Reportage

Kann denn Glaube Sünde sein?

Die Freikirche ICF und der Auftritt von Prediger Reinhard Bonnke im Hallenstadion erhitzten im Vorfeld die Gemüter. Warum eigentlich? Ein Augenschein.

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Dröhnende Beats, melodramatische Filmmusik, Lichteffekte. Ein digitaler Countdown auf einer grossen Leinwand gibt an: Noch 7 Minuten, 34 Sekunden. Nebelrauch steigt auf der Bühne des Hallenstadions in Oerlikon auf. Der Rhythmus wird rasender, die Spannung steigt. Es wäre nicht erstaunlich, wenn Jesus in einer Minute und 15 Sekunden erscheinen würde.

Vorerst stürmt jedoch die ICF Zürich Worshipband auf die Bühne und rockt ab. Die Songs handeln stets von Jesus, seiner Liebe, seiner Vergebung und seiner Grösse. Die musikalische Vielfalt mit der die monothematischen Texte abgehandelt werden ist bemerkenswert, überhaupt ist die Band sehr professionell. Vielleicht sollten sie nächstes Jahr die Schweiz am Eurovision Song Contest vertreten. Das junge Publikum geht mit, hüpft ausgelassen, die Texte sitzen. Es ist ihnen nicht zu verdenken, dass sie Gott lieber karaokesingend huldigen, statt auf harten Holzbänken liturgische Gebete herunterzurasseln.

Der christliche Mr. Bean predigt

Dann die erste Predigt, im ICF-Slang «Session» genannt. J. John, der christliche Mr. Bean, predigt mit trockenem britischem Humor. Jesus am Steuer des Autos, ein unfehlbares Navi, sozusagen. Gott habe jedem einzelnen Menschen Talente mitgegeben, dieses Potenzial gelte es freizusetzen. Man solle positiv denken, lautet eine weitere Botschaft des englischen Komikers. Man kann ihm nur zustimmen.

Einleuchtend ist auch die Süsswaren-Metapher. Weshalb sollte man nicht einen seiner zehn Donuts in den Brotkorb der Gemeinschaft legen und somit den spirituellen Wert der restlichen neun maximieren? Teilen ist schliesslich nicht nur ein christlicher Wert. Und wir alle bezahlen gerne für Dinge, die uns Spass bereiten. Sei es nun die Kirchensteuer, die Saisonkarte fürs Fussballstadion oder den Eintritt in einen Club.

«Du kannst so sein wie du willst»

Rastas, Louis Vuitton-Täschchen, Heavy Metal-Mähnen, Acrylnägel und Piercings. Männer, die aussehen wie Zara-Verkäufer, viele junge, glückliche Pärchen. Schwierig, sich vorzustellen, dass die meisten unter ihnen noch nie Sex hatten. Das sind die Menschen, die an diesem Wochenende zwischen 70 und 200 Franken bezahlt haben, um das 15-jährige Bestehen der International Christian Fellowship ICF zu zelebrieren. Jeder ist willkommen, «du kannst so sein wie du bist». Keine Zwänge, keine Einschränkungen. Nur das Schwulsein sollte man sich abgewöhnen. Aber hey: «Jesus saves», Jesus heilt, so das Motto der Party.

In den Pausen zwischen den Sessions schminken sich die Mädchen auf dem WC, es wird über das U 21-Nationalteam gesprochen, die Stimmung ist fröhlich und lebendig. Nur ganz selten sind Gesprächsfetzen aufzuschnappen, in denen es um Religion geht. Der Unterschied zu den Landeskirchen scheint schlicht darin zu liegen, dass diese Freikirche das Geschäftsmodell Gottesdienst innovativ den Massstäben der Popkultur angepasst hat. Klar, die Auslegung des Neuen Testaments ist rigide, aber schliesslich sind ja auch der Papst und sein Gefolge noch nicht im Jahr 2011 angekommen.

Der Prediger mit dem Rettungsring

Auf zur zweiten Session. Dieselben wummernden Beats, der Countdown läuft wieder gegen Null, die Band wiederholt die gleichen Songs wie vorher. Das gibt Punkteabzug. Dann fährt ein roter Sportwagen vor die Bühne, ihm entsteigt der Eminem der Evangelikalen, ein rappender Pastor mit schneeweissen Zahnpastalächeln aus Miami. Das reinste Spektakel, a big show; die Menge kocht.

Während J. John-Bean über Werte referiert hat, rückt die Sprache in Ed Youngs Predigt deutlich in den Imperativ. Level zwei. Das Christentum ist keine Yacht-Club wo man sich an Deck seines Bootes sonnt und Champagner schlürft, sondern eine Rettungsgesellschaft. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, fuchtelt er mit einem Rettungsring herum. Während die Ringparabel aus Nathan der Weise die friedliche Koexistenz der Religionsbrüder zum Ausdruck bringt, propagiert Ed Young den Ring den Ertrinkenden zuzuwerfen und ins evangelische Boot zu holen.

«The Ring is the Thing, the Rope ist the Hope», so seine immer wiederkehrende Botschaft. Missionare geht in Stellung und errettet die Ungläubigen, die im Meer der Sünde zu ertrinken drohen. So der sinngemässe Auftrag. Das Problem: Nur Jesus rettet. Das Seil ist der eine, richtige Glaube an dessen anderem Ende Ed Young, Leo Bigger oder sonst ein Auserwählter steht und die gerettete Seele mit einem warmen Lächeln in Empfang nimmt.

Satans Sündenfall lauert an jeder Ecke

Jetzt wird klar, warum ICF und die evangelikalen Prediger nicht einfach als eines von vielen Substituten für die Landeskirchen gehandelt werden können. Zwar wird in der geschlossenen Welt der Freikirche unaufhörlich die Freiwilligkeit betont. Gleichzeitig wird mit Begriffen wie Sünde und Satan jongliert. So fröhlich sich Jesus auf die Stimmung der Gläubigen auswirken mag, Satans Sündenfalle lauert hinter jeder Ecke. Schön, dass jeder Christ seinen gottgegebenen Begabungen freien Lauf lassen soll. Gleichzeitig werden jedoch die jungen Menschen ermahnt, die eigene Sexualität nicht zu erforschen, sondern bis zur Ehe, die aus gegebenem Anlass häufig sehr früh geschlossen wird, unterdrückt werden.

Wieder ist Pause, die letzte vor dem grossen Showcase. Neben Verpflegungsständen kann man sich über das ICF-College informieren, wo ab 4000 Franken in zwei Semestern nicht nur theologische Grundkenntnisse in Soteriologie (die Lehre der Erlösung des Menschen) oder Eschatologie (die Lehre vom Anbruch einer neuen Welt) vermittelt wird. Genau so wichtig ist das Modul über Personalführung, PR und Marketing und Finanzen. Neben Ausbildungen kann man auch Bücher, Filme, Zeitschriftenabos, Schmuck und Tassen kaufen. Das ICF-Universum ist kompletter als ein Britney Spears Merchandising-Laden. ICF, das wird deutlich, ist ein globales Unternehmen. Religion wird zum Wirtschaftssystem, Glaube ein Produkt.

Und jeder zückt das Portemonnaie

Bereits eine halbe Stunde vor Reinhard Bonnkes Auftritt drängen sich die jungen Menschen vor den Eintrittstoren zur Hauptbühne. Es ist mittlerweile Abend, einige trinken Bier. Bevor sich der «Mähdrescher Gottes» den Weg zur Bühne und in die Seelen der Gläubigen bahnen kann, rufen Leo Bigger und seine Frau in Lederleggins zu Spenden auf. ICF ist nämlich auch im TV-Geschäft. Vorerst nur in der Schweiz und Deutschland. «Wenn wir Geld investieren, kann Gottes Vision auch in die österreichischen Wohnzimmer übertragen werden», so die Geschäftsstrategie der selbsternannten Party People. Natürlich zückt jeder das Portemonnaie. Wie könnte man sich Gottes Willen entziehen?

Dann Bonnke. 55 Millionen errettete Seelen in nur neun Jahren gehen auf sein Konto. So wie vermutlich das Geld einiger afrikanischer Diktatoren. Ist das vereinbar mit der christlichen Moral? Ja, durchaus, erklären zwei Besucherinnen. Denn Bonnke habe das Geld sicherlich wieder an das Volk verteilt und in deren Seelenheil investiert.

Bonnke schreit, wispert und raunt

Bonnke ist ein brillanter Rhetoriker, ohne Zweifel. Mal schreit er wie vom Teufel besessen, dann wispert und raunt er wieder. In kleinen Anekdoten erzählt er den grossen Schritt vom Austritt aus der selbstverschuldeten Dunkelheit ins Licht des Glaubens. Kritikern begegnet er mit mitleidiger Überlegenheit. Ja, die Bibel sei sehr alt, aber die Sonne ist noch viel älter und wärmt trotzdem. Wer an der Wahrhaftigkeit der heiligen Schrift zweifele, mache sich schlicht lächerlich.

Mit seinen Worten peitscht er die Menge auf, egal ob es sich um zwei Millionen Nigerianer oder 8000 Schweizer handelt. Worte, die auffallend oft in der Ich-Form verfasst sind. Bonnke stellt sich selbst ins Zentrum seiner Predigten.

Damit so viele Gläubige wie möglich seinen Predigten folgen können, hat Bonnke mit seinem Team vor einigen Jahren das grösste Zelt der Erde errichtet. Mehrere hunderttausend Menschen hatten darunter Platz. Doch dann fegte eines Tages der Wind das Zelt weg. Ein Zeichen Gottes? Ja! Dieser habe nämlich zeigen wollen, dass Bonnkes Zelt schon bald zu klein gewesen wäre um all die Menschen zu erfassen, die seinen Worten lauschen wollen.

Immer eine plausible Antwort parat

Diese Argumentationskette ist typisch für die Freikirche. Egal was, auf alles gibt es eine plausible Antwort. Die Last der Selbstbestimmung wird den Menschen abgenommen. Folgen Sie Jesus, dann wird alles gut. Ist etwas nicht gut, ist daran aber nicht Jesus schuld, sondern die Schwäche des eigenen Glaubens. Wer nicht geheilt wird, glaubt nicht richtig. Wer unglücklich ist, glaubt nicht richtig. Wer nicht richtig glaubt, sündigt.

Um der Kritik der Totalitarität zu entkommen, hat ICF ein breites Spektrum an Auswahlmöglichkeiten aufgebaut. Es funktioniert, wie ein Supermarkt. Von Jamadu bis Fine Food, für jeden Geschmack und jedes Bedürfnis ist etwas dabei. Wem die lauten Predigten Bonnkes nicht gefallen, kann sich einer ruhigeren Betgruppe anschliessen. Für jede Alterskategorie existiert das passende Angebot. Es gibt aber nur einen Supermarkt.

Das stört hier niemanden. Mit tosendem Applaus wird Bonnke, der Stellvertreter Jesu' belohnt. Die Arme gegen den Himmel gestreckt beten die meisten glücklich mit. Einige weinen, andere liegen sich in den Armen. Der Abend ist noch lange nicht zu Ende. Die Expansion des Geschäftsmodells «gerettete Seelen» wohl auch nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.06.2011, 18:20 Uhr

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