Kinderfragen

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema, warum wir existieren.

Natürlich machen sich Kinder über viele Dinge Gedanken – zum Beispiel darüber, wie die Babys in den Bauch der Mami kommen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Natürlich machen sich Kinder über viele Dinge Gedanken – zum Beispiel darüber, wie die Babys in den Bauch der Mami kommen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Meine grössere Tochter (5-jährig) fragte mich letzthin: Warum sind wir Menschen auf der Welt? Was antworte ich ihr? D.H.

Lieber Herr H.

Zum Beispiel so: Weil im Laufe der Evolution durch genetische Mutation und die Selektion durch jeweilige Umweltbedingungen verschiedene Arten von Lebewesen entstanden sind, zu denen auch die Menschen gehören. Dann wird Ihre Tochter fragen, was Evolution sei. Um das zu beantworten, müssten sie ihr die Grundzüge der Genetik erklären.

Es gibt also durchaus eine Antwort auf die Frage, aber ihre Tochter wird sie nicht verstehen. Aber vielleicht wird sie verstehen, dass es Dinge gibt, die man als Kind noch nicht verstehen kann.

Damit sind wir nun unversehens bei einem anderen Problem angelangt: Warum meint man so häufig, dass es gerade auf so vermeintlich «tiefsinnige» Kinderfragen immer eine kindgerechte Antwort geben muss? Ich glaube, es handelt sich dabei um eine Art ideologischen Kollateralschadens solcher Projekte wie des «Philosophierens mit Kindern» und der «Quantenphysik in 30 Sekunden».

Natürlich machen sich Kinder über viele Dinge Gedanken – zum Beispiel darüber, wie die Babys in den Bauch der Mami kommen. Vielleicht geben die Kinder auch Ruhe, wenn man ihnen sagt, dass, wenn der Papa und die Mama sich ganz liebhaben, der Papi seinen Schniedelwutz in die Vagina der Mami steckt und dann ein Baby im Bauch der Mutter wächst.

Aber wenn sie dann nicht weiterfragen, dann nicht, weil sie nun die Entstehung eines Babys begriffen haben, sondern weil ihnen die Sache vielleicht zu langweilig wird oder weil sie denken, dass das Baby dann ja wohl vorher in Papis Pimmel (Sie merken, ich bemühe mich um eine genital variantenreiche Sprache) gewesen sein muss – oder auch weil sie ahnen, dass es im Moment keine für sie befriedigende Antwort auf ihre Frage geben wird.

Warum sollten Kinder Dinge begreifen können, mit denen sogar viele Erwachsene Mühe haben?

Kinder können vieles nicht, warum sollten sie dann, wenn man ihre Fragen nur richtig beantwortet, Dinge begreifen können, mit denen sogar viele Erwachsene Mühe haben? Ich will mich damit überhaupt nicht über Versuche lustig machen, auf «grosse» Fragen der Kinder einzugehen und ihnen ehrlich und sorgfältig zu antworten.

Es gibt wunderbare Kinderbücher, die das tun und denen es oft auf verblüffende Weise gelingt, etwas simpel und doch nicht falsch zu erklären, wo man als Eltern schon längst die Flinte ins Korn geworfen hätte – sei es, dass einem die Fantasie, die didaktische Gabe oder auch schlicht das Wissen gefehlt hat. Aber, bei aller Liebe und bei aller Mühe: Es gibt Grenzen des Erklärbaren (nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene). Die sollte man nicht überspielen, sondern eingestehen. So viel intellektuelle Redlichkeit haben Kinder verdient.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 08.10.2019, 11:16 Uhr

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