Hintergrund

Kinder als Krönung

Das Buch einer Schweizer Forscherin zeichnet auf, wie sich junge Erwachsene ihr Leben vorstellen. Gefragt sind klassische Werte – mit Ausnahmen.

Mutter, Vater und Kind: Junge Erwachsene sind erfolgsorientiert, vernünftig, perfektionistisch und träumen von einer intakten Familie.

Mutter, Vater und Kind: Junge Erwachsene sind erfolgsorientiert, vernünftig, perfektionistisch und träumen von einer intakten Familie.

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«Für junge Erwachsene gehören eigene Kinder nach wie vor zu einem glücklichen Leben», sagt Karin Schwiter. Die Schweizer Sozialgeografin hat sich umfassend mit den Lebens- und Wertvorstellungen von jungen Schweizern befasst. Für ihre Dissertation, die jetzt in Buchform erhältlich ist («Lebensentwürfe – Junge Erwachsene im Spannungsfeld zwischen Individualität und Geschlechternormen»), interviewte Schwiter Erwachsene im Alter zwischen 24 und 26 Jahren.

Diese erwiesen sich als äusserst erfolgsorientiert, vernünftig – und kinderliebend. Ein weiteres sehr wichtiges Attribut: perfektionistisch. Daraus resultiert, dass – obwohl Kinder als Krönung des Glücks gesehen werden – man sich nur für diese entscheide, «wenn die Lebensumstände passen», so Schwiter. Wer also Kinder will, muss sehr hohe Voraussetzungen erfüllen. Will heissen: eine langjährige, heterosexuelle Partnerschaft haben, finanzielle und berufliche Sicherheit aufweisen und bereit sein, den Kindern die erste Priorität im Leben einzuräumen.

Wer diese Kriterien nicht erfüllen kann, «soll besser auf Kinder verzichten». Der letzte Punkt gibt Ausschluss darüber, wie junge Erwachsene Kinderkrippen gegenüberstehen: sehr kritisch. «Das Doppelverdienerpaar, das sein Kind fünf Tage die Woche in einer Kinderkrippe betreuen lässt, tritt als eigentliches Feindbild auf», sagt Schwiter. In dieser Ablehnung gegenüber bezahlter Kinderbetreuung zeige sich die grosse Bedeutung, die Kindern in unserer Gesellschaft beigemessen werde.

«Konform und langweilig»

Die Dissertation von Schwiter bestätigt den Tenor des neuesten CS-Jugendbarometers, wonach die Jugendlichen auf traditionelle Werte setzen und eine mittelständische Existenz anstreben. In einem Interview mit «Bulletin online» äussert sich der Soziologe Kurt Imhof zur Studie: «Es handelt sich um eine sehr konforme Jugend, man könnte auch sagen, eine langweilige Jugend.» Er selber sei glücklich, in einer Generation aufgewachsen zu sein, in der Aufbrüche und Experimente – in politischer Hinsicht, aber auch in Bezug auf Beziehungen oder Lebensformen – eine wesentlich grössere Rolle gespielt haben als heute. Er sei sich aber auch sicher, dass dies nur eine Momentaufnahme sei und sich das wieder ändern könne: «Wir wissen, dass es in den 70er- und 80er-Jahren eine andere Jugend gab, und es wird auch in Zukunft wieder eine andere geben.»

Schwiter interpretiert hingegen die Zukunftspläne der jungen Erwachsenen ganz und gar nicht als eine Rückbesinnung auf alte Werte. So haben die von ihr interviewten Erwachsenen zum Beispiel das Heiraten kaum erwähnt. Ihre Forschung habe ihr gezeigt, dass sowohl Männer als auch Frauen «nicht nur der Familie, sondern auch dem Beruf grosse Bedeutung zuweisen». Sie würden sehr hohe Anforderungen an sich selber stellen und investierten dementsprechend viel Zeit und Energie in permanente Weiterbildung. Zwar sei es durchaus so, dass junge Erwachsene keine revolutionären Zukunftspläne entwürfen, aber sie als langweilig abzustempeln, sei falsch. Es handle sich vielmehr um eine leistungsbereite und sehr individualisierte Generation, die mit dem Wissen aufgewachsen sei, dass insbesondere auf dem Arbeitsmarkt «niemand auf sie gewartet hat». Jeder und jede – so ihr Selbstverständnis – müsse «sein Glück selber in die Hand nehmen».

Erstellt: 17.08.2011, 11:42 Uhr

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Interviewte junge Menschen im Alter von 24 bis 26 Jahren für ihre Dissertation: Karin Schwiter ist Oberassistentin am Geografischen Institut der Universität Zürich und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Gender Studies der Universität Basel, wo ihre Dissertation entstand.

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