Lasst die Kinder doch einfach machen

Helikopter-Eltern kontrollieren ihre Kinder in jeder Lebenslage – und mischen sich ständig ein. Das schadet der Entwicklung des Nachwuchses, wie eine neue Untersuchung belegt.

Elterliche Überfürsorge kann ein Kind hemmen, eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Foto: Jim Erickson (Plainpicture)

Elterliche Überfürsorge kann ein Kind hemmen, eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Foto: Jim Erickson (Plainpicture)

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Wenig fällt Eltern so schwer, wie ihre Kinder einfach mal in Ruhe zu lassen. Zähne putzen! Und setz dich richtig hin, wenn du isst! Pass auf, das ist ein Glas, wenn das runterfällt, kannst du dich schwer verletzen. Nimm lieber den Plastikbecher. Zieh deine Schuhe an, nein, nicht die, es ist Sommer, da werden Sandalen angezogen!

So nörgeln sich Mütter und Väter vom ersten Weckerklingeln an durch den Tag mit ihren Töchtern und Söhnen. Wenn der morgendliche Wahnsinn überstanden ist, treiben sie ihren Nachwuchs raus ins Auto, fahren zur Schule und regen sich über die anderen Eltern auf, die dort mit ihren Offroadern die Tempo-30-Zone verstopfen (so gefährlich!). Wenn sie dann noch immer nicht loslassen können, eskortieren sie die Kleinen bis ins Klassenzimmer – vorbei an Schildern, die darauf hinweisen, die Kleinen bitte nicht weiterzubegleiten.

Eltern befehlen andauernd

Als Helikopter-Eltern werden Mütter und Väter gerne bezeichnet, die jeden Schritt und Tritt ihrer Kinder kontrol­lieren und immer sofort eingreifen, sobald das kleinste Problem am Horizont erscheint. Die Kinder profitieren von dieser Art elterlicher Überfürsorge jedoch nicht, wie eine aktuelle Studie im Fachmagazin «Developmental Psychology» zeigt. Entwicklungspsychologinnen um Nicole Perry von der University of Minnesota in Minneapolis demons­trieren, dass Helikopter-Eltern die Entwicklung ihrer Kinder wahrscheinlich sogar hemmen.

Die Wissenschaftlerinnen begleiteten mehr als 420 Kinder über einen Zeitraum von acht Jahren. Im Alter von zwei, fünf und zehn Jahren wurden die Mädchen und Jungen von den Psychologinnen beobachtet: Die Forscherinnen analysierten, wie Eltern und Kinder miteinander umgingen, holten Einschätzungen der Lehrer ein und baten die Zehnjährigen um Selbsteinschätzungen.

Zum Beispiel sahen sich die Forscherinnen an, wie Eltern zusammen mit ihren zweijährigen Kindern spielten. «Helikopter-Eltern gaben ihren Kindern dabei permanent Anweisungen», sagt Perry, «und sagten ihnen, womit sie spielen sollten, wie sie mit einem Spielzeug zu spielen hätten, wie anschliessend aufzuräumen sei, oder belehrten sie auf andere Weise.»

Die Kinder reagierten auf unterschiedliche Weise: Einige wurden aufsässig und trotzig, andere apathisch und frustriert. Die Kinder kontrollwütiger ­Eltern zeigten im Alter von fünf Jahren eine deutlich verminderte Fähigkeit, ihre Emotionen und Impulse zu regulieren. Und es waren auch jene Kinder, die weitere fünf Jahre später in der Schule eher auffälliges Verhalten zeigten und zum Beispiel den Klassenclown gaben oder Schwierigkeiten hatten, sich zu konzentrieren.

Selber lernen ist wirkungsvoller

Die Studie belege keinen kausalen Effekt, so die Forscherinnen, es handele sich lediglich um eine Korrelation. Doch erscheine ein Zusammenhang naheliegend. Tatsächlich finden sich in der Forschungsliteratur zahlreiche Studien mit Hinweisen darauf, wie sich ein überengagierter Erziehungsstil auf die Entwicklung der Kinder auswirken könnte. So zeigten Söhne und Töchter besonders kontrollierender Mütter Schwierigkeiten, ihre Gefühle und Impulse in den Griff zu bekommen. Und sie gaben rascher auf, wenn sie beim Spiel oder bei einer Aufgabe nicht sofort erfolgreich waren.

Mit Frust umzugehen und unpassende Handlungsimpulse zu kontrollieren, lernen Kinder am besten, wenn sie sich selbst ausprobieren können und sie autonom handeln dürfen. Wer seine Kinder stets vor solchen Herausforderungen bewahre, schreiben die Psychologinnen in ihrer Untersuchung, raube ihnen die Chance, eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Das liegt tatsächlich auf der Hand: Wer sein Kind niemals alleine zur Schule gehen lässt, darf auch nicht erwarten, dass es plötzlich ohne Furcht losmarschiert, den Weg kennt und sich selbstverständlich durch den Verkehr bewegt. Das Gleiche gelte auch im sozialen Kontext, so Nicole Perry. Mit anderen zu teilen, lernen Kleinkinder demnach nicht, indem Vater oder Mutter sie jedes Mal dazu auffordern. Nur wenn Kinder selbst Strategien in solchen Situationen ausprobieren dürfen, lernen sie auch mit den dazugehörigen Emotionen umzugehen – mit Frust, Furcht, Neid oder was auch immer während der Kindheit durch den Kopf saust.

Lernen Kinder, mit ihren Gefühlen umzugehen, ist das mit zahlreichen positiven Entwicklungen assoziiert, auch das haben Studien gezeigt. So korreliert diese emotionale Fähigkeit mit besserer psychischer und physischer Gesundheit, weniger auffälligem Verhalten, stabileren sozialen Beziehungen –gepaart mit der Fähigkeit, sich in der Schule zu integrieren und einzubringen.

Das alles mündet in einen einfachen und doch schwer umzusetzenden Erziehungstipp: Lasst Kinder doch einfach machen! Wer will, dass die Kleinen mit dieser verwirrenden, herausfordernden Welt zurechtkommen, sollte sie einfach ihr eigenes Ding erleben lassen.

Erstellt: 20.06.2018, 23:08 Uhr

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