«Kinder haben noch immer keine Lobby»

Der Industriellenerbe Christian Jacobs hatte eine glückliche Kindheit. Jetzt fördert er mit viel Geld und einem hoch dotierten Preis die Forschung über die frühkindliche Entwicklung.

«Unternehmertum und Wohlstand verpflichten»: Christian Jacobs hat sich schon als Schüler politisch engagiert.

«Unternehmertum und Wohlstand verpflichten»: Christian Jacobs hat sich schon als Schüler politisch engagiert. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Christian Jacobs, wir treffen uns in der Anwaltskanzlei, in der Sie als Spezialist für Fusionen und Übernahmen arbeiten. Woher nehmen Sie die Zeit für die Jacobs-Stiftung?
Kinder haben noch immer keine Lobby. Also müssen wir alle uns als Staatsbürger dafür Zeit nehmen. Ich habe kein Problem, da die Prioritäten zu setzen.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Auf dem Land und insgesamt sehr glücklich. Stundenlang sassen wir mit Grossvater an der Koppel und sprachen über Pferde. Er war ein begeisterter Züchter, und diese Passion hat er uns Kindern weitergegeben. Mein jüngerer Bruder Andreas und ich hatten mit Pferden sportlichen Erfolg. Als mein Vater in die Schweiz zog, kamen wir ins Gymnasium, machten Musik und begannen zu politisieren, ich wurde Schülersprecher.

Woher kam das politische Interesse?
Mir war klar, dass Unternehmertum und Wohlstand verpflichte. Andreas und ich waren in einer Schülergruppe aktiv, die alle demokratischen Parteien umfasste. Darauf waren wir sehr stolz. Wir waren gegen jede Form von Totalitarismus, von links wie von rechts. An dieser Ausrichtung hat sich bis heute nichts geändert.

1988 gründete Ihr Vater Klaus die Stiftung, weil es an wissenschaftlichen Daten zum Erwachsenwerden fehlte. Wie sieht das heute aus?
Die Datenlage hat sich klar verbessert. Zu fördern bleibt das interdisziplinäre Verständnis. Dies greift die Stiftung auf. Die Erforschung frühkindlicher Entwicklung ist besonders relevant. Laut Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman können Investitionen in frühkindliche Bildung eine volkswirtschaftliche Rendite von 17 Prozent ergeben: knapp 13 Prozent an die Öffentlichkeit, der Rest kommt den Kindern zugute, so etwa später in Form höherer Löhne.

Seit drei Jahren vergibt die Stiftung einen mit einer Million Franken dotierten Forschungspreis. Wieso?
Es gab bisher keinen bedeutenden internationalen Preis für die Forschung über die Entwicklungs- und Lebensbedingungen junger Menschen. Die Reaktion der Wissenschaft war eindeutig: Das sei der Nobelpreis, der noch fehle, hiess es. Parallel vergeben wir aber auch den Best Practice Award. Damit zeigen wir, dass Forschung nicht isoliert erfolgen darf, sondern auch zu konkreten Massnahmen und Projekten führen sollte.

Wo engagiert sich die Stiftung?
In den Neunzigerjahren beschäftigten wir uns sehr stark mit Fragen zum Übergang Schule/Beruf. Heute liegt der Fokus auf frühkindlicher Bildung, weil dort die Weichen fürs Leben gestellt werden. Die Diskussion um die duale Bildung finde ich dennoch extrem wichtig. Den ersten Klaus-Jacobs-Preis hat ja ein Pater in Indonesien erhalten, der dort die Schweizer Berufslehre propagierte.

Dafür hat die Schweiz im Vergleich zum Ausland zu wenig Maturanden.
Das lässt sich nur mit der Wirtschaft diskutieren. Entscheidend ist, wie die Unternehmen Leute mit Berufslehre einsetzen können. Mit der Integration junger Menschen ins Wirtschaftsleben erreicht die Lehre ein eminent wichtiges Ziel.

Wie entscheidet die Stiftung, was unterstützt wird?
Wir haben einen mittelfristigen Plan erarbeitet und schauen nicht so sehr auf das eine Jahr mit den 35 Millionen Franken Budget. Es geht um die 175 Millionen Franken, die wir über fünf Jahre zur Verfügung haben. Dann fragen wir uns: Wie setzen wir das Geld ein, um Ziele in für uns relevanten Bereichen zu erreichen?

Wo setzen Sie die Schwerpunkte?
Erstens bei der frühkindlichen Bildung. Zweitens wollen wir bei der Politik den Sinn dafür schärfen, welches schulische und ausserschulische Umfeld sich produktiv auf Kinder und Jugendliche auswirkt. Vor allem in der Schweiz geben wir Gemeinden Geld, damit sie daran arbeiten. Drittens geht es um Arbeitsfähigkeit und Arbeit, vor allem in Lateinamerika, wo Jacobs vom Kaffee her eine grosse Tradition hat. Vierter Schwerpunkt ist Westafrika und die Ausbildung von Kakao- und anderen Farmern. Dazu habe ich mit Michael Otto, der viel über Baumwolle weiss, und dem weltgrössten Kaffeehändler Michael Neumann die Initiative Sustaineo gegründet.

2003 schenkte die Stiftung der Uni Zürich 10 Millionen Franken für ein Zentrum für Jugendforschung. Was hat das Zentrum erreicht?
Das Zentrum ist ein Gemeinschaftswerk der Uni Zürich und der Jacobs-Stiftung. Wir finanzieren das zu gleichen Teilen und setzen gemeinsam die Forschungsschwerpunkte. Die Umsetzung derselben beeinflusst die Stiftung aber nicht.

Sie machen nicht mal Vorschläge?
Die Stiftung hat zwei Leute im Aufsichtsorgan. Aber die sagen Direktorin Marlis Buchmann nicht, was sie zu tun und zu lassen hat. Um Ihre Ausgangsfrage zu beantworten: Ich bin stolz auf das Erreichte, denn das Jacobs Center war Antreiber der grossteils vom Nationalfonds finanzierten Cocon-Studie. Erstmals untersucht diese den Einfluss von Familie, Schule, Freunden und der weiteren sozialen Umgebung auf die Kompetenzentwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Die Stiftung zeichnet aber ein sehr positives Bild der Jugend, lässt kontroverse Forschung kaum zu. Ihr Menschenbild ist schöngeistig.
In den Neunzigerjahren haben wir uns ja tatsächlich stark mit Mobbing und der Prävention von Gewalt beschäftigt. Da haben wir viel Geld reingesteckt, und das hat auch etwas gebracht. Aber jetzt geht es um die Frage, wie wir ein Umfeld schaffen, das für ein Kind positiv ist. Da glaube ich mit James Heckman, dass man in der frühen Kindheit anfangen muss. Deshalb unterstützen wir das Projekt Primano zur frühkindlichen Förderung in der Stadt Bern. Die Hausbesuche bei Familien aus der Zielgruppe mit der grössten sozialen Benachteiligung sind eine gute Sache. Das hat nichts mit Idealismus oder einem positiven Menschenbild zu tun, das ich in der Tat habe.

Ich sprach von der Forschung.
Wir sollten mit einer interdisziplinären Langzeitstudie prüfen, welche Interventionsmassnahmen in der Kette funktionieren. Die Politik hat viel Geld ausgegeben für Einzelinterventionen. Niemand hat aber je geprüft, wie eine effiziente Kette von Massnahmen aussehen sollte. Wir fördern nicht nur Forscher. Sind wichtige Themen identifiziert, suchen wir die richtigen Leute zur Umsetzung sowie Partner in der Politik.

Zum Beispiel?
Die Sommercamps in Bremen. Da haben wir mit der Stadt und dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung eine Kooperation auf die Beine gestellt, bei der es um die Integration von Migrantenkindern über Sprachförderung und Persönlichkeitsbildung geht. Das hat sehr gut geklappt und wird in ganz Deutschland repliziert. Wir führten Ostercamps für versetzungsgefährdete Schüler ein. Der Erfolg war frappant, ganz wenige Teilnehmer blieben schliesslich sitzen.

Wieder das positive Menschenbild: Gibt man Schülern das richtige Futter, rappeln sich die meisten auf.
Klar. Und ganz wichtig: Es muss nachhaltig sein, kein Strohfeuer. Wenn etwas Erfolg hat, erwarten wir von der Politik, dass sie das Projekt auch fortführt.

Welchen Einfluss hat die aktuell düstere Lage auf Europas Jugend?
In der letzten Dekade sind die Arbeitsmärkte liberalisiert worden. Da haben wir grosse Fortschritte gemacht, das soll auch mal gesagt sein. Ohne EU stünde Deutschland ziemlich schlecht da. Aber wir müssen die Jugendarbeitslosigkeit drastisch reduzieren. Eine Menge junger Leute hat schlicht den Anschluss verloren. Hinzu kommt ein Mangel an Bindung in der Familie. Wir haben völlig neue Familienkonzepte. Das, jetzt wiederhole ich mich, fängt halt schon in der frühkindlichen Zeit an. Wenn ich keine Bezugsperson habe, die schaut, dass ich in der Schule anschlussfähig bin, haben wir alle ein Problem. Deshalb muss die Arbeitslosigkeit als eine Form der Anschlusslosigkeit bekämpft werden.

In die Jacobs University in Bremen hat die Stiftung 200 Millionen Euro über fünf Jahre investiert. Weshalb?

Bremen beweist, dass eine private, multikulturelle und interdisziplinäre Uni funktioniert. Wir finanzieren das mit, in Europa ist das einmalig. 50 Prozent der Studenten erhalten Stipendien; wir sind überzeugt, dass es für den Erfolg einer Uni eine gute Studentenschaft braucht. Die muss heterogen sein und kann nicht davon abhängen, ob einer zahlen kann oder nicht. Deshalb engagieren wir uns und sorgen dafür, dass die Uni sich mit der Zeit selber finanziert.

Wie tut sie das?
Eine Uni hat vielschichtige Einnahmequellen. Aber das muss man erst herausfinden. Das ist wie beim Risikokapital: Der Investor weiss da in der Regel nicht, was wirklich los ist. Wir haben bei der Uni Bremen den Blick dafür geschärft, wo die Einkunfts- und die Kostenquellen sind, ohne nach der Jacobs-Stiftung zu rufen. Das haben wir geschafft, auch deswegen ist die Uni ein Erfolg.

Ihr Vater wollte, dass ausländische Studenten nach der Ausbildung in ihre Heimat zurückkehren. Und?
Er wollte, dass Menschen neben der Karriere Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Deshalb sollten ausländische Studenten möglichst in ihre Länder zurück, um das Erlernte anzuwenden. Dafür gibt es Beispiele: Ein Absolvent aus Guatemala gab seinen Job als Programmierer beim IT-Dienstleister EDS auf, um bei einer Nichtregierungsorganisation zu Hause zu arbeiten. Aber Absolventen sollten von global tätigen Konzernen vermehrt die Chance erhalten, für sie in ihren Heimatländern zu arbeiten. Um das zu erreichen, haben wir den früheren Chef der Karriereplanung an der Hochschule St. Gallen angestellt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2011, 18:04 Uhr

Jacobs Foundation

Als eine der grössten Stiftungen der Schweiz fördert die Jacobs Foundation spezifisch die Kinder- und Jugendforschung mit 35 Millionen Franken jährlich. Seit 2009 vergibt sie zudem die Klaus-Jacobs-Preise: einen ­Forschungs- (1 Million Franken) und einen Praxispreis (200'000 Franken). Die Preise für 2011 werden am 2. Dezember verliehen. Der Forschungspreis geht an den Entwicklungspsychologen Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der Praxispreis an Lehrerin Christiane Daepp, Gründerin des «Ideenbüros», einer Anlaufstelle für Schulkinder. (mma)

Christian Jacobs

Der 49-jährige Jurist ist Vorsitzender des Stiftungsrats der Jacobs Foundation, die sein Vater Klaus J. Jacobs 1988 in Zürich gegründet hat. Jacobs ist als Spezialist für Fusionen und Übernahmen Partner in der Wirtschaftskanzlei White & Case in Hamburg. Die Jacobs Foundation ist wirtschaftliche Eigentümerin der Jacobs Holding, welche die Beteiligungen der Familie am Personalvermittler Adecco und am Schokoladekonzern Barry Callebaut hält. Von 2001 bis 2004 war der Jurist ­
Chef der heute von Bruder Andreas geführten Jacobs Holding. Christian Jacobs ist verheiratet und Vater dreier Kinder. (meo)

Artikel zum Thema

Couchepin übernimmt Amt bei einer der grössten Stiftungen

Der abtretende Bundesrat Pascal Couchepin wird neuer Stiftungsrat der in Zürich ansässigen Jacobs Foundation und wird dort Nachfolger von Flavio Cotti. Mehr...

«Unsere Kinder werden viel zu hart bestraft»

Der amerikanische Neurowissenschaftler Laurence Steinberg kommt in der Hirnforschung mit Jugendlichen zum Schluss: Drakonische Strafen für jugendliche Gewalttäter sind sinnlos. Mehr...

Kommentare

Blogs

History Reloaded Zeit ist Macht

Von Kopf bis Fuss Biologische Ernährung senkt das Krebsrisiko

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...