Ivankas 25-Millionen-Frisur

Trotz fortschrittlicher Zeiten ist der Look für Frauen die halbe Miete. Oder die ganze.

Jetzt macht Ivanka Trump ernst: Die langen Haare sind ab, der Ehrgeiz ist gewachsen. Foto: Getty Images for Concordia Summit

Jetzt macht Ivanka Trump ernst: Die langen Haare sind ab, der Ehrgeiz ist gewachsen. Foto: Getty Images for Concordia Summit

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1,4 Milliarden Menschen haben online von Ivanka Trumps neuem Haarschnitt Kenntnis genommen – und das allein während der ersten drei Tage, nachdem sie sich Anfang September mit ihrem Long-Bob gezeigt hatte. Die zweite Zahl, die im Zusammenhang mit der neuen Frisur der First Daughter herumgereicht wird, sind 25 Millionen. So viele US-Dollar soll ihr strengerer Look in kürzester Zeit über die Onlinewerbung eingefahren haben, die mit den haarigen News verknüpft war. Und weil solche Werte für uns strampelnde Medienvertreter eine Rapunzel-Rettungsleiter bedeuten, machen wir alle mit.

Die berechtigte Angst vor dem Bob

Selbst der seriöse britische «Guardian». Er erklärte vor kurzem, wieso Ivankas Bob uns ernsthaft Angst einflössen sollte – weil er nämlich ein klarer Indikator für ihre knallharten politischen Ambitionen sei, eine optische Umsetzung des Statements «Mit mir muss man rechnen, ich bin nicht bloss ein dekorativer Side-Kick des mächtigsten Manns der Welt». Die langen Haare sind ab, der Ehrgeiz aber ist ins Unermessliche gewachsen. Während Melania Trump justament wieder heftig kritisiert wurde, weil sie sich darauf konzentriere, ablenkende Dekoration zu sein.

Die beiden Trump-Goldgräberinnen haben aber im Grunde das eherne Gesetz verinnerlicht, dass bei Frauen an der Spitze immer – IMMER – über ihre Kleiderwahl und ihre Accessoires gesprochen wird und dass frau sich deshalb bis ins Detail inszenieren muss, wenn sie punkten will. Überhaupt, was heisst, es wird darüber gesprochen? Ganze politische Ansagen werden hemmungslos da hineingelesen.

Häme über textile Debakel samt interpretativem Exzess gehören zum Courant normal weiblicher Existenz im Rampenlicht.

Häme über textile Debakel oder Missgeschicke samt interpretativem Exzess gehören zum Courant normal weiblicher Existenz im Rampenlicht. Besonders in Zeiten digitaler Dauerbebilderung.

Wenn Doris Leuthard zur Tunnel-Eröffnung einen frechen Löchermantel trägt, füllt das die Seiten genauso, wie wenn Melania Trump auf ihrem Flug zu Flüchtlingskindern der Presse quasi den Stinkefinger entgegenhält – also eine Jacke mit der Aufschrift «I really don't care, do U?». Sie habe ihre Unabhängigkeit von den Medien beweisen wollen, behauptete die Präsidentengattin später. Die Presse solle auf ihre Initiativen fokussieren statt auf ihre Kleider.

FLOTUS mit ihrer viel diskutierten Zara-Jacke auf ihrer Rückreise vom Kinder-Flüchtlingslager nach Washington. Foto: Reuters.

Allerdings grub sich die First Lady mit dem Griff zur provokativen Jacke gleich selbst das Wasser ab. Und selbst die ehrwürdige höchste Richterin Lady Hale vom britischen Supreme Court oder seinerzeit die US-Aussenministerin Madeleine Albright – beides emanzipierte, starke Frauen ohne goldenen Käfig – scheinen darin gefangen: in der Rolle der Frau als prinzipiell visuelle Botschafterin. Alles ist Zirkus und frau ein begehrtes Schaustück.

Die langen Haare von Tiffany Trump und Junior-Freundin Kimberly Guilfoyle machen keine Gattung neben der smarten Ivanka. Foto: keystone-sda.ch

Die zwei tatens mit ihren Broschen; Hillary Clinton mit ihren «Power-Suits», ihren No-Nonsense-Anzügen; Ivanka Trump mit ihrem Halblanghaar, neben dem das Gewalle von Schwester Tiffany am UNO-Gipfel undiszipliniert, billig und backfischmässig aussah. Man kann sich je nach Anlass ja ratzfatz wieder umstylen: Für den Besuch im Flüchtlingslager zauberte sich die ungewählte Präsidentenberaterin einen lockeren Dutt ins gekürzte Haar.

Kurz: Ivanka kann, wenns passt, auch lang und mütterlich. Es ist eine offene Frage, was mehr schmerzt: So viel geschmeidige Maskerade – oder der aufmerksamkeitsökonomisch gern befeuerte Gender-Zwang dazu; der am Ende auch hinter diesem Artikel steckt.

Erstellt: 26.09.2019, 21:06 Uhr

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