Kann man überhaupt ehrlich leben?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Ethik.

Sag ichs oder nicht? Ehrlichkeit ist eine tägliche Entscheidung. Foto: Keystone

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Lebt sich ein gutes Leben ehrlich beziehungswiese kann man ein ehrliches Leben überhaupt gut leben? S.B.

Liebe Frau B.

So ganz grosso modo betrachtet: Ja, warum nicht? Wie sollte das eine dem anderen in die Quere kommen? Es folgt die Begründung im Detail. Nämlich: Was ist das: ein «ehrliches Leben», was ist ein «gutes Leben», und wie «führt» man überhaupt ein Leben? Ein Leben «führt» man offenkundig nicht so, wie man ein Protokoll führt. Für letztere Tätigkeit gibt es brauchbare, weil sehr konkrete Regeln, an die man sich mit Vorteil hält. Je besser und verständiger man ihnen folgt, desto besser und verständlicher wird das Protokoll. Ich glaube, man überdehnt die Bedeutung des Verbs «führen» gewaltig, wenn man sie vom Protokoll auf «ein Leben» überträgt.

Damit noch nicht genug: Zu leben ist ausserdem nicht dasselbe wie «ein Leben führen». Man kann von jemand anderem sagen, er habe ein gutes Leben geführt. Das ist mehr eine Art postumes Kompliment – «er war ein guter Mensch» – als eine zusammenfassende Beschreibung einzelner Taten. Oder man kann von jemandem sagen, dass er ein gutes Leben führt, in dem Sinne, dass dieser Mensch es sich gut gehen lässt und dabei zugleich freundlich zu anderen Menschen ist und dass man gerne auch so leben würde.

Aus der Innenperspektive eines Lebenden hingegen tut man dieses oder jenes, oftmals kaum bewusst; man fühlt sich mal so, mal anders; man erlebt etwas und bedauert, anderes nicht erlebt zu haben; man hat Schmerzen oder keine, mal Glück, mal Pech – das ist das, was «leben» für einen selbst bedeutet. Leben ist nicht ein zusätzlicher Akt, den man noch neben frühstücken und arbeiten vollzieht. Das heisst dann eben auch, dass man weder ein gutes noch ein ehrliches Leben «führt», sondern in der Regel ein zuverlässiger, aufrichtiger Mensch ist, der zum Beispiel niemanden übers Ohr haut oder böswillig belügt. Das wiederum ist nicht nur ehrlich, sondern auch gut – womit ein ehrliches auch ein gutes und ein gutes Leben (mindestens auch) ein ehrliches Leben ist.

Wenn Ihnen diese umfassende Antwort ein bisschen arg pingelig und wortklauberisch, mithin sprachanalytisch erscheint (im Sinne von: Was meinen wir eigentlich, wenn wir XY sagen), dann möchte ich zu bedenken geben, dass grosse Fragen, die so richtig aufs Ganze zielen, oft nur pingelig zu beantworten sind, wenn man nicht in prätentiöses Geschwurbel verfallen und eingeschüchtert vor Problemen erstarren will, die in Wirklichkeit ziemlich leicht zu lösen sind. Nämlich mit nur ein wenig Common Sense.

Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 26.06.2019, 11:23 Uhr

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