«Leider dürfen wir die Autos oft nicht kaputt machen»

Seit 30 Jahren lässt sich die Stuntfrau Daniela Stein überfahren und anzünden. Zu erkennen ist sie aber nie.

Daniela Stein wirkte schon in über 300 Filmen mit, etwa in «Inglourious Basterds» von Quentin Tarantino. Foto: Regina Schmeken

Daniela Stein wirkte schon in über 300 Filmen mit, etwa in «Inglourious Basterds» von Quentin Tarantino. Foto: Regina Schmeken

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Wie viel müssten wir bezahlen, dass Sie hier vom Dach springen?
Da müssen wir erst einmal schauen, wie hoch das ist. Acht Meter? Das ist nicht so wild. Das macht in Deutschland einen Tagessatz von 900 Euro netto.

Das geht ja noch.
Da kommt aber noch mehr dazu. Ich brauche Kartons, in die ich springe, zwei Assistenten, die mir beim Aufbau helfen. Damit kämen wir auf etwa 4000 Euro. Der Preis hängt aber auch davon ab, wie ich runterfallen muss.

Das heisst?
Ich musste mal als Selbstmörderin von einem Haus fallen. Da konnte ich also nicht fallen wie ein Action-Star und erst relativ spät den Überschlag einleiten. Ich bin gebückt in den Kartons gelandet, das war unangenehm. Oft stehe ich auch mit dem Rücken zum Abgrund. Aber das mag ich eigentlich ganz gerne.

Weh tut es immer?
Unterschiedlich. Der Trick ist, dass man entspannt bleibt, wie kleine Kinder, die sich ja auch meist nicht wehtun. Deshalb brechen sich auch immer Leute was, die Angst haben. Die verkrampfen.

Sind Sie abergläubisch?
Ich glaube an eine selbsterfüllende Prophezeiung. Einmal sah ich vor einem Stunt am Drehort einen Leichenwagen. Da schluckt man schon. Ich dachte mir, wenn dieser Stunt klappt, ist das Schicksal. Seitdem weiss ich, Leichenwagen bringen mir Glück. Früher wohnte ich neben einem Beerdigungsinstitut. Da bin ich vor der Arbeit oft extra vorbeigefahren. Man verarscht sich selbst.

Welches sind die besten Aufträge?
Alles mit Motorrädern und Autos. Ich habe schon mit zwölf meinem Bruder das Moped weggenommen. Vor ein paar Wochen war ich in Spanien und bin mit einem nagelneuen Porsche gefahren, das war einer der geilsten Jobs, die ich je hatte. Ich musste durch ganz enge Gassen fahren, um Kurven driften und über eine Brücke springen. Leider dürfen wir die Autos oft nicht kaputt machen. Zwei kleine Kratzer waren am Ende im Lack.

Haben Sie sich schon verletzt?
Meine Schienbeine sind komplett vernarbt, denn wenn ich Frauen double, muss ich oft Kleidchen tragen und kann nicht so grosse Schützer anziehen. Aber sonst hatte ich meist Glück. Ausser einmal, da hat mich bei einer Explosion in einem Auto ein Splitter über der Nasenwurzel getroffen. Der Pyrotechniker sollte die Scheibe sprengen, hatte die Ladung aber zu stark dosiert und zu nah an mir eingebaut. Ich habe mich auf den Pyrotechniker verlassen, das war mein Fehler. Heute frage ich zehnmal nach.

Haben Sie eine Berufsunfähigkeitsversicherung?
Nein. Die lehnen ja schon Leute ab, die Hochrisikosportarten machen. Und wenn einen doch eine Versicherung aufnehmen würde, wären die Prämien zu hoch. Ich bin in der Berufsgenossenschaft, die würde zahlen, wenn ich behindert wäre oder mich verletze.

Sie wollten schon mit 14 Stuntfrau werden. Haben Ihre Eltern versucht, Ihnen das auszureden?
Natürlich. Mein Vater fand es zwar doch ein bisschen toll, dass ich das machen will. Er hatte aber Angst, dass der Job zu unseriös ist.

Haben Sie je überlegt aufzuhören?
Vor einigen Jahren kam ich an so einen Punkt. Im Filmgeschäft gerät man immer wieder an Arschlöcher, die nicht glauben können, dass auch Frauen die Flugbahn eines Autos präzise berechnen können. Da stehen dann zehn Männer und sagen: «Ach, wirklich?»

Wie reagieren Schauspieler, wenn Sie deren Szenen übernehmen?
Für manche ist das ein echtes Problem. Ich bin mal für einen deutschen Schauspieler LKW gefahren, der hat sich tierisch aufgeregt und nicht mehr mit mir gesprochen.

Sind viele so schwierig?
Je bekannter, desto netter, das gilt gerade für US-Schauspieler. Und Iris Berben bedankt sich sogar immer. Ganz schlimm sind mittelmässige deutsche männliche Schauspieler, Katastrophe. Eine Darstellerin schickte mich auch mal weg und wollte ihr Auto selbst parkieren. Die fuhr dann mit Karacho gegen eine Laterne. Ich dachte mir: Geschieht dir recht. Schauspielerei und Stunts sind zwei völlig unterschiedliche Sachen. Warum sollte man erwarten, dass die einen den Job des anderen ebenso gut können?

Übernimmt nicht der Computer immer mehr von Ihrem Job?
Wir haben das befürchtet. Aber bis heute werden wir immer noch gebraucht, auch wenn mehr getrickst wird – es wird im Studio gedreht, die Stuntleute hängen an Seilen. Die Stunts werden also einfacher. Ein viel grösseres Problem sind für uns die neuen Autos. Bei vielen kann man die Assistenzsysteme nicht mehr ausschalten, wir können nicht mehr so gut schleudern oder die Reifen durchdrehen lassen.

Wie lange wollen Sie den Job überhaupt noch machen?
Das werde ich immer gefragt. In den USA habe ich einen Stuntman erlebt, der hatte schon 1975 bei «Einer flog übers Kuckucksnest» von Miloš Forman mitgearbeitet. Der war inzwischen bestimmt 70 Jahre alt. Und manche Drehs sind ohnehin nicht so anspruchsvoll, neulich musste ich einfach nur geradeaus fahren.

Warum das denn?
Das ist so, wenn die Schauspieler nicht fahren wollen oder können. Ich musste auch mal im See schwimmen. Die Schauspielerin wollte sich nicht erkälten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2017, 23:13 Uhr

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