Analyse

Kein Pardon

Mea culpa: Die Amerikaner sind die Weltmeister der Entschuldigung. Nun fordern Experten einen Sorry-Stopp.

Seine Affäre mit Monica Lewinsky flog auf: Der Bussgang von US-Präsident Bill Clinton 1998.

Seine Affäre mit Monica Lewinsky flog auf: Der Bussgang von US-Präsident Bill Clinton 1998. Bild: Keystone

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In den USA grassiert eine Entschuldigungsepidemie. Kein Tag vergeht, ohne dass sich irgendjemand öffentlich Asche aufs Haupt streut. US-Diplomatin Victoria Nuland nach der uncharmanten Äusserung «Fuck the EU»: «I’m sorry.» Sean Phillips von den Denver Broncos, nachdem seine Mannschaft die Super Bowl, den Final der amerikanischen Football-Meisterschaft, verloren hatte: «I’m sorry.» Target-Chef Gregg Steinhafel nach dem Datenklau, von dem – wegen Schlamperei des Einzelhandelsriesen – über 100 Millionen Kunden betroffen waren: «I’m sorry.»

Demut ist gefragt

Nun treten Andrew Ross Sorkin und Dov Seidman dem inflationären Gebrauch der Wendung entgegen. Sie haben in der «New York Times» eine «Apology Watch» eingerichtet: In dieser interaktiven Kolumne sollen Entschuldigungen auf ihre Authentizität geprüft werden. Sorkin ist ein Starjournalist. Er hat bei den Recherchen über die globale Finanzkrise 2008 (für seinen Bestseller «Too Big to Fail») Unmengen halbherziger Entschuldigungen gehört. Seidman ist als Unternehmensberater ein Star, der Konzerne wie Pfizer und Wal-Mart in der Kunst der Entschuldigung schult.

Tipp Nummer eins: Die Entschuldigung muss schmerzhaft sein. Demut ist gefragt. Zerknirschung. Blutige Striemen. Und natürlich Besserung. Das ist Tipp Nummer fünf auf Seidmans Liste. Bis es so weit ist, dürfen alle Unschuldigen die Selbsterniedrigung der Schuldigen geniessen. Hat sich nicht Lance Armstrong gewunden wie ein Wurm, als er auf der Couch der Talkshow-Königin Oprah Winfrey seine Dopingsünden gestand? Wer wird je Bill Clinton vergessen und seine verzweifelten Versuche, das Wort «Oralsex» neu zu definieren? Besserung ist schon recht. Aber wirklich toll ist das Gefühl der moralischen Überlegenheit, das Zuschauer angesichts gefallener Engel verspüren.

Die Rolle des Erlösers

Amerikaner lieben Erlösungsgeschichten. Nicht zufällig ist die Bibel in den USA ein Dauerknüller. Ganz besonders lieben sie Erlösungsgeschichten, in denen sie die Rolle des Erlösers spielen. Vergeben sie Barack Obama, der sich für die technischen Pannen bei der Einführung des neuen Krankenversicherungsgesetzes entschuldigt? Oder der Pizzakette Domino für die miserable Qualität ihrer Produkte? Das Zeug schmeckt zwar noch immer wie Karton und Ketchup, aber wenigstens hat sich Domino dafür in einer teuren Werbekampagne entschuldigt. Die Illusion, zum Richten aufgerufen zu sein, ist Balsam für die Volksseele. Erst recht, wenn es sich bei den zu Richtenden um Individuen und Entitäten handelt, von denen der gemeine Mann normalerweise gerichtet wird.

Doch wo die Entschuldigung zur reflexhaften Floskel verkommt, wo Obama und Pizza und Datenschutz in eine Super Bowl geschmissen werden, droht die Verwässerung der Entschuldigung. Und das gefährdet das Katharsisritual, das die stolzeste Demokratie der Welt am Laufen hält. Den Apology Watchers schwant Schlimmes. Deshalb hat Dov Seidman kürzlich zu einem Entschuldigungsmoratorium aufgerufen. Das war während einer Podiumsdiskussion am World Economic Forum in Davos. Sorkin sass im Publikum neben Wirtschaftsbossen und Politikern, die Beifall klatschten. Potenzielle Entschuldigungsmissbraucher also. Ob sie Seidmans Forderung als Lizenz zum Weiterwurschteln aufgefasst haben, ist nicht bekannt. Aber sorry war niemand, als nach der Veranstaltung zum Fondueplausch geladen wurde.

Erstellt: 17.02.2014, 07:22 Uhr

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