Italiens turbulenter Weg zur Expo

In den Anfängen triumphal, in der Ausführung dann zeitweise eher katastrophal: Wie sich unsere südlichen Nachbarn erst über die Expo 2015 in Mailand freuten und dann an alten Leiden fast zerbrachen.

Noch sind die Bagger fast rund um die Uhr im Einsatz: Bauarbeiten am Eingangsbereich zum Expo-Gelände in Mailand. Foto: Alessandro Digaetano (LUZ, Fotogloria)

Noch sind die Bagger fast rund um die Uhr im Einsatz: Bauarbeiten am Eingangsbereich zum Expo-Gelände in Mailand. Foto: Alessandro Digaetano (LUZ, Fotogloria)

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Da draussen, in der nördlichen Peripherie Mailands, ist der Süden, wie wir ihn von Goethe kennen, nur eine ferne Vermutung, umhüllt vom Frühlingsnebel. Autobahnen kreuzen sich, grosse Baumaschinen pflügen das spärliche Land dazwischen um, schlagen neue Schneisen. Viel Grau, viel Verkehr, viel Bauschutt, kaum Flora, schon gar keine ­Akazien. Wenn am 1. Mai die Weltausstellung von Mailand beginnt, die Expo 2015 mit dem Motto «Den Planeten ernähren. Energie für das Leben», dann bietet das Niemandsland vor den Toren der Stadt, der frühere Standort einer Erdölraffinerie, ein unwirkliches, unwirtliches Setting. Für sechs Monate. Man käme hier nicht hin, wenn man nicht besonders angelockt würde.

Und so lockt Italien mit aller Macht nach Mailand: Die Expo mit ihren Länderpavillons aus aller Welt, mit Themenclusters zu Reis, Wein, Kaffee und Kakao, mit Konferenzen zur Zukunft der Ernährungsindustrie und mit Kulturveranstaltungen rund herum soll dem Land aus der Wirtschaftskrise helfen. Oder wenigstens mithelfen, eine neue Dynamik anzustossen. Mehr als 20 Millionen Touristen werden erwartet, ein Drittel von ihnen aus dem Ausland. Die Veranstalter melden mit einiger Genugtuung, dass bereits 8,8 Millionen Eintrittskarten verkauft worden seien, 900'000 allein nach China. In Shanghai hatte vor fünf Jahren die letzte Expo stattgefunden. Die Chinesen sind wohl gespannt, wie die Italiener es machen – wenn die denn rechtzeitig fertig werden. 6000 Bauarbeiter schuften in Schichten zwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Kosmetik zum Schluss

Es werden gerade alle möglichen Wunderstifter angerufen, damit auch der Pavillon Italiens, der grösste von allen, einigermassen vollendet sein wird. Wahrscheinlich wird man sich da und dort mit Baukosmetik behelfen müssen, um die Rückstände zu kaschieren. Italiens Premier Matteo Renzi, ein Mann von überbordendem Enthusiasmus, sagte kürzlich, als er die Baustelle besuchte: «Wir schaffen das schon, vielleicht müssen wir am Ende einen Sturmlauf hinlegen – aber so sind wir nun mal, so steht es in unseren Genen.» Es hörte sich an wie die Motivationsrede eines Konzernchefs in Nöten.

Dabei hatte alles wie ein grosses Versprechen begonnen, wie ein Triumph. Am 6. April 2008 sperrten sie den Corso Buenos Aires, die grosse Einkaufsstrasse Mailands, für den Verkehr. Die Kapelle der Carabinieri schmetterte Zackiges, Majoretten tanzten, die Luft war voller Konfetti. Sehr amerikanisch, fanden die Chronisten damals, ein Hauch von Victory Parade hing über der Stadt. 200'000 Milanesi erschienen zur grossen Feier. Letizia Moratti, die Bürgermeisterin, liess sich zuwinken, oben, auf dem Dach eines offenen Busses. Einer aus dem Publikum rief: «Santa subito», sofort heilig. Es war ja auch ihr persönlicher Triumph, sie hatte die Delegation angeführt, sie war das Gesicht der Bewerbung gewesen. Moratti rief den ­Mailändern zu: «Die Expo 2015 bietet uns die grosse Chance, Mailand schöner und reicher zu machen.» Es war, als habe die Stadt gerade das Rennen um die Zukunft gewonnen.

Man vergass in der Euphorie, dass man nicht Paris oder London ausge­stochen hatte, sondern das türkische ­Izmir – gar nicht so klar überdies: 86 zu 65 Stimmen. Keine andere grosse europäische Stadt hatte mitbuhlen mögen um die Austragung der Weltausstellung. So wichtig wie Mailand erschien die Veranstaltung niemandem sonst. Aber das war jetzt egal. Nun würde man der Welt Mailand zeigen, das kommerzielle und produktive Herz Italiens, diese Kapitale des Schönen und Eleganten, diese ­verkannte Schönheit im Norden des Landes. Neue Infrastrukturen sollten gebaut werden: neue Schnellstrassen, neue U-Bahn-Linien, neue Forschungszentren, neue Quartiere sogar. Und 50 000 Bäume sollten gepflanzt werden. Das graue Mailand sollte endlich auch grüner werden.

Es kam anders

Nur einige Umweltschützer und alte Linke zweifelten am Segen, der sich da in rauen Mengen und in Form von Milliarden über die Stadt ergiessen würde. Aber sagen sie nicht ohnehin zu allem Nein? Auch den Sänger und Schauspieler Adriano Celentano, wohl einer der international bekanntesten Mailänder, ignorierte man, als der vor dem ungesunden Appetit der Baulöwen warnte, vor der Spekulation, den Schmierereien. Ein ewiger Nörgler! Es waren schliesslich gute Zeiten, die schwere Wirtschaftskrise war erst eine vage Vorahnung. Die grossbürgerliche Bürgermeisterin Moratti, eine Parteigängerin Silvio Berlusconis, hatte auch die Sozialdemokraten hinter sich versammelt für die Grossveranstaltung. Sie rechnete sich aus, dass ihr der Coup mit der Expo die Wiederwahl 2011 garantieren würde.

Es kam anders. Die Krise traf Italien mit voller Wucht. Rom kürzte alle Budgets, auch jene für die Arbeiten rund um die Expo. Manche Projekte wurden gestutzt. Und das Geschacher um Posten und Bauaufträge verzögerte die Lan­cierung jener Pläne, an denen man trotz allem festgehalten hatte. Die Euphorie schwand. Und Letizia Moratti verlor die Bürgermeisterwahl, die sie eigentlich gar nicht verlieren konnte, gegen den linken Anwalt Giuliano Pisapia. Santa subito? Die Stimmung war wieder sehr irdisch geworden. Sie sollte bald ins ­Untergründige kippen, im Wortsinn. Im Mai letzten Jahres wurden sieben Personen festgenommen, denen man Korruption, Bildung einer kriminellen Organisation und Manipulation der Bietwettbewerbe vorwarf: Politiker, hohe Beamte, Financiers, ein Kadermann des Organisationskomitees der Expo. Die Weltausstellung, wie konnte es auch anders sein, hatte düstere Gelüste genährt und dunkle Figuren angezogen. Auch die sizilianische und die kalabrische Mafia mischten mit, versteckt hinter Strohfirmen.

Die italienischen Zeitungen schrieben von einem «neuen Tangentopoli» und wähnten sich an die Neunzigerjahre erinnert, als ein grosser Korruptions­skandal, der seinen Ursprung in Mailand hatte, Politik und Wirtschaft nachhaltig erschütterte. Die Regierung in Rom schickte nun ihren obersten Korruptenjäger, Raffaele Cantone, als Sonderkommissar nach Mailand. Und der legte neue Regeln fest, stellte eine «White List» zugelassener Firmen auf. Viele fielen über Nacht aus dem Rennen. Seither ebbte der Skandal ab, die blockierten Baustellen bekamen neues Leben. Nur war wieder viel Zeit verloren gegangen.

«Verybello», ein Pizzakurier?

So amerikanisch triumphal die Anfänge dieses Abenteuers auch waren, so klischeehaft italienisch verlief dann die Ausführung. Sagen die Italiener selbst. Beppe Severgnini etwa, ein bekannter Kolumnist der Mailänder Zeitung «Corriere della Sera», schrieb unlängst in seinem Blog: «Es wäre unverzeihlich, wenn wir auch diese Chance ungenutzt verstreichen liessen. Wir hätten dann unser Schicksal wirklich verdient, und unseren Niedergang.» Man sorgt sich mal wieder um den Ruf Italiens in der Welt und zweifelt, auf der Höhe zu sein. Vielleicht ist aber auch dieses Drama sehr italienisch. Man will unbedingt gefallen.

Das Kulturministerium lancierte unlängst eine Website, auf der man alle kulturellen Veranstaltungen aufgeführt findet, die in den sechs Monaten der Expo auch noch stattfinden, überall im Land: Büchermessen, Ausstellungen, Konzerte. Eine löbliche Initiative. Nur wählte der Minister dafür einen Namen aus, der dann allen Spöttern als Vorlage diente für Verballhornungen im Netz: «Verybello». Er soll wohl besonders international wirken, ohne die Wurzel der gebotenen Schönheit zu verraten. Die römische ­Zeitung «La Repubblica» etwa fand in ihrem Kommentar, der Slogan höre sich an ­wie der Name eines Pizzakuriers in ­Melbourne oder wie der Titel einer ameri­kanischen TV-Serie über die Mafia.

Drama eben, immer Drama. Am Tag vor der Eröffnung wird übrigens Andrea ­Bocelli seine Arien in den norditalienischen Himmel wuchten. Es wird wohl auch etwas aus dem wunderbar schwülstigen Genre des lyrischen Pops dabei sein. Bocelli ist der Chefbarde der Expo. Begleitet wird er vom Orchester und vom Chor der Mailänder Scala. Das Konzert wird auf der zentralen Piazza del Duomo gegeben, auch sie herausgeputzter denn je. Und spätestens dann wird man finden, dass die Welt halt schon sehr elegant aufgehoben ist in Mailand – auch ohne Akazien und ohne Zitronenbäume.

Erstellt: 08.04.2015, 07:33 Uhr

Expo Milano 2015

20 Millionen Besucher erwartet

Von 1. Mai bis zum 31. Oktober findet in Mailand auf dem neuen Messegelände Milano Rho, 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, die Weltausstellung Expo Milano 2015 statt. Sie widmet sich dem Thema «Nutrire il pianeta, energia per vita», was sich mit «Den Planeten ernähren, Energie für das Leben» übersetzen lässt. Erwartet werden ungefähr 20 Millionen Besucherinnen und Besucher, 75 Prozent davon sollen aus Italien kommen; jeder zehnte Besucher aus der Schweiz.

Der Schweizer Auftritt beruht auf zwei Kernelementen: einerseits dem Schweizer Pavillon mit einer Fläche von 4432 Quadratmetern, dessen Hauptattraktion vier von weitem sichtbare Türme sind, die mit den Lebensmitteln Wasser, Salz, Kaffee und Apfelringen gefüllt sind – die Besucher können sich daran bedienen, wodurch die Plattformen in den Türmen sich während der ganzen Ausstellungsdauer senken. Anderseits gibt es ein Rahmenprogramm «Verso l’Expo 2015», das bereits letztes Jahr mit einer Roadshow 60 000 Zuschauer anzulocken vermochte.

Finanziert wird der Auftritt der Schweiz, für den insgesamt 23,1 Millionen budgetiert sind, zum grössten Teil von der öffentlichen Hand; 8 Millionen indes werden von verschiedenen Sponsoren beigesteuert. Als Partner fungieren die vier Gotthardkantone Graubünden, Tessin, Uri und Wallis, die Städte Basel, Zürich und Genf sowie die Unternehmen Nestlé, Vacheron Constatin, Schweizer Salinen, Geberit, Glas Troesch und weitere Lieferanten. Teilweise sind diese Partner mit eigenen Ausstellungen präsent – Zürich etwa wird vom 17. Juni bis zum 2. August mit dem Projekt «Ein Schluck Zürich» den Schweizer Pavillon bespielen, wo man mit 1000 Be­suchern pro Stunde rechnet. (TA)

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