Hintergrund

Kinder zu dick – Staat greift ein

Empörung in Schottland: Weil Eltern das Übergewicht ihrer Kinder nicht senken konnten, könnten diese nun zur Adoption freigegeben werden. Wäre dies auch in der Schweiz möglich?

Übergewichtige Kinder bei McDonald's: In Schottland haben erstmals Behörden Kinder von ihren Eltern getrennt, weil diese das Gewicht ihrer Kinder nicht in den Griff bekamen.

Übergewichtige Kinder bei McDonald's: In Schottland haben erstmals Behörden Kinder von ihren Eltern getrennt, weil diese das Gewicht ihrer Kinder nicht in den Griff bekamen. Bild: Keystone

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Dem drastischen Entscheid im Fall der «Fat Family», wie die anonym gebliebene neunköpfige Familie aus Dundee in britischen Medien genannt wird, geht eine dreijährige Geschichte voraus. Laut der schottischen Tageszeitung «Daily Mail» hatten die Eltern ursprünglich die Sozialbehörden der Stadt Dundee aufgesucht, weil eines ihrer Kinder unter Entwicklungsstörungen litt. Die Behörden ihrerseits reagierten mit grossen Bedenken bezüglich des starken Übergewichts aller Kinder. Man entschied sich, die Familie in ein spezielles Sozialprogramm aufzunehmen, das ein begleitetes Wohnen unter ständiger Beaufsichtigung beinhaltet.

Die – selber stark übergewichtigen – Eltern wurden angehalten, die Essgewohnheiten ihrer Kinder zu kontrollieren und weitere aktive Massnahmen zu ergreifen. Sollten die Kinder ihr Übergewicht beibehalten, drohten die Sozialbehörden den Eltern, die Kinder wegzunehmen. Diese Drohung wurde erstmals vor zwei Jahren teilweise umgesetzt: Zwei Kinder der Familie wurden in Pflegefamilien untergebracht, die Eltern durften sie nur noch an den Wochenenden sehen. Nun sind die schottischen Behörden noch einen Schritt weitergegangen und haben vergangene Woche auch die restlichen Kinder von ihren Eltern getrennt. Vier davon könnten sogar zur Adoption freigegeben werden; die drei ältesten (16, 15 und 13 Jahre) sind zu alt, um noch adoptiert zu werden.

Die Eltern sind erschüttert und wollen vor Gericht ziehen. Ein Pressesprecher der Stadt Dundee sagte allerdings gegenüber der schottischen Tageszeitung «Daily Record», dass sie immer betont hätten, dass Kinder nicht nur wegen Gewichtsproblemen von ihren Eltern getrennt würden. «Wir agieren immer nur im besten Interesse der Kinder.»

Ähnliches Szenario auch in der Schweiz möglich?
Die Kinder wegnehmen – eine Horrorvorstellung für Eltern. Rein theoretisch wäre ein derart drastischer Entscheid wie im Fall von Dundee auch in der Schweiz möglich. «Wenn das Übergewichtsproblem so massiv Kindeswohl gefährdend ist, dass eingegriffen werden muss, und im konkreten Fall nur durch – allenfalls vorübergehende – Wegnahme des Kindes aus dem Familienverband lösbar ist, kann ein Obhutsentzug möglich sein», sagt Yvo Biderborst, Leiter Rechtsdienste der Vormundschaftsbehörde der Stadt Zürich. Die Adoption sei «allerdings eine andere Geschichte». In der Schweiz sei es nicht möglich, dass Kinder durch Behörden von sich aus zur Adoption freigegeben werden – es muss schon ein Antrag bestehen und dieser wird eingehend geprüft und die Eltern werden um ihr Einverständnis gefragt. «Ohne das Einverständnis der Eltern können Kinder nur in absoluten Ausnahmefällen adoptiert werden.»

Normalerweise würden verschiedenste Massnahmen getroffen, um einer betroffenen Familie zu helfen. «Zunächst wird abgeklärt, wie geholfen werden kann, welche Art von Unterstützung es braucht», so Biderborst. In schwierigen Fällen wird den Eltern eine Weisung erteilt, die sie einhalten müssen. Diese Einhaltung wird dann kontrolliert, «etwa in Form eines Beistandes, der die Familie regelmässig besucht und unterstützt». Biderborst kann sich nicht denken, dass im Fall von Dundee nur Übergewichtsprobleme eine Rolle spielen, denn – zumindest in Zürich – «müssen schon massive, nicht anders abwendbare gesundheitliche Probleme bestehen, damit Kinderschutzmassnahmen getroffen werden».

Problem bereits im Kindsalter anpacken

Das Übergewichts-Problem ist auf jeden Fall auch in der Schweiz ein Thema. Wie in anderen Ländern ist die Zahl der adipösen Kinder in der Schweiz in den letzten Jahren stark gestiegen. Der Zürcher Regierungsrat reagierte auf das immer grösser werdende Problem: Für die Legislaturperiode 2007–2011 setzte er sich zum Ziel, den Anteil der Bevölkerung mit Adipositas durch gezielte Massnahmen in den Bereichen Sport, Alltagsbewegung, Ernährung, Bildung und kindergerechte Verkehrswegplanung zu stabilisieren. «Leichter leben» ist ein Aktionsprogramm von rund 30 Projekten unterschiedlichster Art, wie etwa die Sportcamps für übergewichtige Kinder, die seit 2009 durchgeführt werden. Angela Batschelet, Leiterin Jugend- und Erwachsenensport der Fachstelle Sport des Kantons Zürich, hat bisher sehr gute Erfahrungen mit den Sportcamps gemacht: «Die Kinder haben in unseren Camps täglich vier bis fünf Stunden Bewegung.» Doch würde dabei kein Druck auf die Kinder aufgesetzt, sondern vielmehr mit verschiedenen Spielen die sportliche Leistung der Kinder gefördert. Ausserdem habe jedes Kind einen Tag lang «Küchendienst», wo es gemeinsam mit einer Ernährungsberaterin und anderen Kindern, den Menüplan für den Tag zusammenstellt und auch selber kocht, um ein Bewusstsein für gesundes Essen zu entwickeln. «Im Alltag hat das Umfeld einen grossen Einfluss auf die Kinder, deshalb werden die Eltern miteinbezogen», sagt Batschelet. Die Familien erhielten Tipps, wie ein gesunder Lebensstil und damit ein normales Körpergewicht erreicht werden könne. Ein Jahr nach Durchführung des ersten Sportcamps gaben über die Hälfte aller Beteiligten an, dass sie mehr Sport trieben, sich gesünder ernähren würden und dass ihr BMI gesunken sei. Bei den meisten Kindern führe eine Kombination aus schlechter Ernährung und zu wenig Bewegung, «aber auch vermehrt Stress» zu Übergewicht. Mit den Sportcamps würde man auf spielerische Weise gezielt diese Problematiken angehen.

Erstellt: 06.09.2011, 12:49 Uhr

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Adipositas

Adipositas = Fettleibigkeit, Fettsucht (BMI > 30). Es handelt sich dabei um ein starkes Übergewicht, das durch eine über das normale Mass hinausgehende Vermehrung des Körperfettes mit krankhaften Auswirkungen gekennzeichnet ist.
Zwischen 1960/65 und 2007 hat sich die Zahl der übergewichtigen Kinder praktisch verdoppelt. Für die WHO ist Fettleibigkeit eines der akutesten Probleme der industrialisierten Welt geworden. Dabei ist es nicht die Adipositas, sondern es sind vor allem die damit einhergehenden Gesundheitsprobleme (grösseres Risiko für Diabetes, Bluthochdruck, Gicht, Thrombosen, Herzinfarkt und Hirnschlag), die zu schaffen machen. Die Kosten sogenannter Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) von Fettleibigkeit stiegen allein in der Schweiz von 2001 bis 2006 von 2,6 Milliarden auf 5,7 Milliarden Franken. In der Schweiz ist bereits jedes fünfte Kind und jeder dritte Erwachsene übergewichtig. Nach Schätzungen wird sich der Anteil der übergewichtigen und adipösen Kinder bis 2022 bei den Jungen auf 16,8% und bei den Mädchen auf 22,7% erhöhen.

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