Ja, an der Fasnacht reden auch Idioten mit

Ob Ku-Klux-Klan oder Annegret Kramp-Karrenbauer: Die beste Reaktion auf eine dumme Provokation ist oft gar keine, die dümmste Reaktion ist Empörung.

Jedem seine Maske: Fasnachtsumzug in Bellinzona. (3. März 2019)

Jedem seine Maske: Fasnachtsumzug in Bellinzona. (3. März 2019) Bild: Samuel Golay/Keystone

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Nein, wir gehen nicht gross auf das Dutzend Widerlinge ein, die Anfang Woche als Ku-Klux-Klaner durch die Schwyzer Fasnacht marschiert sind, inklusive Fackeln und Keltenkreuz. Wir verschweigen auch den weitaus harmloseren Witz, den Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue CDU-Chefin, an der Fasnacht über Männer und Transsexuelle gemacht hat. Dass eine Hamburger Kita die Eltern aus Gründen der korrekten Haltung davor warnt, Kinder als Indianer, Eskimos oder Scheichs einzukleiden, macht uns nur noch sprachlos – eine Reaktion, die uns nur selten zufällt.

Den Namen der sechzig Jahre alten Basler Clique «Negro Rhygass» werden wir ebenfalls unkommentiert lassen, obwohl er in Basel nach dem Zwischenruf eines Medizinstudenten eine lange Debatte auslöste. Am Montag geht die Basler Fasnacht los, und die wird das Weiterdrehen der Debatte sicherstellen. Garantiert.

Dass es an der Luzerner Fasnacht immer wieder Probleme gibt wegen anstössiger Inhalte, ignorieren wir. Dass vor kurzem die Basler Elisabethenkirche Mühe bekundete, eine Clique zu beherbergen, deren Schnitzelbängge sie teilweise inkorrekt findet, lässt uns kalt. Nicht einmal die fasnächtliche Umbenennung eines solothurnerischen Dorfs zu «Negerkingen» ist uns einen Kommentar wert.

«Man kann über alles lachen, aber nicht mit allen Leuten.»Pierre Desproges, Französischer Komiker

Wir ignorieren das alles nicht deshalb, um es zu zensieren oder weil uns die Behandlung von Minderheiten egal ist. Sondern weil wir die genannten Witze, Karikaturen, Vorschriften und Provokationen idiotisch finden. Sie kommen uns öd vor, gesucht, dümmlich gedacht, lächerlich in ihrer Ausführung. Die beste Reaktion auf eine Provokation ist oft gar keine, die dümmste Reaktion auf eine dumme Provokation Empörung. Noch dümmer ist nur die Zensur, weil dann erst recht alle wissen wollen, was ihnen vorenthalten wurde.

Die Zuger SP kritisierte einen Fasnachtswagen zum Thema essbare Insekten und mit dem Hinweis, wonach «die Neger im Urwald» diese schon lange auf der Speisekarte hätten. Die SP sorgt sich um den Ruf der Fasnacht als ein «wichtiges Kulturgut», das es «zu pflegen» gelte. Und sie rügt die kantonale Anlaufstelle Diskriminierung Kanton Zug für ihr fehlendes Eingreifen. Auch in Basel werden Schnitzelbänke vor der Aufführung geprüft. Nichts dagegen, es fragt sich nur: Bis zu welchem Punkt ist ein Text satirisch gemein, ab wann ist er nur noch gemein? Und soll er deswegen verboten werden, selbst in einem Fasnachtszug?

Die Fasnacht feiert das kommandierte Vergnügen einer bürgerlich sedierten Gesellschaft. Sie ist der übrig gebliebene Rausch aus heidnischen Zeiten: ein temporäres Ausflippen ohne Folgen, weil auch diese Freiheit Regeln folgen muss. Der Exzess fixiert jene Normalität, die er aufzubrechen vorgibt.

Dem gepflegten Beat geht es wie dem korrekten Witz oder dem sauberen Sex: Er fährt nicht ein.

Im besten Fall garantiert der Anlass eine folgenlose Triebfabfuhr. Die meisten Teilnehmenden sind gut abgefüllt an diesen Tagen, sie sind kollektiv unterwegs und schampar gut drauf; darunter leidet der Humor zuerst. Wer sich über dumme, also sexistische oder rassistische Sprüche an der Fasnacht aufregt, hat recht mit seiner Empörung, aber den Anlass falsch ausgewählt. Und er verhält sich ein wenig wie der spätere DDR-Generalsekretär Erich Honecker, der in den Sechzigerjahren für Jugendfragen zuständig war – und der die um sich greifende Rockmusik mit dem Kommentar bedachte, seine Partei habe nichts gegen einen «gepflegten Beat». Dem gepflegten Beat geht es wie dem korrekten Witz oder dem sauberen Sex: Er fährt nicht ein.

Das heisst aber nicht, dass man alles lustig zu finden hat, was einer sagt. Denn dafür, dass etwas lustig ist und etwas bloss rassistisch dumpf, ist weniger der Redende als vielmehr der Kontext ausschlaggebend, in welchem die Rede erklingt. «On peut rire sur tout», sagte der französische Satiriker Pierre Desproges, «mais pas avec tout le monde.» Wenn der Witzige das Ungeheuerliche herbeiwünscht, über das er sich mokiert, ist fertig lustig.

Auch Idioten dürfen mitlaufen

Selbstverständlich muss uns die Frage beschäftigen, was die Typen in Schwyz dazu gebracht hat, sich wie Rassenfanatiker aus dem Süden der USA zu verkleiden, die unter Billigung der damaligen Öffentlichkeit Lynchmorde verübten. Drücken die weissen Uniformen eine rassistische Überzeugung aus, dann ist das verwerflich und schockierend. Man soll sich darüber aufregen, und man soll auch hinschauen, was für Leute solchen Typen nachlaufen. Man soll jene mit und jene ohne Kapuzen zur Rede stellen, mit ihnen über ihren Auftritt streiten. Es ist auch gut, dass die Schwyzer Polizei der Sache nachgeht, und sie soll bei Gefahr eingreifen. Aber verbieten soll man so etwas nicht, jedenfalls nicht an einer Fasnacht. Dort dürfen selbst die Idioten mitlaufen.

Würden die Kapuzenträger mit ihren Fackeln vor einer Asylunterkunft aufmarschieren, wäre das ein Fall für die Antirassismusstrafnorm. Alles andere muss sich aus dem Kontext ergeben. Gegen Fanatismus, Rassismus und anderen Irrglauben hat die Schweiz bewährte Massnahmen entwickelt: das Gesetz, die Debatte, die Initiative. Und die Wahl.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.03.2019, 08:30 Uhr

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