Jedes zweite Kind trägt zu kleine Schuhe

Wo eine 28 draufsteht, ist nur eine 26 drin: Kinderschuhe sind oft viel kleiner als angegeben. Das hat einen bestimmten Grund.

Unter 10-Jährige spüren nicht, wenn die Schuhe zu klein sind: Kinderfüsse in einem Kindergarten.

Unter 10-Jährige spüren nicht, wenn die Schuhe zu klein sind: Kinderfüsse in einem Kindergarten. Bild: Christian Charisius/Keystone

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53 Prozent der Kinder tragen Schuhe, die zu klein sind. Dies zeigt die Datenbank des österreichischen Forschungsteams «Kinderfüsse-Kinderschuhe», in der 20'000 Kinder und ihre Schuhe aus sieben Ländern, darunter der Schweiz, erfasst sind.

Den Hauptgrund dafür ortet das Forschungsteam in den fehlerhaften Schuhgrössen: 92 Prozent der Schuhe in der Datenbank sind kleiner als angegeben. Im Schnitt beträgt die Abweichung zwei Grössen, im Extremfall sind es bis zu sechs Nummern. Dass Schuhe grösser sind als angegeben, kommt fast nie vor. Eltern verlassen sich beim Kauf oft auf die angegebene Grösse – vor allem, wenn sie online einkaufen.

Die Schuhgrösse ist keine bindende Norm

Die Schuhgrösse ist – wie auch die Kleidergrösse – keine bindende Norm. Im Prinzip kann ein Hersteller eine Fantasie-Grösse auf das Produkt schreiben. «Es gibt keinen einzigen Hersteller, der korrekt arbeitet», sagt Wieland Kinz, Mitglied des Forschungsteams «Kinderfüsse-Kinderschuhe». Die Industrie wisse seit Jahren von dem Problem, reagiere aber nicht darauf. «Die Hersteller scheuen die Kosten, die ein neuer Qualitätsschritt provozieren würde», ist der Forscher überzeugt. Schuhmodelle würden meist in Asien aufgrund von ungenauen Leisten hergestellt.

Hallux valgus im Kindesalter: Trägt ein Kind zu kurze Schuhe, muss die grosse Zehe ausweichen und knickt ab. Bild: PD

Die Kinder selbst sind auch keine Hilfe. Auf die Frage «Passt dein Schuh?» antworten die meisten mit «Ja» – selbst wenn dieser vier Nummern zu klein ist. «Kinder unter zehn Jahren können Druck im Zehenbereich nicht richtig einordnen», erklärt Kinz. «Ihr Nervensystem ist noch unterentwickelt.» Selbst wenn der Druck intensiv sei, würden sie ihn nicht unbedingt als unangenehm empfinden. In einer repräsentativen Studie des Forschungsteams waren 93 Prozent der Kinder überzeugt, dass ihre zu kurzen Schuhe perfekt passten.

Ein weiterer Grund dafür, dass die Kleinen nicht merken, wenn sie zu kurze Schuhe tragen, trifft auch auf Erwachsene zu: Trägt man immer zu kurze Schuhe, gewöhnt man sich an das Gefühl und meint, sie würden passen. Da Kinderfüsse in Schüben und unregelmässig wachsen, sollten Füsse wie Schuhe auch nach dem Kauf alle paar Wochen nachgemessen werden. Passend bedeutet: 12 bis 17 Millimeter Spielraum.

Kurze Schuhe führen zu schiefer Zehe

Wer über längere Zeit zu kurze Schuhe trägt, riskiert Fussschäden. Die österreichischen Forscher konnten einen Zusammenhang zwischen zu kurzen Schuhen und einem Schiefstand der grossen Zehe nachweisen. Bereits bei Drei- bis Sechsjährigen fanden die Forscher Fehlstellungen der grossen Zehe von mehr als zehn Grad; ab 15 Grad sprechen Mediziner von einer krankhaften Fehlstellung. «Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass ein Kind, das dauerhaft zu kurze Schuhe trägt, als Erwachsener unter einem schmerzhaften Hallux valgus leidet», sagt Dr. med. Jan Meester, Leiter ad interim des Teams Fuss und Sprunggelenk am Kantonsspital St. Gallen. Um das zu beweisen, wären zwar Langzeituntersuchungen nötig, doch er gehe davon aus, dass ein Zusammenhang bestehe.

Eine Fehlstellung des Fusses habe zudem Auswirkungen auf die Knie- und Hüftgelenke sowie auf die Wirbelsäule, sagt Meester. «Ob das zu einem Problem wird, hängt aber auch noch von anderen Faktoren ab.» Wie lange ein Kind zu kurze Schuhe tragen muss, bis sich die Stellung der Grosszehe verändert, ist unklar. «Doch wer akzeptiert, dass sein Kind zu kurze Schuhe anzieht, riskiert, dass es im Erwachsenenalter Probleme bekommt», betont der Arzt.

Das Beste für die Füsse ist übrigens nicht der perfekte Schuh – sondern gar keiner. Forscher Wieland Kinz sagt: «Je mehr Kinder barfuss gehen, desto besser.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2018, 18:34 Uhr

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