Hintergrund

Krippen sind nicht so gut, wie sie sein könnten

Forscher haben erstmals Kindertagesstätten in der Deutschschweiz auf ihre Qualität hin getestet. Das Resultat ist ernüchternd.

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Seit Juni 2009 läuft am Marie-Meierhofer-Institut für das Kind ein Projekt zur Qualitätsentwicklung und Professionalisierung von Kinderkrippen. In diesem Zusammenhang hat das Institut 74 Gruppen in 38 Deutschschweizer Krippen nach international gebräuchlichen Kriterien getestet. Das wenig schmeichelhafte Ergebnis nach dem ersten Test: Keine einzige Gruppe erreichte auf einer Skala von 1 bis 7 mehr als 4,5 Punkte. Als gut gilt eine Krippe mit 5 oder mehr Punkten, als mittelmässig eine mit 3 bis 4,9 Punkten.

54 Gruppen wurden mit mittelmässig bewertet – allerdings kamen 50 von ihnen nicht einmal auf 4 Punkte. 20 Gruppen wurden mit weniger als 3 Punkten bewertet. Das bedeutet: unzureichend. Und das, obwohl die Krippen, die am Projekt teilnahmen, vermutlich zu den Qualitätsbewussteren gehören: Schliesslich mussten sie sich für die Teilnahme am Projekt bewerben. «Man muss davon ausgehen, dass zufällig ausgewählte Stichproben eher noch schlechter ausgefallen wären», vermutet Heidi Simoni, die Leiterin des Instituts.

Amerikanische Skala

Getestet wurde nach der sogenannten Krips-Skala. Diese bewertet unter anderem die pädagogische Arbeit, die Aktivitäten, Platz und Ausstattung sowie Betreuung und Pflege. Am heikelsten ist dabei offenbar der Bereich Betreuung und Pflege: Selbst die bestbewerteten Krippen schneiden hier schlecht ab.

Die Schweizer Krippen stehen damit keineswegs allein. Auch in Deutschland schneiden Kindertagesstätten (Kitas) bei Bewertungen nach der Krips-Skala meist nur mittelmässig ab. Das ist teilweise mit der Skala selbst erklärbar. Krips wurde ursprünglich in den USA entwickelt, und das ist spürbar: Die Wertvorstellungen in den USA sind anders. So gibt es im Teilbereich Hygiene ein «unzureichend», wenn nicht jedes Kind sein eigenes Handtuch hat – das gilt selbst dann, wenn alle anderen Anforderungen erfüllt werden. Gemäss Krips-Skala müssen die Kinder auch rund um die Uhr unter direkter Aufsicht stehen. Damit wird in der Skala negativ bewertet, was im deutschsprachigen Raum als pädagogisch sinnvoll gilt: dass Kinder auch einmal allein in einem Raum spielen dürfen.

Wegen dieser unflexiblen Vorschriften steht die Skala unter Bildungsforschern zunehmend in der Kritik. «Es ist fraglich, ob Krips misst, was es zu messen vorgibt», sagt Margrit Stamm, Professorin und Bildungsforscherin an der Uni Freiburg. «International wird langsam anerkannt, dass die Skala deshalb überarbeitet werden müsste.» Noch steht aber keine Alternative zur Verfügung, die eine internationale Vergleichbarkeit gewährleistet.

Kaum pädagogische Konzepte

Und trotz der Kritik an der Skala: Die Studie lieferte dem Marie-Meierhofer-Institut wichtige Erkenntnisse. Zum Beispiel bestätigte sie die Vermutung, dass es zwischen den Schweizer Krippen riesige Unterschiede gibt, auch was den zentralen Punkt der pädagogischen Qualität betrifft. «Manche Kitas leisten hervorragende Arbeit. Anderen fehlt es am Bewusstsein oder am Personal, um sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen», sagt Heidi Simoni. Diese Diskrepanz beobachtet auch Bildungsforscherin Stamm: «Es gibt Krippen, die noch im Denken verhaftet sind, die Körperpflege und das Hüten der Kinder sei das Wichtigste.» Talin Stoffel, Geschäftsführerin des Krippenverbands Kitas kann diese Kritik nachvollziehen: «Jahrelang ging es vor allem darum, genügend Plätze zu schaffen. Die pädagogische Qualität stand unter diesem Druck zu wenig im Fokus.»

Was unter pädagogischer Qualität zu verstehen ist, ist aus wissenschaftlicher Sicht relativ klar: Vorgegebene Aktivitäten wie gemeinsames Basteln sind für Kleinkinder noch nicht so wichtig; überhaupt keinen Sinn macht es, sie bereits in Kulturtechniken einzuführen. Da Kinder im Krippenalter hauptsächlich informell lernen, gilt es, ihnen Spielmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, die ihrem Entwicklungsstand und ihren Interessen entsprechen. Ziel ihres Spiels ist es letztlich, zu begreifen, wie die Welt funktioniert.

Dabei ist es für die Entwicklung der Kinder positiv, wenn die Erzieherinnen dem Tun der Kinder Interesse entgegenbringen und ihnen ihre Beobachtungen spiegeln. Genau das bezweckt das Marie-Meierhofer-Institut mit seinem Projekt. Die getesteten Krippen führten ein Konzept namens Bildungs- und Lerngeschichten ein, dessen Ziel es ist, jedes Kind regelmässig zu beobachten. Die Erkenntnisse werden mit dem Kind besprochen und in einem Portfolio notiert. In einer zweiten Testserie zeigte sich, dass sich das Konzept auf die pädagogische Qualität positiv auswirkt.

Überraschend für die Forscherinnen war in der zweiten Testserie die Erkenntnis, dass sich allein die erhöhte Sensibilisierung für Qualitätsfragen positiv auswirkt. Zu Kontrollzwecken führten einige der teilnehmenden Krippen das Konzept erst nach der zweiten Testserie ein. Aber auch sie verbesserten sich vom ersten zum zweiten Test. Zwar erreichte im zweiten Test noch keine Krippe ein «gut», aber nur noch drei waren unzureichend.

Lasche Aufsicht

Aus den bisherigen Erkenntnissen leiten die Fachfrauen auch einige Forderungen an Gesellschaft und Politik ab:

  • Für die Arbeit an pädagogischen Konzepten braucht es nach Ansicht von Talin Stoffel mehr tertiär ausgebildetes Personal, denn dafür ist mehr Wissen nötig, als die Berufslehre vermitteln kann.
  • Bezüglich Infrastruktur und Gruppengrössen ist das Gesetz pingelig. Aber zur pädagogischen Qualität fehlen jegliche Vorgaben. Auch die Aufsicht ist nach Ansicht von Heidi Simoni verbesserungsfähig: Vielerorts fehle es den Aufsichtspersonen an Ausbildung, die Kompetenzen seien unklar oder es stehe zu wenig Zeit zur Verfügung.
  • Auf dem Land spielt der Markt unter den Krippen noch kaum: Dort braucht es mehr Plätze. In Städten ist der Markt hingegen oft verzerrt, weil nur ein Teil der Kitas subventioniert wird. Beides kann zur Folge haben, dass auch ungenügende Krippen ausgelastet sind.
  • Für Eltern ist die Qualität einer Kita kaum beurteilbar. Die Uni Freiburg plant aus diesem Grund einen Leitfaden für Eltern. Und sie arbeitet im Auftrag vom Krippenverband Kitas und der Stiftung Jacobs Foundation ein Qualitäts-Label für Kitas aus.

Erstellt: 28.01.2012, 18:17 Uhr

Gute Tagesstätten

Für eine Betriebsbewilligung müssen Krippen bloss strukturelle Kriterien erfüllen: Die Qualifikation und Zahl der Angestellten,
die Grösse der Räume und die Anzahl Kinder sind festgelegt. Über diese Minimalstandards hinaus wissen Eltern oft wenig über
die Qualität einer Krippe. Ein Label soll nun Transparenz schaffen.

Mit dem Qualitätslabel sollen ab 2013 in der Schweiz einheitliche und umfassende Qualitätsstandards eingeführt werden. Entwickelt werden diese unter der Leitung von Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg. Ähnlich wie bei der Bewertung von Hotels mittels Sternen soll auch das Krippenlabel mehrstufig sein.

Die erste Qualitätsstufe gibt es für die Erfüllung der Betriebsbewilligung, weitere Stufen kommen hinzu für Lern- und Entwicklungsaktivitäten, Beziehungspflege zwischen Betreuerin und Kind, Elternarbeit, Gesundheit und Ausstattung. Das Label soll auch über das Profil einer Krippe informieren, indem es diese beispielsweise für ihren musischen Bereich oder ihre Arbeit punkto Integration auszeichnet.

Der Verband Kindertagesstätten der Schweiz (Kitas) und die Jacobs Foundation stehen gemeinsam hinter dem Qualitäts­label. Kitas vertritt rund 500 Verbandsmitglieder. Die Jacobs Foundation ist eine der grössten europäischen Stiftungen im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung mit einem Jahresbudget von rund 35 Millionen Franken. Sandro Giuliani, Programmverantwortlicher der Stiftung, bezeichnet es als sinnvoll, die Qualitätsdiskussion von privater Seite zu lancieren: «Kleinkind-Betreuung wird heute bloss aus der Kostenperspektive betrachtet. Für eine Qualitätsdiskussion fehlt es derzeit noch an einer breiten politischen Bereitschaft.» (mom)

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