Hintergrund

Klitorisbeschneidung: Sie legen die Waffen nieder

Genitalverstümmelung betrifft auch heute noch rund 125 Millionen Frauen weltweit, trotz Verboten und verschärften Strafen. Eine Gruppe Beschneiderinnen in Guinea distanziert sich von der Tradition.

«Gefährlich für die Gesundheit dieser Frauen»: Beschneidungswerkzeug.

«Gefährlich für die Gesundheit dieser Frauen»: Beschneidungswerkzeug.

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Im Namen einer Tradition, welche besagt, dass eine Frau erst durch die Genitalverstümmelung respektabel wird, schneidet man ihnen in Afrika – aber nicht nur dort – ein Stück ihres Geschlechtes weg: die Klitoris. Fast alle waren noch junge Mädchen, als sie das schmerzhafte Ritual über sich ergehen lassen mussten. Die Folgen spüren sie jedoch bis ins Erwachsenenalter.

In einem Land wie dem westafrikanischen Guinea, in dem 96 Prozent der Frauen beschnitten sind, scheint der Kampf gegen diese Praxis von Anfang an verloren. Doch seit einigen Jahren legen immer mehr Beschneiderinnen unweit der Hauptstadt Conakry die Messer nieder. In Kindia, einer Stadt mit 180'000 Einwohnern, führt auch Djenabou Kone mit ihrer Stiftung Femmes africaines einen geduldigen Kampf gegen die Genitalverstümmelung. Mit dieser Geduld brachte sie viele Frauen dazu, kleine Mädchen mit ihrem Messer zu verschonen. Viele von ihnen wissen mittlerweile sogar um das Unrecht, dass sie bisher getan haben und bereuen ihre Taten. (Lesen Sie auch: «Erstes Urteil gegen Beschneidung»)

Einsicht und Reue

Die Horrorgeschichten von Grossmüttern, die ihre Enkelinnen dazu zwingen, sich verstümmeln zu lassen und mitansehen, wie diese danach – wie sie selber – ein Leben lang leiden, sind wahr. Doch es gibt auch die alten Damen, die trotz Tradition und Ahnenverehrung einsehen, dass es nicht richtig ist. (Lesen Sie auch: «Traditioneller als die Mutter»)

So erzählt Mabinty, seit 50 Jahren Beschneiderin, die Jungen sagten ihr, «die Beschneidungen sind gefährlich für die Gesundheit dieser Frauen. Ich bin alt und darf an ihren Ideen zweifeln. Aber ich weiss nicht... Wenn ich nach Mekka pilgere, werde ich den lieben Gott um Verzeihung bitten, für alle mir bekannten Sünden – aber auch für die mir unbekannten.» Die neuste Ausgabe des Magazins «Causette» zeigt in diesem Zusammenhang eine gelungene Fotoreportage über die Frauen, die sich ihres Berufsstandes nicht mehr so sicher sind wie noch vor ein paar Jahren. Einige geben zu, Genitalverstümmelungen an jungen Mädchen seien wohl falsch. So erzählt Fanta, ehemalige Beschneiderin, die ihrem Beruf dank der Arbeit diverser Organisationen den Rücken gekehrt hat, «Nimse» (Reue) verfolge sie. Diese Reue befalle sie, wenn sie an die sieben Mädchen denke, die sie einmal beschnitten habe. Eine von ihnen verstarb kurz danach an den Folgen. «Da habe ich entschieden, aufzuhören», so die heute zur Textilfärberin konvertierte Grossmutter. «Ich habe diesen Beruf 20 Jahre ausgeübt und bereue es sehr.»

Brutal und diskret

In Guinea nennt man das Ritual «die Flussüberquerung». Niemand spricht laut darüber, auch die Symbolik des Ganzen ist diskret: So tragen Mädchen zum Zeichen, dass sie die Beschneidung bereits hinter sich haben, einen rot-weissen Gürtel um den Bauch. Oder sie legen sich eine feine Halskette um den Hals, wenn sie aus den Ferien zurück in die Schule kommen. Denn das ist die Zeit, in der Beschneidungen stattfinden. (Lesen Sie auch: «Merkwürdige Mutterliebe»)

Nicht nur in Afrika, auch in der Schweiz und in Europa. Die Genitalverstümmelung ist seit ein paar Jahren offiziell ausdrücklich verboten, doch Familien, die aus Ländern kommen, in denen das Ritual immer noch praktiziert wird, wählen die Schulferien, um ihre Mädchen dennoch beschneiden zu lassen. 2008 lancierte die Unicef eine Kampagne gegen die Genitalverstümmelung, die jährlich am 6. Februar wiederholt wird. «Terre des Femmes» engagiert sich in diesem Zusammenhang seit Jahren auch in der Schweiz dafür, diese Praxis ein für allemal zu unterbinden. Denn auch in unserem Land sind Mädchen, die aus afrikanischen Ländern wie Somalia oder Eritrea stammen, gefährdet, eine Beschneidung erdulden zu müssen. Dies oft unter schlechten hygienischen Bedingungen, sodass Infektionen zur Tagesordnung gehören – genauso wie in ihren Heimatländern auch.

Rein und respektabel

In Gruppen werden sie in ihren Dörfern zusammengeschart und zu einem «geheimen» Ort gebracht. Was ihnen widerfahren soll, hat ihnen vorher nie jemand erklärt. Nur dass sie, wenn das Ritual vollendet ist, rein und respektabel sein werden. Bereit für eine Heirat. Nach der Beschneidung bleiben die Mädchen bei einer «Tante», welche sie mehrere Wochen lang gesund pflegen muss, bis die Wunde verheilt ist. Oder eben auch nicht.

Die lebenslangen Qualen, denen diese Frauen ausgesetzt sind, gehören traditionell zu einem Frauenleben dazu. In Europa weiss man noch nicht so lange über dieses jahrhundertealte Ritual Bescheid. Die meisten haben wohl erst mit Waris Diries Roman «Wüstenblume» davon gehört. Darin beschrieb sie in den Neunzigern ihre Kindheit in Somalia und vor allem ihre Entdeckung, dass in Europa Frauen nicht beschnitten sind und entsprechend ganz normal urinieren und Geschlechtsverkehr haben können. Eine Offenbarung für das junge Model von damals. Seither ist sie UN-Sonderbotschafterin gegen die Beschneidung und eröffnete letztes Jahr das erste medizinische Zentrum für genitalverstümmelte Frauen, das Desert Flower Center in Berlin-Zehlendorf.

Ihre Botschaft an die Beschneiderinnen: «Die Genitalverstümmelung hat nichts mit Tradition oder Religion zu tun. Sie ist ein Verbrechen an unschuldigen kleinen Mädchen, das verfolgt werden muss.» Einem Bericht der Unicef zufolge trägt die Aufklärung langsam Früchte: Junge Mädchen erleiden weniger Beschneidungen als noch die Generation ihrer Mütter.

In Guinea nehmen sich das die alten Beschneiderinnen immer öfter zu Herzen. Mit jeder Entscheidung, die Waffen niederzulegen, organisieren die Ehemaligen ein Fest, um ihr Engagement zu bestärken. Sie tragen dann ihre schönsten Kleider, singen, tanzen und symbolisieren die Beschneidung, indem sie ein Mädchen herbeiziehen und dieses auf den Boden legen, um dann die Beschneidung – ganz ohne Messer – vorzutäuschen. Auch das ein Ritual. Aber ein schmerzloses. Und vor allem eines, das weiteren Frauen neues Leiden ersparen soll.

Erstellt: 12.02.2014, 21:41 Uhr

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