Invasion aus Rosa

Wer ein Kind hat, ertrinkt in einer Flut aus Kitsch, erzeugt von einer Milliardenindustrie. Was tun?

Ein Mädchentraum in Pink, optimiert nach Niedlichkeit. Foto: Alamy

Ein Mädchentraum in Pink, optimiert nach Niedlichkeit. Foto: Alamy

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Sie werden dich kriegen, die Konzerne Disney, Mattel, Migros & Co. Und zwar genau in 1,20 Meter Höhe, wo die Augen deines Kindes sitzen, Augen so scharf, dass es fast Hände sind.

Dort lagert die Ware, die süss und fettig ist, Bonbons und Chips. Und auch das Süsse und Fettige für die Seele: die Kohorten von Prinzessinnen, Einhörnern und Glitzerzeug, eine Armee der Niedlichkeit.

Es ist eine Invasion aus Rosa, die in dein Heim einmarschiert. Und in das Herz deines Kindes. Der Ernst, der ihr beim Betrachten der Ware in die Augen fährt. Und der Geist eines Anwalts, der von ihr Besitz ergreift, wenn sie die Verhandlungen aufnimmt: um ein Diadem, das Lillifee-Magazin, die Emily-Erdbeer-Tasse.

Und das Entsetzen, das in dir aufsteigt, wenn du dir das Begehrte ansiehst. Weil du im Bündnis mit deinem Kind auf einen bis zum Letzten hochgerüsteten Feind triffst. Es ist nicht nur ein Pony, das sich da in ihrer Hand hebt. Sondern ein Einhorn-Pony. Und nicht nur ein Einhorn-Pony, sondern sogar eines mit Flügeln: ein Pegasus-Einhorn-Pony. In der Tat stehst du vor einer Milliarden-Dollar-Maschine, optimiert bis zum Letzten: nicht nur nach Niedlichkeit, sondern auch nach Produkten: Socken, Teller, Stifte, über 350 Produkte gibt es etwa in Lillifee-Rosa. Die Taktik ist immer dieselbe: schlackenlose Wunscherfüllung. In Lillifees Reich herrscht nur Rosa – auch im Kopf. Das schlimmste Drama dieser Fee ist: Was anziehen?

Es ist schwierig, sich die Macher dieser Welten nicht als böse Menschen vorzustellen. Es sind Universen ohne Schatten und ohne Herz. Nichts trübt die Harmonie, als hätte man allen, Feen, Einhörnern, Elfen, ein Stück Gehirn abgetrennt. Nichts bewegt sie ausser Frohsinn und Kalkül. Sie haben die Seele eines Telefonverkäufers.

Das Schlimmste daran ist: Sie werden geliebt. Du kannst es nicht leugnen: Der Sehnsucht deines Kindes gilt Schund. Und du kannst es nicht davor bewahren. Nicht zuletzt aus Schwäche. Wenn du müde bist, erkaufst du dir elf Minuten Frieden: und spielst ein Youtube-Video ab.

Was durch den rosa Schleim mit deinem Kind passiert, ist unklar. Die Experten sagen vieles: Rosa ist nur eine Phase; die Kleinen wachsen heraus. Das Prinzessinnen-Zeug prägt für immer: Es macht Mädchen zu Frauen, für die vor allem ihr Äusseres zählt. Schund ist nicht schlimm, wenn das Kind auch andere Erzählungen hört. Der Prinzessinnen-Boom ist das Zeichen einer Übergangszeit: Die Sehnsucht nach Adel erwacht stets, wenn Unsicherheit herrscht. Die klassischen Märchen erfand man in einer Zeit von Seuchen, Krieg, Hunger.

Was also sagen? Oft Nein, manchmal Ja. Und denken: Willkommen, Kleines, in einer Welt, in der Konzerne Träume bestimmen, in der deine Wünsche wertlosem Schund gelten, wo Schein trügt, Feen lügen, Kaltherzige singen, Einhörner dein Geld wollen und dein Vater zeitweise zu schwach ist, dich zu beschützen. Es ist keine rosa Welt, sicher. Aber auch keine schwarze. Es ist eine, in der Plüsch und Eis, Schönes und Schrecken, Güte und Gemeinheit gemischt sind. Kein harmloser Ort, aber ein Abenteuer. Es wird deine Aufgabe sein, dich zu entscheiden, immer wieder, weil du dich immer wieder irrst. Aber gerade dass du dich immer wieder irrst, heisst, dass dieses Abenteuer nie enden wird.

Jetzt gerade beginnt es. Willkommen, mein Kind, in der Welt.

Erstellt: 17.02.2015, 23:32 Uhr

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