene unterwegs sind – im Zoo etwa oder im Kino.

Rot gilt als Stoppsignal. Treffen allein mit Kindern an unbeobachteten Orten, etwa in der eigenen Wohnung, gelten als verboten, ebenso der Konsum von Kinderpornografie.

Pädophilie ist nicht heilbar

Bei aller Hoffnung in die Therapie weiss auch Baumer, der als 12-Jähriger von einem «sadistischen und vielleicht auch pädophil veranlagten Lehrer» eineinhalb Jahre körperlich missbraucht wurde: Pädophilie ist nicht heilbar. Er wünsche sich nichts mehr, als «normal zu sein» – und damit auf der «anderen Seite zu stehen und Sprüche zu klopfen wie: ‹Alle Pädos an die Wand.› Aber leider gehöre ich nicht zu denen.»

Laut Forio-Leiterin Monika Egli-Alge kann die Therapie wegen der Unheilbarkeit der Pädophile denn auch im besten Fall helfen, «kognitive Verzerrungen und Selbst- und Fremdtäuschungen zu erkennen sowie Bewältigungsstrategien zu erlernen, um fortan oder weiterhin ein deliktfreies Leben zu führen».

Baumer will all dies versuchen. Einfach, das weiss er, wird es nicht – umso mehr, als «die Leute da draussen» Pädophile «schier unerträglich hassen», wie er schreibt. Für ihn, der «jegliche Gewalt oder Kindesmissbrauch» verurteilt, wäre es «wesentlich leichter, mit dieser Neigung zu leben, wenn man sich outen könnte, ohne von der Gesellschaft gleich gelyncht zu werden».

Die Pädophileninitiative, über die am 18. Mai abgestimmt wird, lehnt Baumer ab. Zwar würde er ein Berufsverbot für Männer mit hoher Rückfallquote sofort begrüssen, ganz nach dem Motto: «Kinderschänder sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten». Doch der tatsächliche ­Titel der Initiative – «Pädophile sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen» – mache keinen Unterschied zwischen straffällig gewordenen Pädophilen und solchen, die straffrei lebten. Ebenso schliesse die Initiative «nicht pädophil veranlagte Kinderschänder» aus, die nach der Freilassung «wieder mit Kindern arbeiten, da sie nicht pädophil sind». Das sei ein «Armutszeugnis».

Noch werde in seinem Umfeld nicht über die Initiative diskutiert, schreibt Baumer zum Schluss. Wenn das Thema aufkomme, werde er sich verhalten wie immer: still.


«Es ist jeden Tag ein Kampf aufs Neue, ein Kampf gegen die eigenen Gefühle, gegen die eigenen Triebe, gegen Depressionen. Diesen Kampf werde ich bis ans Lebensende ­führen müssen.»

Erstellt: 01.04.2014, 11:18 Uhr

Therapien für Pädophile

Am 18. Mai entscheidet das Schweizer Stimmvolk über die Volksinitiative «Pädophile sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen». Sie will Personen, die wegen sexueller Übergriffe auf Kinder verurteilt wurden, «endgültig das Recht» wegnehmen, eine berufliche oder ehrenamtliche Tätigkeit mit Minderjährigen oder Abhängigen auszuüben. Neben der Repression rücken mit der Initiative auch präventive Angebote in den Fokus – so etwa das Forensische Institut Ostschweiz (Forio) in Frauenfeld, das seit 2008 eine schweizweit einzigartige Therapie für Pädophile anbietet. Bisher haben 25 Männer die Beratung am Forio abgeschlossen. 20 befinden sich aktuell in Therapie.

Schätzungen zufolge ist etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung pädophil. Über Frauen gibt es noch weniger gesicherte Befunde; die Forschung geht davon aus, dass es auch weibliche Pädophile gibt. Warum jemand eine pädophile Neigung entwickelt, ist bis heute nicht ausreichend erforscht. (sir)

Artikel zum Thema

Darum geht es bei der Pädophilen-Initiative

Das Schweizer Stimmvolk befindet am 18. Mai über die Initiative «Pädophile sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen». Mehr...

Flüchtiger Pädophiler in Berlin gefasst

Die Suche nach Christoph E. hat ein Ende. Der flüchtige Pädophile ist gestern Abend in Berlin verhaftet worden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...