Kann ich seine Nebenbeziehung vergessen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Fremdgehen – und wie man damit umgehen könnte.

Ob einem eine Nebenbeziehung schmerzt oder nicht, kommt auf die betroffenen Personen, aber auch auf die Kultur an. Foto: iStock

Ob einem eine Nebenbeziehung schmerzt oder nicht, kommt auf die betroffenen Personen, aber auch auf die Kultur an. Foto: iStock

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Weshalb schmerzt es mich so ­abscheulich und anhaltend, nachdem ich bei meinem ­langjährigen Partner (36 Jahre verheiratet) eine heimlich ­geführte Nebenbeziehung ­auf­gedeckt habe? Im Prinzip möchte ich bedingungslos lieben ­(können) – doch gelingt mir dies in der Praxis nicht. Gibt es ­Hoffnung auf Vergessen? M. S.

Liebe Frau S.

Ich nehme nicht an, dass Sie mit Vergessen eine Art demenzieller Erinnerungslücke meinen. Klar gibt es Hoffnung darauf, dass die Verletzung und der Schmerz und das Misstrauen mit der Zeit in den Hintergrund ­treten, Sie nicht mehr mit voller Wucht erwischen, wenn sie Ihnen wieder in den Sinn kommen. Dass also eine Art 3-D-Techni­color-Extra-Sound-Erinnerung zu einem leicht verblassten Foto im Erinnerungsalbum wird.

Es ist kein Naturgesetz, dass Nebenbeziehungen schmerzen; man kann sich auch eine Kultur vorstellen, in der sie kein Problem darstellen.

Zeit heilt vielleicht nicht alle Wunden, aber doch viele: manche mit deutlich sichtbareren, hin und wieder auch schmerzhaften Narben, manche so, dass man die ursprüngliche Narbe kaum noch erahnen kann. Was Ihnen wahrscheinlich wenig dabei helfen wird, ist, Ihren Schmerz wegzurationalisieren.

Es ist kein Naturgesetz, dass Nebenbeziehungen schmerzen; man kann sich auch eine Kultur vorstellen, in der sie kein Problem darstellen. Irgendein Volk ­irgendwo am Amazonas findet sich immer, bei dem es kein Wort für Fremdgehen gibt und keines für Heimlichkeit, dafür aber 32 Ausdrücke für Kopfweh. Das ist gewiss ein interessantes Phänomen, und die Struktur einer solchen Gesellschaft verdient es, studiert zu werden. Man könnte von einer solchen, uns fremden Kultur sicher auch etwas lernen. Etwa zwischen verschiedenen Kopfweh zu differenzieren.

Aber man kann sich nicht ­einfach sagen: Wenn die es miteinander heimlich treiben und es niemanden bekümmert – was mache ich dann falsch, wenn es mir wehtut, dass mein Mann mich mit einer anderen Frau ­betrogen hat? Sie machen nichts falsch, ausser eben nicht Mitglied dieses von mir ad hoc erfunden Volksstammes zu sein. Sie können sich damit trösten, dass Ihr Mann Ihnen nicht wehtun ­wollte; dass Sie ja vielleicht auch schon mal in Versuchung waren (und sich nachträglich darüber ärgern, dass Sie ihr nicht nachgegeben haben); Sie können daran denken, dass Ihr Mann Sie liebt (tut er hoffentlich) und Sie ihn (tun Sie offensichtlich), und sich sagen, dass das halt so Sachen sind, die auch in liebevollen Ehen hin und wieder passieren.

All das können Sie tun (und noch einiges mehr); aber sich wegen einer Zuckertütenweisheit wie der der bedingungs­losen Liebe noch zusätzlich quälen, das sollten Sie besser nicht.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 21.08.2019, 15:15 Uhr

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