Jeder Morgen fühlt sich an wie eine Geburt

Was noch schlimmer ist, als am Morgen aufstehen zu müssen: den Aufmunterern zuzuhören, die mit ihrem frühen Wachsein prahlen.

Früher, schneller, länger: Der Morgen als neue Kampfzone. Foto: Filip Singer (EPA)

Früher, schneller, länger: Der Morgen als neue Kampfzone. Foto: Filip Singer (EPA)

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Wer wenig schläft und gerne aufsteht, findet Leistung etwas Tolles. Das darf er auch, solange er nicht darüber redet. Noch schlimmer als die Frühaufsteher, die darüber reden, sind die Frühaufsteher, die das mit Fröhlichkeit tun. Der amerikanische Schriftsteller Tennessee Williams hasste diese morgendlich Gutgelaunten dermassen, dass er eine von ihnen in «The Glass Menagerie» auftreten liess, seinem Stück von 1944, das ihn berühmt machen sollte. Er hatte die Rolle nach seiner eigenen Mutter modelliert, deren überaktive Persönlichkeit ihm auf die Nerven ging.

«Rise and shine», sagt im Stück die Mutter zu ihrem Sohn, wenn sie zu ihm ins Zimmer kommt. Stehe auf und strahle. Wer das Stück kennt, hasst die Aufforderung vom ersten Mal an, da er sie hört. Und sympathisiert mit dem Sohn, dem es irgendwann aushängt: «Every time you come in yelling that God damn ‹Rise and shine!›,‹Rise and shine!›, I say to myself, ‹How lucky dead people are›», sagt er. Lieber tot sein als fröhlich geweckt.

Leider sind die Gutgelaunten nicht totzukriegen. Der britische Unter­nehmer Richard Branson zum Beispiel spielt morgens um sechs «eine harte Partie Tennis», wie er uns wissen lässt. Die Schriftstellerin Elizabeth ­Gilbert macht Chai-Tee und tanzt, wie sie in der Rubrik «How I Get It Done» erklärt, die das Magazin «Cut» ­publiziert. Die «New York Times» gibt regelmässige Einblicke in den Sonntagmorgen von Prominenten, auf CNN oder für «Vogue» überbieten sich Frühaufsteher mit dem Stolz auf ihre Gewohnheit.

Selbstoptimierung als morgendliche Aufgabe

Jeder will noch früher aufstehen als der andere. Der Schauspieler Mark Wahlberg behauptet, um halb drei Uhr früh aufzustehen und nach dem Frühstück mehrere Stunden ­Fitness zu betreiben, gefolgt von einer Runde Golf. Die Sängerin Rihanna steigt um vier aufs Laufband. Howard Schultz, Chef von Starbucks, geht mit seiner Frau am frühen ­Morgen Velo fahren. Das Buch «What the Most Successful People Do Before ­Breakfast» von Laura Van Vanderkam ist ein ­Bestseller.

Der Wissenschaftsjournalistin Marina Koren, sie arbeitet für das Magazin «The Atlantic», ist dieser Trend als neue Variante der Selbsthilfe-­Industrie aufgefallen. Sie nennt ihn «morning-routine stories» und gesteht, wie sehr diese voyeuristischen Inszenierungen sie stören. Gerade über den Morgen, einem doch so intimen Teil des Tages.

Was sich ­als Achtsamkeit anpreist, erweist sich als Arbeit vor der Arbeit, als Stress zu einer Zeit, in der man schlafen sollte.

Das Letzte, was sie von den Reichen und Berühmten hören will, sind Beteuerungen ihrer morgendlichen Energie, ihre Berichte über Yoga, Jogging, Gebete, bewusstes Atmen, Achtsamkeit und Meditation um halb sechs Uhr in der Früh. Was sich ­nämlich als Achtsamkeit anpreist, erweist sich als Arbeit vor der Arbeit, als Stress zu einer Zeit, in der man schlafen sollte. Die Selbstoptimierung wird zur morgendlichen Aufgabe. Dabei wird der Tag schon hart genug.

Und sowieso, wenn wir grad dabei sind: Das Aufstehen ist eine Qual, eine tägliche Geburt, die sich nur dadurch mildern lässt, dass man vom Bett direkt in die Badewanne gleitet und so lange im heissen Wasser herumliegt, bis die Zeitung gelesen, der Kaffee getrunken und die Haut verschrumpelt ist.

Dann muss man wieder aufstehen. Es folgt ein Überleben auf zwei Beinen mit dem Fernziel, so bald wie möglich wieder unter das Duvet zu gelangen. Man streckt sich aus, todmüde. Dann kann man nicht einschlafen.

Erstellt: 10.12.2019, 22:48 Uhr

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