Jetzt wird der Rock gelüftet

Sie ist immer öfter auf Handtaschen, Kleidern und in Videos zu sehen: Die Vulva. Dabei geht es nicht nur um Provokation, sondern auch um eine Enttabuisierung des weiblichen Unterleibs.

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Für das Cover ihres Albums «Utopia» trug Sängerin Björk eine Vulva auf der Stirn, zum zehnjährigen Jubiläum des Modeunternehmens Monki posierten Frauen vor Pappschamlippen. Das Berliner Label Namilia präsentierte auf der New York Fashion Week im Herbst 2017 eine ganze Vulvakollektion mit aufgenähtem Rosarot an Ärmeln und Rock. Designer Thom Browne setzte auf brav eingedrehte Blüten zwischen den Beinen, während die Models des Südkoreaners Kaimin «Vagina Wigs» trugen, ein Büschel Haar im Schritt. Es gibt Unterhosen mit Unterleibaufdruck wie aus einem medizinischen Lehrbuch und die «Pussy Pouch» von Damnsel, eine Handtasche mit perfekt geformten Schamlippen und einem Glitzerstein an der Stelle der Klitoris. Selbst der «Pussy Hat», die aus rosa Wolle gestrickte Protestmütze gegen den «Pussy Grabber in Chief» im Weissen Haus, zierte Magazine und wird im Victoria and Albert Museum in London ausgestellt.

Der Mythos der Pandora

Das erste Pussy-Kleid kam bereits 1936 auf den Markt. Die amerikanische Designerin und Querdenkerin Elizabeth Hawes versuchte zeitlebens, Frauen darin zu bestärken, sich von starren modischen Regeln zu befreien (sie selbst heiratete in Jeans). Ihr «Pandora Dress», eine opulente Robe aus cremefarbener Seide mit roten Einschüben, sollte den weiblichen Unterleib darstellen und spielte so mit dem Mythos, dass die Frau durch das Öffnen der Büchse alles Übel auf die Welt gebracht habe.

Offensiver gehen Emilia Pfohl und Nan Li von Namilia mit der Weiblichkeit um. Die knalligen Vulven aus ihrer Kollektion «Labia of Love» glotzten die Modemenschen in New York förmlich an: sei es auf einem ausladenden Rokoko-Kleid oder als Kragen eines strengen Sakkos. «Wir spielen mit der Provokation, wollen aber auch wissen, warum etwas provokativ wirkt», sagt Nan Li. Ihnen ginge es darum, die Frau unter dem Rock hervorzuholen. «Wir haben uns gefragt, warum die Pussy versteckt gehalten und als etwas Schwaches dargestellt wird, während der Penis überall zu finden ist und ein Symbol für Stärke ist.» Als die Designer ein Jahr zuvor den Phallus in den Mittelpunkt ihrer Kollektion stellten, habe es deutlich weniger kontroverses Feedback gegeben. Das Pussy-Portemonnaie ist trotzdem längst ausverkauft, während der Bikini «Dickini», mit zwei steifen Gliedern anstelle der Träger, noch zu haben ist.

Der Feminismus in der Mode erschöpft sich also nicht mehr nur in Form von T-Shirts, auf denen «Feminist» steht. Nach «Free the Nipple» (die weibliche Brust schimmert durch die Bluse und darf auch entblösst gezeigt werden) wird jetzt der Rock gelüftet. Das hat nicht nur mit Provokation und Protest zu tun, wie bei den Demos gegen das Abtreibungsgesetz in Polen, wo auf Plakaten Eileiter zu sehen waren, die den Mittelfinger recken. Sondern auch damit, dass viele bis heute nicht genau wissen, was unter diesem Rock steckt. Kurzer Aufreger zwischendurch: Erst 1998 stellte eine australische Forscherin die tatsächliche Grösse der Klitoris fest.

Die Scham über die Scham

«Das Weibliche bleibt oft verborgen», sagt Mithu Sanyal. «Ich wusste als Mädchen nicht, wie meine Vulva aussieht.» Die Kulturwissenschaftlerin, Jahrgang 1971, hat vor knapp zehn Jahren ein Buch zur Geschichte des weiblichen Geschlechts veröffentlicht. Als sie für ihre Recherche Wissenschaftlerinnen bat, männliche wie weibliche Geschlechtsorgane zu malen, war sie von dem Ergebnis überrascht: Alle bekamen einen einwandfreien Penis hin (im erigierten Zustand), aber niemand konnte eine wiedererkennbare Vulva zeichnen.

Die Scham über die Scham findet sich schon im Begriff. Für Simone de Beauvoir war sie «der Frau selbst ein Geheimnis, das ein bedrohliches Eigenleben führt», Margarete Stokowski fand noch 2016 in ihrem Buch «Untenrum frei», dass Vulva komisch klingt: «irgendwo zwischen Volvo und Pulpo». Selbst aufgeklärte Eltern sprechen von «da unten», wenn es um das Geschlecht ihrer Töchter geht.

Ist endlich von der Vulva die Rede, wird sie Vagina genannt, sogar im Titel moderner Aufklärungsbücher wie «Viva la Vagina». Dabei bräuchte man einen Röntgenblick, um die von aussen zu sehen – denn damit ist nur der schlauchförmige Eingang gemeint. Die Vulva hingegen umfasst alles Sichtbare von Klitoris bis Schamlippen. «Deswegen ist Körperpolitik so wichtig, weil sie direkt verändert, wie wir uns in unseren Körpern fühlen und über unsere Sexualität denken», so Sanyal. Die gleiche emanzipatorische Arbeit hätte sie auch gern für den Phallus, der es ebenfalls nicht leicht hat auf seinem Platz zwischen Waffe und Schlappschwanz.

Freizügiges Mittelalter

Es gibt medizinische, abwertende oder verniedlichende Begriffe, doch trotz ihrer Namenlosigkeit wurde die Vulva nicht immer versteckt. In den Homerischen Hymnen etwa trauert Göttin Demeter über den Tod ihrer Tochter, sie isst und trinkt nichts mehr, es folgt eine grosse Dürre. Niemand kann sie trösten, bis Göttin Iambe (auch Baubo) ihren Rock hebt, ihre Vulva zeigt und sie damit tröstet.

«Es ist heute schwer nachzuvollziehen, warum diese Geste etwas so Stärkendes und Fröhliches innehatte. Aber solche Geschichten gibt es in jedem Kulturkreis», sagt Mithu Sanyal, die in ihrem Buch erstaunliche Fakten über die Darstellung des weiblichen Genitals gefunden hat. Wer etwa mittelalterliche Klöster und Stadttore in Europa besichtigt, kann weibliche Figuren entdecken, die ihre Scham mit den Händen weit auseinanderziehen, wie etwa an der Porta Tosa in Mailand oder der Abteikirche Sainte-Radegonde im französischen Poitiers.

Jahrhunderte später, nämlich im Jahr 2008, präsentierte der Künstler Jamie McCartney seine «Great Wall of Vagina». Auf insgesamt neun Metern Länge hängte er 400 Gipsabdrücke von weiblichen Genitalien an die Wand, seine Modelle waren zwischen 18 und 76 Jahre alt. Damit wollte er zeigen, wie normal die Unterschiede eben sind: «It's not vulgar, it's vulva!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 18:33 Uhr

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