Latrine mit Charakter

Weshalb es die Pfadfinder mehr denn je braucht.

Pfadi bedeutet Freiheit und Abenteuer: Das würde allen guttun.

Pfadi bedeutet Freiheit und Abenteuer: Das würde allen guttun. Bild: Ruedi Widmer/Tages-Anzeiger

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Die Pfadi sei in der Krise, so war diese Woche zu lesen. Die Organisation ­verliere Mitglieder, und zwar ­deshalb, weil sie im Widerspruch zum Zeitgeist stehe, hiess es: ­Jugendliche zögen heute unver­bindliche Freizeitaktivitäten vor, Erwachsene scheuten das ehrenamtliche Engagement, und Migrantenkindern sei das Pfadi-­Konzept ohnehin fremd.

Das ist jammerschade, aber kein Grund, seine Kinder nicht in die Pfadi zu schicken. Im Gegenteil. Schon zu meiner Zeit Ende der 80er-Jahre entsprach die Pfadi nicht dem Zeitgeist. «Du besuchst eine paramilitärische ­Jugendbewegung?», schauderten meine Freunde, «in Uniform?» Aber die hatten keine Ahnung. Treffender erfasste es mein Vater, selber ehemaliger ­Pfader: «Allzeit bereit, zum Fressen und zum Streit. Das bildet den Charakter.»

Freiheit und Abenteuer

Nun sollten Kinder den Eltern, die ihren Charakter bilden wollen, ­grundsätzlich misstrauen. Ausser wenn sie dieses Vorhaben an die Pfadi ­delegieren. Und damit sozusagen ­ihnen selbst überlassen. Denn Pfadi bedeutet Freiheit und Abenteuer: der ­Initiationsritus der Taufe, einen eigenen ­Pfadi-Namen bekommen, Gruppen ­bilden, gegeneinander antreten, dann wieder zusammen Lieder singen – das machte vor allem Spass. Und dann das praktische Wissen: wie man mit einem Sack Mehl ein paar Tage im Wald überlebt, auf offenem Feuer kocht, per Morsealphabet kommuniziert und mit Karte und Kompass umgeht.

Charakterbildung kam vor allem in den zweiwöchigen Sommerlagern nicht zu kurz: Zweitagesmärsche unternehmen und sich durchbeissen, auf einer Wiese biwakieren, ­tapfer den mit Wasser verdünnten ­Kakao schlucken und weiches Ruchbrot mit Erdbeermarmelade aus Jumbotöpfen bestreichen. Und wenn der Gang zur fliegenverseuchten Latrine den Charakter nicht bildet, ist auch sonst nichts mehr auszurichten.

Vor allem aber gehören die Lager zu meinen schönsten Jugenderinnerungen – abgesehen von der Latrine. Und nicht zuletzt dürften sich auch meine Eltern über die Freiheit gefreut haben, die Kinderbande im Sommer mal für zwei Wochen los zu sein. So gesehen widerspricht die Pfadi dem Zeitgeist keineswegs, sondern ist nötiger denn je: Etwas mehr Charakter, Abenteuer und Freiheit würde uns allen guttun.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.04.2014, 23:29 Uhr

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