«Irgendwann ist fertig diskutiert»

Jung-Schiedsrichter Marc Mischler sagt, wie er mit renitenten Spielern umgeht und wieso das Pfeifen trotz Anfeindungen, Schwalben und Beeinflussungsversuchen seinen Reiz hat.

«Sitzt die erste Karte, hat man das Spiel unter Kontrolle»: Schiedsrichter Marc Mischler auf der Sportanlage Heuried. Foto: Reto Oeschger

«Sitzt die erste Karte, hat man das Spiel unter Kontrolle»: Schiedsrichter Marc Mischler auf der Sportanlage Heuried. Foto: Reto Oeschger

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Haben Sie den deutschen Pokalfinal gesehen?
Und?
Kurz davor sagte ich noch zum Kollegen, dass die deutschen Assistenten zu den besten der Welt gehörten. Es war bitter für den Assistenten. Es war ein Tor, und am Fernseher bekamen es alle mit.

Müssen Sie geradestehen für die Entscheidungen anderer Schiris?
Nein, ich werde mehr gefragt, was ich von gewissen Entscheidungen halte und stelle oft fest, dass viele Leute ­anders denken als ein Schiedsrichter.

Das zeigt sich auch auf den Plätzen. Gestikulierende Trainer, Spieler, Zuschauer. «Hey, Schiri»-Rufe. Wie gehen Sie damit um?
Ich beginne schon lange vor dem Spiel, mich zu fokussieren und das Akustische auszublenden. Sagt einer was, geht es zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Es gibt aber Spieler, die es brauchen, dass man mit ihnen spricht. Tut man es nicht, hat man ein Problem. Ein solcher Spieler kann ein Spiel zerstören, auch wenn man perfekt pfeift.

Woran erkennen Sie solche Spieler?
Sie suchen über das «Hey, Schiri» hinaus den Kontakt. Kommt einer zwei-, ­dreimal nach dem gleichen Schema, spreche ich mit ihm und erkläre meine Ent­scheidung.

Immer?
Nein, irgendwann ist fertig diskutiert. Kommentiert einer bei jedem Pfiff, mache ich ihm klar, wer welche Rolle hat.

Sie sind 21, funktioniert das auch bei älteren Spielern?
Ich kann gut kommunizieren und habe ein gutes Fussballverständnis, denke ich – von daher meistens. Kürzlich pfiff ich einen Zweitliga-Match. In der einen Mannschaft spielte ein Ex-Profi. Auch er ist einer, der es braucht, dass man mit ihm spricht. Als ich ihm das eine Abseits erklärte, war alles in Ordnung.

Gerade aus den unteren Ligen hört man öfter von hitzigen Ausländerteams. Wie ist es da?
Da musst du dir als Junger die Akzeptanz zum Teil schon härter erarbeiten. Das braucht manchmal 20, 25 Minuten, und manchmal hat man gar keine Chance.

Das heisst?
Es gibt so Spiele. Du pfeifst zwei Fouls und weisst: In dem Match werde ich nur noch Puff haben. Es wird gemotzt, und es hört nicht mehr auf. Allerdings gibt es eine goldene Regel: Sitzt die erste Karte, hat man das Spiel unter Kontrolle.

Das funktioniert?
Erstaunlicherweise, ja. Passt die erste Karte, hat man danach kaum Probleme. Jeder weiss nun, wo die Grenze ist.

Trotzdem: Fast eine Halbzeit lang um Akzeptanz kämpfen – was reizt Sie daran?
Ich habe selber jahrelang Fussball gespielt. Wegen Knieproblemen musste ich aufhören, fühlte mich mit dem Sport aber weiter verbunden, und weil ich mich als Trainer zu jung fühlte . . . Es ist eine Herausforderung für mich, ein Spiel, das zu kippen droht, wieder auf die rechte Bahn zu bringen. Und manchmal gibts eben auch die Spiele, die genial laufen. Bei denen man alles unter Kontrolle hat, seine Linie durchzieht, und am Ende gratulieren einem Spieler und Trainer beider Mannschaften. Dafür mache ich es.

Sind Sie sich in Ihren Entscheiden immer sicher?
Es gibt Fouls, ich meine harmlosere im Mittelfeld, bei den ich hinterher finde, da hätte ich das Spiel laufen lassen ­können. Bei Freistössen, Corner und ­Penalty bin ich mir aber eigentlich ­immer sicher. Auf 100 Penaltys ist es vielleicht einer, bei dem ich später denke, es könnte keiner gewesen sein.

Für Wallungen sorgen heute vor allem Hands und Schwalben. Beim Schweizer Cupfinal fiel der Basler Stürmer, der Schiedsrichter gab aber keinen Penalty, sondern zeigte ihm wegen Schwalbe die Gelb-Rote Karte. Wie hätten Sie entschieden?
Es gab einen Kontakt zwischen Verteidiger und Stürmer, ja. Nur fällt deswegen keiner so hin. «He uses slight contact to fall», sagen dazu Fifa und Uefa. Ich hätte weiterlaufen lassen. Aber ich habe 10 Wiederholungen der Szene gesehen.

Worauf schauen Sie auf dem Platz?
Wo hat der Verteidiger seine Hand? Wie sehr zerrt er am Shirt? Wie reagiert der andere Spieler? Wird er behindert? Es sind viele Aspekte, und aus diesen formt sich eine Entscheidung.

Regen Sie Schwalben nicht auf? Letztlich will ein Spieler Sie damit übers Ohr hauen.
Es geht weniger um den Schiedsrichter. Es gehört einfach nicht zum Fussball. Von daher spüre ich schon eine gewisse Genugtuung, wenn der Schiri nach einer Schwalbe die Gelbe Karte zieht.

Was selten geschieht.
Weil Schwalben fast schwieriger zu pfeifen sind als ein Penalty. Gibt es keinen Kontakt, und der Spieler fällt, ist die Sache klar. Gibt es einen Kontakt, wird es aber heikel. Was war das nun?

Zum Handspiel. Man hat den Eindruck, dass kaum mehr einer weiss, wann wirklich Hands ist.
Die Weisungen sind klar. Hands ist, wenn die Hand zum Ball geht, also eine Absicht da ist. Wenn die Körperfläche durch das Anwinkeln von Armen vergrössert wird. Dazu spielt die Distanz eine Rolle, aus welcher der Ball geschossen wird, und die Natürlichkeit der Reaktion. Schwabbelt der Arm, nachdem er getroffen wurde, zeigt das, dass keine Absicht dahinter steht . . .

Und trotzdem schreien Zuschauer wie Spieler, die vom Pfiff profitieren würden, in jeder Situation auf.
Ja, sobald die Hand irgendwie den Ball berührt, ist das für die Hands.

Müssten es nicht zumindest die Spieler besser wissen?
Die wissen es auch. Es hat sich aber trotzdem dahin entwickelt, dass eine Ballberührung mit der Hand für ein Hands gehalten wird.

Wie sehr beeinflusst Sie das «Hands»-Geschrei bei der nächsten ähnlichen Situation?
Es darf mich nicht beeinflussen und tut es auch nicht. Auch wenn zehn Spieler auf mich zurennen. Da bleibe ich stehen und sage: «Keine Diskussion», oder ich gehe und fokussiere mich aufs Spiel. Letztlich gehört es zum Alltag, dass Spieler versuchen, den Spielleiter zu beeinflussen.

Ist Ihnen in jeder Situation klar, wie diese geregelt ist?
Bei ganz speziellen Spielfortsetzungen müsste ich schon kurz überlegen.

Ein Beispiel?
Ein Rückpass, der Goalie rutscht weg, der Ball rollt Richtung Tor. Ein Zuschauer rennt auf den Platz, versucht den Ball wegzukicken, berührt ihn nur, der Ball rollt über die Linie.

Tor?
Nein. Bei einem Aussenstehenden gibt es wegen der Berührung einen Schiedsrichter-Ball. Wäre es ein Ersatzspieler gewesen, hätte der eine Gelbe Karte gekriegt, das Tor aber hätte gezählt.

Der gröbste Bock von Ihnen bisher?
Ein ganz dummer, im Final eines Junioren-Cups. Penaltyschiessen, es stand 3:3, der nächste Schütze macht das 4:3, ich pfeife ab, seine Mannschaft jubelt. Dabei hatte die andere noch einen Schuss, den der Spieler dann prompt vergab. Das ist der Fehler, der mich am meisten verfolgt. Seither mache ich mir bei jedem Penaltyschiessen für jeden Schuss ein Kreuz auf die Hand.

Als Schiedsrichter müssen Sie genau beobachten, innert kurzer Zeit Entscheidungen treffen – was nehmen Sie davon ins Privatleben mit?
Hmh. Früher war ich extrem feinfühlig, nahm mir vieles zu Herzen, war auch beleidigt. Heute nehme ich schneller Distanz, schaue mir eine Sache objektiver an. Ich äussere meine Meinung auch klarer. Das tat ich früher zwar auch, wenn ich aber auf Granit stiess, liess ich es ­rascher bleiben.

Ein guter Fussballschiedsrichter sei der, den man nicht sieht, heisst es. Letzten Samstag sahen Millionen den Schiedsrichter, der den deutschen Pokalfinal leitete. Er sah uralt aus. Weil sein Assistent nicht sah, was Millionen am Fernseher sehen konnten: dass der eine Kopfball hinter der Linie und damit ein Tor war. Das ist das Los des Schiedsrichters. Marc Mischler weiss darum, und dennoch: 50 Spiele hat der 21-jährige Stadtzürcher diese Saison gepfiffen – in der zweiten Liga, zwischen U-18-Teams. Mischler gilt als Talent. Als er vor vier Jahren begann, machte er die Erfahrung, wie sehr es auf Details ankommt: wie laut und wann man pfeift, mit wem man spricht.

Ja, auch die Szene, auf die Sie wahrscheinlich anspielen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2014, 07:16 Uhr

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