Keine meiner zwei Heimaten ist schlechter als die andere

Sandra Maksic ist eine junge Schweizerin. Sie stammt aus Bosnien. Sie beschreibt, wie es ist, sich in zwei Kulturen aufgehoben zu fühlen.

Heimat, sagt Sandra Maksic, sei dort, wo ihr Leben in Richtung Zukunft gehe. Foto: Keystone

Heimat, sagt Sandra Maksic, sei dort, wo ihr Leben in Richtung Zukunft gehe. Foto: Keystone

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Woran denkt ihr, wenn ich Heimat sage? Denkt ihr an Berge, Käse und Schokolade? Oder denkt ihr an Familie und Freunde, vielleicht euer Zuhause?

Nehmt mich beim Wort, wenn ich sage, ich hätte schon vieles gehört als Antwort auf diese Frage. Ich will euch jetzt kurz mitnehmen, weit weg von hier, von unserem Zuhause. Vielleicht versteht ihr uns dann auch besser – uns, die ihr Ausländer nennt –, wie wir von Heimat reden und wieso unser Herz für unsere Wurzeln noch brennt.

Zweimal im Jahr steige ich in ein Auto mit meinen Eltern, zwei Schwestern und Gepäck für ein ganzes Dorf. Ich würde euch gerne über unsere lange Reise erzählen, aber die Wahrheit ist, ich bin oft die Erste, die fleissig mit geschlossenen Augen Schafe zählt. «Wir fahren in die Ferien», das sagen wir, doch nach 14 Stunden Fahrt ist immer noch alles bekannt: die Häuser, die Strassen – selbst dieser Himmel ist wie ein alter Freund.

«Du bist so gross geworden», das höre ich jedes Mal, dabei wachse ich schon seit Jahren nicht mehr.

Unser Haus steht auf einem Hügel, verlassen und still. Doch kaum sind wir darin, wird ihm Leben eingehaucht. Unsere Stimmen erhellen die Räume, Türen gehen auf. Unsere Familien erwarten uns voller Freude, meine Grossmütter haben Tränenin den Augen. Ich bin da, wo meine Wurzeln sind, wo mein Ursprung ist. Ich bin da, wo meine Religion von so vielen praktiziert wird. Ich bin da, wo ich seit Monaten nicht mehr war.

Es ist nicht das Land, der Ort oder das Dorf – es sind die Menschen, deren Gesichter in meinen sehnsüchtigsten Träumen oft erscheinen. Sie haben sich verändert, meine Tante hat jetzt Fältchen um die Augen, mein Onkel hat nun eine Glatze, und meine Cousine ist schon fast erwachsen geworden. Ich kenne sie, sie sind noch dieselben, doch ihr Leben ist seit dem letzten Besuch weitergegangen. «Du bist so gross geworden», das höre ich jedes Mal, dabei wachse ich schon seit Jahren nicht mehr. Die Umarmungen sind ehrlich. Die Unbekümmertheit aber ist gespielt. Denn das Leben hat seinen Lauf genommen, Krankheiten, Geldnot, Sorgen. Doch darüber wird möglichst wenig geredet. Wir sind jetzt da, und nur daran wollen unsere Familien denken.

Das Land selbst? Es ist wunderschön. Es liegt Müll auf der Strasse, einige Häuser unserer Verwandten sind, was wir hier vielleicht als ärmlich bezeichnen. Doch das ist nicht alles, es gibt grüne Wiesen, Menschen, die freundlich grüssen, und Tiere tollen glücklich auf den Weiden. Die Hühner lassen sich streicheln, die Katzen muss man locken, die Vögel zwitschern, und die Bäume blühen.

Es ist auch der Stolz, der Stolz, in einer Demokratie zu leben und das Gefühl zu haben, an der Zukunft des Landes teilzunehmen.

Ich vermisse die Luft, das Wasser aus dem Brunnen. Ich vermisse den Sternenhimmel. Ja, den Sternenhimmel vermisse ich vielleicht am meisten. Doch es geht nicht um das Land, den Ort oder das Dorf, es geht darum, durch die Strassen zu gehen und ein Stück weit auch zu verstehen, woher ich komme und wer ich bin. Es geht darum, zu sehen, wo meine Eltern aufwuchsen. Dort zu sein, wo sie ihre Kindheit verbrachten. Dort zu sein,wo sie heute nicht mehr leben.

Am Ende jedes Aufenthalts in unserer Heimat, die doch nicht unsere Heimat ist, ist der Abschied trüb. Der nächste Kontakt mit all den Familien, den Freunden, die wir zurücklassen, wird nur noch über das Telefon stattfinden. Das Schlimmste aber ist, der Abschied ist für ein ganzes halbes Jahr, und manchmal, wenn wir zurückkehren, ist jemand nicht mehr da. Dann spüren wir die Leere, die diese Person hinterlässt, und die Angst, dass uns noch jemand verlässt. Denn es ist nicht das Land, der Ort oder das Dorf, es ist die Familie, die zurückbleibt.

Wenn wir zurück sind, nach gefühlt hundert Stunden Fahrt, dann bin ich zu Hause, in meiner Heimat. Es ist verrückt: Ich komme doch gerade von den Menschen, die meine Heimat sind. Aber kaum ist die Grenze zur Schweiz überschritten, da kenne ich die Strassen, und ich kenne die Läden. Wie oft habe ich an dieser Bushaltestelle gewartet, habe hier die Strasse überquert, dort mein Brot gekauft.

Die zerstö­rerische Wucht des Krieges

Doch es ist nicht das Land, der Ort oder das Dorf, es ist das Gefühl, da zu sein, wo mein Leben in Richtung Zukunft geht, wo ich mich verwirklichen kann und jeder meine Sprache versteht. Es ist auch der Stolz, der Stolz, in einer Demokratie zu leben und das Gefühl zu haben, an der Zukunft des Landes teilzunehmen.

Es klingt wie ein Klischee, wenn ich es so sage, aber es ist eben das Wissen, dass das nicht selbstverständlich ist. Wenn ich eines von meiner zweiten Heimat, dem Land meiner Wurzeln, gelernt habe, dann ist es die zerstö­rerische Wucht des Krieges, vor allem die Spuren, die so was hinterlässt. Doch Krisen mögen Gebäude brechen, Häuser zerstören, die Menschen, die werden jedoch wieder aufblühen, auch nach dunkelsten Zeiten.

Meine Heimat, das sind zwei verschiedene Kulturen, zwei verschiedene Sprachen. Die Lebensformen unterscheiden sich so drastisch wie die Nacht vom Tag, doch keine meiner Heimaten ist schlechter als die andere. Auch wenn es von aussen so erscheinen mag, Innen geht es um mehr als das Land, den Ort oder das Dorf. Da, wo ich bin, da bin ich zu Hause. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.10.2018, 20:44 Uhr

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