Konvertiten sind am radikalsten

Wenn Religionen ihre kulturellen Wurzeln verlieren, werden sie gefährlich. Der französische Politologe Olivier Roy legt ein brandaktuelles Buch über den Glauben im Zeitalter der Globalisierung vor.

Die Globalisierung fördert den Fundamentalismus: Gebetsszene während eines Seminars des Islamischen Zentralrats der Schweiz 2010.

Die Globalisierung fördert den Fundamentalismus: Gebetsszene während eines Seminars des Islamischen Zentralrats der Schweiz 2010. Bild: Keystone

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Die Diskussion über ein Burkaverbot wirft die Frage auf, wie eine säkulare Nation mit einer Religion umgeht, die von der Trennung von Kirche und Staat wenig hält, ja zu deren Selbstverständnis die Einheit dieser Wertesphären gehört. Der von einigen Intellektuellen vertretenen These, dass es sich um einen «Kampf der Kulturen» (Samuel Huntington) handle, widerspricht der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy in seinem neusten Buch «Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen» («La sainte ignorance. Le temps de la religion sans culture»). Nicht unterschiedliche Kulturen prallten aufeinander, sondern veränderte Formen von Glaubensbekenntnissen. Entziehe man den Religionen den kulturellen Nährboden, so würden sie gefährlich.

Empirisch abgesichert

Olivier Roy ist ein ausgewiesener Kenner der Materie: Mit seinen kurz aufeinanderfolgenden Studien «Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung» (2006) und «Der falsche Krieg. Islamisten, Terroristen und die Irrtümer des Westens» (2007) hat er sich einen Namen als führender Experte des Islamismus gemacht. Roy schreibt nicht nur verständlich, er stützt seine Theorien auch mit umfangreichem Datenmaterial. Was die Empirie nicht belegt, wird auch nicht behauptet, und dies sorgt bei einem so emotionalen Thema wie der Wiederkehr der Religion für klare Sicht- und Denkverhältnisse.

Olivier Roy kommt in seinem Essay zu Ergebnissen, die aufgrund der aktuellen Entwicklungen plausibel erscheinen: Im Zeitalter der Globalisierung liegt das Gefahren- und Gewaltpotenzial der Religionen vor allem in den Konvertiten. Und da die individuellen Konversionen zu einem Massenphänomen geworden sind – man schätzt, dass in Deutschland, wo über drei Millionen Muslime leben, die Hälfte der 35 000 Islamisten Konvertiten sind –, darf die subversive Kraft nicht unterschätzt werden. Konvertiten, diese Nomaden des Glaubens, gleichen Hors-sol-Pflanzen: Entwurzelt von der die Religion nährenden Kultur, züchten sie ihren Glauben dogmatisch heran: Weil sie die neu erworbene Religion für allein selig machend halten – wie einst die Christen im Mittelalter –, entwickeln sie einen unberechenbaren, mitunter gewaltsamen Fundamentalismus, mit dem sie den Rest der Welt in Angst und Schrecken versetzen.

Da alles, was ihnen früher als sinnlos erschien, auf einen Schlag sinnvoll ist, haben Bekehrte einen fatalen Drang zur Bekehrung anderer. Dieser heilige, von Einfalt befeuerte Zorn verschafft sich auf jede nur mögliche Art Ausdruck. Symptomatisch, aber wenig bekannt, so Olivier Roy, sei die Tatsache, dass «al- Qaida die islamische Bewegung mit dem höchsten Anteil von Konvertiten ist». Und: «Immer häufiger gibt es auch den Fall, dass jemand von sich aus, durch Lektüre oder das Internet, die Konversion anstrebt; oder er ist fasziniert von einer Religion, über die die Medien viel berichtet und die sie womöglich noch verteufelt haben.» Die bekanntesten Beispiele dafür betreffen den Islam im Westen. So kann es vorkommen, dass «der radikale Islamismus aus dem Westen in ein muslimisches Land exportiert wird». Der Ex- oder Import religiöser Werte gehört wesentlich zur Globalisierung: Der Kapitalismus verwandelt die Religionen in eine Ware, die handelbar ist wie alles andere auch.

Mobilität entwurzelt Religionen

Sind religiöse Menschen hingegen eingebettet in eine intakte Kultur, so ist die Neigung zur Fremdbekehrung und Eigenkonversion (zwei Seiten der gleichen Medaille) weniger ausgeprägt. Es wird praktiziert, was in Kindheit und Jugend gelernt wurde – oder eben nicht; Bekehrung ist den allermeisten fremd – auch, aber nicht nur, weil sie das Andere gar nicht kennen. Erst die weltweite Mobilität hat die Religionen ihrer Herkunft beraubt: «Der Fundamentalismus ist die am besten an die Globalisierung angepasste Form des Religiösen, weil er seine eigene Dekulturation akzeptiert und daraus seinen Anspruch auf Universalität ableitet.» Wer sich mit Islamismus beschäftigt, muss sich mit Globalisierung befassen, lautet die nüchterne, für populistische Zwecke nur schwer verwertbare Analyse Olivier Roys.

«Die Globalisierung spielt eine wichtige Rolle bei der Entkoppelung der beiden Marker Religion und Kultur.» Eine Kultur ohne Religion lässt sich wohl noch leichter vorstellen als eine Religion ohne Kultur, auch wenn die biblische Tiefendimension des atheistischen Marxismus ein offenes Geheimnis ist (die klassenlose Gesellschaft gleicht dem Wiedereintritt ins Paradies und damit dem Ende der Geschichte). Doch das Thema der «Heiligen Einfalt» ist nicht die Verweltlichung der Religionen, sondern die Entkultivierung des Religiösen, und da sieht Roy, dem die hysterische Geste mancher Warner fremd ist, Gefahren auf uns zukommen (in welchem Masse die Medien mitspielen, hat man bei der «Arena»-Sendung mit dem Bieler Konvertiten Nicolas Blancho gesehen). Und wie wenig die Konvertiten über die Komplexität ihrer jeweiligen Religion wissen, zeigt das fehlende kulturelle Wissen – ein weiteres Indiz dafür, dass die religiösen und kulturellen Marker verschiedene Wege eingeschlagen haben. Wer so etwas wie den reinen Glauben verteidigt, ist nicht nur einfältig, sondern kulturlos – mit dieser Botschaft entlässt einen der Autor dieses Buches, das so anregend und aufklärend ist, dass man ihm die zahlreichen Wiederholungen verzeiht.

Sinnvolle einseitige Anpassung

Auch wenn der Islamismus die Welt in Atem hält, kann der vermeintliche Religionskonflikt nur nach westlichem Modell gelöst werden: Was Religion und Glauben betrifft, üben sich die aufgeklärten Gesellschaften nämlich in wohltuender reflexiver Entspanntheit. Exemplarisch brachte die Ringparabel in Lessings «Nathan der Weise» diese die Moderne prägende Zurückhaltung in Glaubensfragen als einzig mögliches und denkbares Modell der friedlichen Koexistenz zur Darstellung. Bei aller Toleranz – vor allem dem Islam gegenüber – darf es kein Zurück hinter diese zivilisatorische Errungenschaft geben; man darf nicht vergessen, dass Europa über Jahrhunderte ein wüstes Schlachtfeld von Religionskriegen war.

In dieser Hinsicht und in rechtsstaatlichen Angelegenheiten ist die Anpassung, die geleistet werden muss, eindeutig einseitig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2010, 23:28 Uhr

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