Klimademo und Kaufrausch – der Widerspruch am schwarzen Freitag

Heute feiern wir zwei Fridays, die gegensätzlicher kaum sein könnten – und doch so eng zusammenhängen.

Erst demonstrieren – und dann shoppen? Oder umgekehrt? Klimademo am Zürcher Paradeplatz. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Erst demonstrieren – und dann shoppen? Oder umgekehrt? Klimademo am Zürcher Paradeplatz. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Dieser Freitag wird garantiert keiner für die Zukunft. Zwar werden wieder weltweit Schüler zum Friday for Future strömen. Aber zeitgleich findet der Black Friday statt, dieser Feiertag des Konsums, dieser Tag der angeblichen Supersonderangebote und überfüllten Geschäfte. Zwei Fridays, die gegensätzlicher kaum sein könnten – und doch so eng zusammenhängen.

Denn natürlich sind die Schülerinnen und Schüler auf den Strassen auch Kinder der Konsumgesellschaften. Schaut man genau hin, sieht man auf den Rückseiten mancher ihrer Plakate den geschwungenen Pfeil einer Amazon-Lieferung. Und es ist nicht ausgeschlossen, eher wahrscheinlich, dass so mancher sich nach der Demo noch einen Shopping-Nachmittag gönnt. Ist ja nicht alle Tage Black Friday.

Das klingt widersprüchlich, ist aber in dieser Gesellschaft zutiefst rational. Warum sollte jemand für ein Produkt mehr zahlen als nötig? Wer mit Schnäppchen spart, hat noch Geld für anderes, und es gibt ja so vieles. Es ist die Rationalität einer Gesellschaft, die ständig ihren Nutzen maximiert; und die der festen Überzeugung ist, dass mehr Produkte auch mehr Nutzen stiften. Darüber kann man den Kopf schütteln oder sich lustig machen, aber einer Logik entbehrt das nicht.

Der Rationalität ihrer Kunden folgen die Anbieter. Entlang der Wertschöpfungskette drücken sie die Kosten, bis hin zu den armen Menschen, die am Ende dieser Kette schuften. Das geht auf Kosten der Qualität, natürlich. Aber in einer Welt, in der Modekollektionen alle paar Wochen überholt sind und elektronische Geräte nach wenigen Jahren untauglich werden, spielt das eh keine grosse Rolle mehr.

Viele derer, die an diesem Freitag auf die Strasse und danach in die Läden gehen, wissen, was all das heisst: Wenn das so weitergeht, wird es irgendwann nicht weitergehen. Genau genommen demonstrieren die Protestierer nicht nur gegen Regierende, sondern auch gegen sich selbst – gegen Konsum- und Lebensstile, die ihnen ihre Eltern vorleben, die aber weder zukunftsfähig sind, noch als Modell für den Rest der Welt taugen. Und sie ahnen, an diesem schwarzen Freitag noch mehr als an den anderen: Aus eigener Kraft kommen sie aus diesem Teufelskreis der Rationalitäten, aus dieser Welt der scheinbar grenzenlosen, aber folgenreichen Möglichkeiten nicht raus.

Der Klimawandel ist nur das bekannteste der Probleme, er steht stellvertretend für die katastrophalen Rückwirkungen zukunftsvergessener Lebensstile – so, wie die Plastikteppiche in den Weltmeeren vielen Schülern bewusst gemacht haben, dass das, was sie wegwerfen, damit noch lang nicht aus der Welt ist. Sie stellen den eigenen Konsum ins grosse Bild.

Doch die Probleme im globalen Dorf entziehen sich längst der nationalen Gestaltung. Gefragt wäre die Politik, und das weit jenseits symbolischer «Klimanotstände» und vieler Milliarden für den Klimaschutz. Im Kern geht es darum, Standards zu heben: Standards für die Landwirtschaft, die verhindern, dass der sorgsame, auf Böden, Grundwasser und Artenvielfalt bedachte Bauer am Ende der Dumme ist. Standards, mit denen sich negative Umwelteffekte in Produktionskosten niederschlagen, allen voran mit Preisen für den Kohlendioxidausstoss, die den Namen verdient haben. Standards auch für das Design von Produkten, die sie reparierbar machen und es erlauben, Rohstoffe zurückzugewinnen.

Gelingen muss das zu den Bedingungen eines freien Welthandels. Im Liberalisierungsfieber der Neunzigerjahre spielten solche Standards keine Rolle, aus der Angst heraus, sie könnten zur Abschottung von Märkten missbraucht werden. Das war ein Fehler, an dem die Politik aber ansetzen kann. Natürlich funktionieren Standards etwa für eine nachhaltigere Landwirtschaft nur, wenn auch Importe ihnen genügen müssen. Natürlich lässt sich ein wirksamer CO2-Preis nur durchhalten, wenn er an der Grenze auch auf Einfuhren aufgeschlagen wird. Und natürlich kann sich die Lage für die armen Menschen am Ende der Wertschöpfungskette nur dann verbessern, wenn starke Umwelt- und Sozialstandards in Handelsverträgen das verlangen. Das sind sehr, sehr dicke Bretter. Aber nach Lage der Dinge kann nur die Politik sie zu bohren beginnen.

Es geht deshalb auch an diesem Friday for future nicht nur um das Klima, sondern ganz allgemein um eine Gesellschaft, die es sich auf Kosten anderer, auch anderer Generationen, gut gehen lässt. Und gerade der Black Friday beweist, wie schwierig es ist, diesem Muster zu entkommen, trotz aller Appelle an den «mündigen Verbraucher», der doch bewusster konsumieren kann; an Nachhaltigkeit, «qualitatives Wachstum» und eine neue Genügsamkeit. Im Angesicht eines Schnäppchenpreises geht es einfach zu vielen wie dem Hund mit dem Knochen. Und das oft in dem dumpfen Bewusstsein, dass auf viele schwarze Freitage eine ebensolche Zukunft folgt.

Erstellt: 29.11.2019, 07:43 Uhr

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