Lara Gut und das Problem der Qualitätszeitungen

Aussagen von Lara Gut zu Sotschi wurden auf dem Online-Portal der FAZ von den Lesern mit fragwürdigen Kommentaren versehen. Chefredaktor Mathias Müller von Blumencron nimmt Stellung.

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Sie habe angesichts der Berichte über Bombenanschläge gemischte Gefühle nach Sotschi zu reisen, sagte Lara Gut vor zwei Wochen zur «SonntagsZeitung»: «Wenn ich zwölfmal durch einen Metalldetektor gehen muss, um ein Rennen zu fahren, ist das nicht das, was ich mit den Olympischen Spielen verbinde.»

Zur Frage, ob Sportler sich zu politischen Themen äussern sollten, meinte sie: «Wir Athleten haben nicht die Aufgabe, den Russen zu sagen, ihr macht alles falsch. Aber auch nicht nur: Es ist genial, wir freuen uns.» Der Sport solle bei der Vergabe von Grossanlässen wieder mehr im Vordergrund stehen.

«Gehirngewaschenes Geschwafel»

Die Aussagen Guts wurden von der Nachrichtenagentur DPA aufgegriffen und gelangten so auf faz.net die Online-Ausgabe der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Dort reichten diese wenigen und kaum reisserischen Sätze bei einigen Lesern aus, sich gehörig im Tonfall zu vergreifen. Als «gehirngewaschenes Geschwafel einer hübschen Skibunny», bezeichnete sie ein Leser beispielsweise und erreichte damit über hundert Leserempfehlungen. Ein anderer empfiehlt Lara Gut, weshalb auch immer, sich ein Beispiel an osteuropäischen und asiatischen Frauen zu nehmen.

Für ein Qualitätsmedium wie die FAZ seien solche unsachlichen oder ehrverletzenden Kommentare ein Problem, schreibt nun die deutsche Ausgabe der «Huffington Post». Die Leserbriefe der Print-Ausgabe seien häufig fundierte Standpunkte von Experten, online sähe das ganz anders aus: «Beschimpfungen, logische Verdrehungen, Stilblüten – hier tobt sich aus, wer sich berufen fühlt.» Als Zeitung, die damit wirbt, über eine besonders kluge Leserschaft zu verfügen, würde Faz.net mit solchen Kommentaren auch in besonderem Masse die eigene Glaubwürdigkeit untergraben.

Eine grosse Herausforderung

Was sagt die FAZ selbst dazu? «Leider sind einige Leser bei der Kommentierung dieses Artikels zu weit gegangen, haben die Grenzen des guten Stils überschritten», sagt Mathias Müller von Blumencron, Chefredaktor digitale Medien bei der FAZ, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Das Thema Online-Kommentare sei eine grosse Herausforderung: «Der Mitteilungsdrang der Leser wächst stetig, in vielen Fällen entstehen daraus starke Debatten. Doch manchmal entgleisen die Diskussionen, genauso wie in der Offline-Welt.» Ein Dilemma, das sämtliche Medien – auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet – bereits hinlänglich beschäftigte: Auf die häufig wertvollen und interessanten Beiträge der Leser verzichten will man nicht, zu viel zensieren auch nicht, aber Pöbeleien unter der eigenen Marke ebenso wenig.

Bei Onlineportalen wie der FAZ undTagesanzeiger.ch/Newsnet werden die Kommentare vorab gesichtet. Die Freischalter leisten einen schwierigen Job: «Hier bei Newsnet kommen circa 2000 Kommentare pro Tag an», sagt Albert Kessler, der neben zwei weiteren Mitarbeitern bei Newsnet für das Lesen und Freischalten der Kommentare verantwortlich ist. «Wir sind allerdings auch nur Menschen und manchmal rutschen uns Kommentare durch, welche die Netiquette verletzen. Vermutlich ist das bei der FAZ so passiert.»

«Es scheint ein mühsamer Lernprozess für alle Beteiligten zu sein, aus der revolutionären Möglichkeit, dass das Publikum nicht nur hinnehmen muss, sondern teilnehmen darf, einen tatsächlichen Gewinn zu schöpfen», schrieb Medienjournalist Stefan Niggemeier bereits vor fünf Jahren auf Faz.net. «Das beste Mischungsverhältnis aus Anarchie und Kontrolle wird gerade in schmerzhaften Operationen am lebenden Objekt probiert.»

«Es ist nicht einfach, die richtige Linie zu finden: Wir wollen ein hohes Debattenniveau, aber eben auch keine Zensur». sagt Mathias Müller von Blumencron. Man könne dabei keine abstrakten Grenzen ziehen. Zumindest etwas Positives zieht die Sache nach sich: «Der Fall wird uns einmal mehr Anlass geben, das Checking zu überprüfen.»

Erstellt: 03.02.2014, 22:24 Uhr

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