Kirchen abwerten statt Islam aufwerten

Die SP will Muslime besser integrieren: auf die falsche Weise.

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Es gibt in Teilen der Volks und der Öffentlichkeit eine politische Haltung, die sich als «links minus Flüchtlinge» beschreiben lässt. Oder «links minus Islam.» Publizistischer Brut­vater dieser Weltsicht ist der frühere SPD-­Politiker Thilo Sarrazin, dem sich inzwischen viele knurrige Meinungsmacher – Rüdiger Safranski, Frank A. Meyer oder auch Slavoj Zizek – angeschlossen haben. Die Linke, deren Antikapitalismus man grundsätzlich gutheisst, wird in diesen Kreisen unablässig für ihre migrantenfreundliche Haltung gescholten. Insbesondere auf die Frage, wie mit «dem Islam» in Europa zu verfahren sei, blieben die Sozialdemokraten harte, strenge Antworten schuldig.

Man darf vermuten, dass die SP Schweiz mit ihrem neuen Islam-Konzept unter anderem diese Kritikerstimmen bedienen will. Gemäss der am Wochenende publik gemachten «Roadmap» soll von Muslimvereinen eine Demokratisierung gefordert werden: Sie sollen sich offene, transparente Strukturen geben, karitative Aufgaben übernehmen und eine Art Gelübde auf gewisse Alltagsregeln («Handschlag» für Lehrerinnen) ablegen. Im Gegenzug würde ihnen am Ende eine öffentlich-rechtliche Anerkennung analog unseren Landeskirchen winken. Von einer solchen Reform verpricht sich SP-Präsident Christian Levrat einen modernen Schweizer Islam. Und wohl den Zuspruch gewisser Wählergruppen obiger Prägung, die von der SP im Minimum ein Bekenntnis erwarten: Jawohl, wir sehen die Präsenz des Islam als Problem, das Lösungen erfordert.

Das Gewaltproblem bliebe

Dass sich die Sozialdemokraten solchen Erwartungen nicht verschliessen, dass sie zugleich die plumpe Kulturkampf-Attitüde à la Sarrazin vermeiden, dass sie nach Antworten im Geist der Aufgeschlossenheit suchen: Das alles ist achtenswert. Leider überzeugt die Stossrichtung der «Roadmap» nicht. Selbst wenn die Beförderung des Islam zur Landeskirche politische Chancen hätte: Sie wäre nicht wünschenswert. Zumal diffus bleibt, auf welchen Gewinn man setzt: Die vom radikalen politischen Islam gelieferte Gewaltlegitimation schafft man damit nicht aus der Welt – ebenso wenig wie die gefährliche Faszination, die diese Ideologie auf junge Männer rund um den Globus ausübt. Wer mit einem Lastwagen in eine Gruppe kleiner Kinder rast, verfolgt andere Ziele, als an der Dorfschule von Dällikon ZH einen Religionslehrer stellen zu dürfen.

Davon abgesehen würde eine Aufwertung des Islam unsere Gesellschaft in einer Dimension weit jenseits aller Handschlag- und Burkadebatten verändern. Wird der Islam als Staatsreligion anerkannt, liesse sich dasselbe den Buddhisten, Hindus und zahllosen anderen Glaubensgemeinschaften schwerlich verweigern, es sei denn durch Willkür. Im Ergebnis würde die Säkularisierung rückabgewickelt: Das Religiöse erhielte einen Stellenwert, der weder dem gelebten Alltag der Bevölkerungsmehrheit noch den aufklärerischen Prinzipien entspräche. Richtig wäre das Gegenteil: Staat und Kirche sollten weitestgehend voneinander entkoppelt werden, keine Religion gegenüber der anderen bevorzugt. Fatal freilich wäre es, darüber im Rahmen einer Islamdebatte zu sprechen. Ein entspannteres mentales Verhältnis zum Islam muss der Gleichberechtigung der Religionen vorangehen, nicht umgekehrt.

Wer sind denn «die Muslime»?

Dass es per se schon heikel ist, einen Forderungskatalog an «die Muslime» zu adressieren, sollte der SP ebenfalls bewusst sein. Natürlich gehört die islamische Religion für viele Einwanderer zu den identitätsstiftenden Faktoren. Doch zwischen Indonesien und Marokko liegen 13'000 Kilometer. Die Fragwürdigkeit generalisierter Islamdebatten liegt darin, dass man anderthalb Milliarden Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen in eine Kollektividentität presst, statt sie zunächst einmal als Individuen zu anerkennen.

Gleichzeitig trifft es aber zu, dass der Islam eine Realität ist, die bewegt. Die «Roadmap» der SP entsteht ja erst. Überdenkt die Partei deren Schwachpunkte und bleibt sie sich der Risiken bewusst, kann etwas Gutes daraus erwachsen. Die Schweiz und Europa haben definitiv eine Islamdebatte verdient, deren Niveau über Sarrazin und Frank A. Meyer liegt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2017, 21:10 Uhr

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