Intersexuelle sollen nicht mehr zwangsoperiert werden

Hermaphroditen werden meist schon als Säuglinge operiert oder medikamentös behandelt. Der Europarat fordert für die Betroffenen nun das Recht, selbst über ihre Geschlechtszugehörigkeit zu entscheiden.

Mädchen oder Junge? Nicht alle Kinder entsprechen einer bipolaren Geschlechtszugehörigkeit. Bild: Twitter / NOWNESS (25. März 2015)

Mädchen oder Junge? Nicht alle Kinder entsprechen einer bipolaren Geschlechtszugehörigkeit. Bild: Twitter / NOWNESS (25. März 2015)

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Kindern, die bei der Geburt sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweisen, sollten keine unumkehrbaren Operationen oder Hormonbehandlungen aufgezwungen werden – zu diesem Schluss kommt ein Bericht des Europarats in Strassburg. Den Experten zufolge müssen solche Hermaphroditen vielmehr das Recht haben, selbst über ihr Geschlecht zu entscheiden.

Die Autoren verweisen auf Schätzungen der US-Forscherin Anne Fausto-Sterling, nach denen rund 1,7 Prozent aller Kinder mit «intersexuellen Merkmalen» geboren werden. Sie haben beispielsweise sowohl Eierstöcke als auch Hoden oder einen Hormonhaushalt, der es nicht erlaubt, sie eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen.

Kritik des Menschenrechtsbeauftragten

In Europa würden so genannte intersexuelle Kinder meist schon als Säuglinge operiert oder medikamentös behandelt, kritisierte der Menschenrechtsbeauftragte des Europarats, Nils Muiznieks:

Die Eltern seien meist nicht nur dem Druck der Ärzte ausgesetzt sondern auch dem der Behörden, etwa der Standesämter, die auf einer raschen geschlechtlichen Zuordnung bestünden.

«Es ist höchste Zeit, den unnötigen medizinischen und chirurgischen Eingriffen ohne Einwilligung der Intersexuellen ein Ende zu setzen.»Nils Muiznieks

Den Betroffenen müsse das Recht eingeräumt werden, selbst über ihre Geschlechtszugehörigkeit zu entscheiden – und zwar «in einem Alter, in dem sie ihre Einwilligung frei und voll informiert geben können».

Geschlechtsanerkennung erleichtern

Ausserdem müsse die Anerkennung des gewählten Geschlechts in offiziellen Unterlagen erleichtert werden. Die medizinischen Definitionen, die Variationen bei den Geschlechtsmerkmalen als Krankheit einstufen, müssten «dringend überprüft werden», verlangte der aus Lettland stammende Menschenrechtler weiter.

Dem Bericht zufolge schreiben die meisten europäischen Staaten vor, dass das Geschlecht in den Ausweisen angegeben wird. Eine Ausnahme ist demnach Deutschland, wo es auf Pässen oder Personalausweisen keinen solchen Hinweis gibt.

Ausserdem setzen die meisten Staaten eine Frist für die Registrierung des Geschlechts von Neugeborenen. In Belgien etwa muss dies bereits innerhalb einer Woche nach der Geburt geschehen, in Frankreich im Regelfall innerhalb von drei Monaten.

Häufig psychische Störungen

Dem Bericht zufolge leiden intersexuell geborene Menschen, die als Kleinkinder operiert oder hormonell behandelt wurden, häufig unter psychischen Störungen. Die Autoren verweisen unter anderem auf eine erhöhte Selbstmordrate.

Der 1949 gegründete Europarat mit Sitz in Strassburg, dem derzeit 47 Staaten angehören, setzt sich vor allem für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit ein. (pst/sda)

Erstellt: 12.05.2015, 16:19 Uhr

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