Reportage

Liebe im Dreieck der Polygamie

Patchworkfamilien, Affären, offene Beziehungen – heute ist alles möglich. Aber wie ist es, wenn der Mann eine zweite Ehefrau nach Hause bringt? Zwei junge Frauen aus Beirut erzählen.

«Ich erlaube keinen Streit in meinem Haus»: Wissam, fünffacher Vater, mit seinen beiden Gattinnen.

«Ich erlaube keinen Streit in meinem Haus»: Wissam, fünffacher Vater, mit seinen beiden Gattinnen. Bild: Reuters

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Rawan hat fragende Augen und ein schönes, ebenmässiges Gesicht. Sie empfängt den Besuch mit Neugier, gibt sich aber zurückhaltend. Mit ihren 23 Jahren ist sie bereits seit sieben Jahren verheiratet und dreifache Mutter, alles Söhne. Hady, der Älteste, ist sieben, Tarek drei und Mohamad ist ein Jahr alt. Er saugt noch an der Mutterbrust. Amal steht neben Rawan. Sie ist selbstbewusster. Die 25-jährige trägt Zwillinge unter ihrem Herzen, ebenfalls Jungen. Die beiden Frauen teilen sich alles, was man sich nur teilen kann, obwohl sie nichts gemeinsam haben. Ausser ihrem Mann. (Lesen Sie auch: «Männer müssen fremdgehen»)

Acht Menschen in drei Zimmern

Rawan und Amal sind beide mit Wissam verheiratet. Die bald achtköpfige Familie lebt in einer engen Dreizimmerwohnung in Sabra und Shatila, einem der grössten Palästinenserlager des Libanon. Der Weg nach Hause zu Rawan, Amal und Wissam führt durch viele enge und feuchte Gassen, Stromkabel hängen herunter, Wasserleitungen tropfen, überall sind Menschen. Zweifellos hat hier alles seinen Platz, aber eine Ordnung gibt es hier nicht. Die junge Familie wohnt im obersten Stock eines wackelig wirkenden Familienhauses. An den steilen Treppen fehlen die Geländer, die Wände sind undicht. Das Wohnzimmer ist mit einer wuchtigen Polstergruppe möbliert, im Fernsehen läuft eine türkische Soap, und das grosse Aquarium ist zwar mit Wasser gefüllt, aber Fische schwimmen nicht darin. «Sie sind gestorben, aber wir haben noch Tauben auf dem Dach», erklärt Amal. «Wir mögen Tiere.» Sie ist die Wortführerin der Familie. Rawan, die Erstfrau, ist schüchtern, Wissam, der Chef, nervös. Er hört erst auf, mit dem Bein zu wippen, als das Aufnahmegerät nicht mehr läuft. Für Fotos will er erst recht nicht posieren, unter keinen Umständen! Es ist Amal, die ihn geschickt zu einem Familienporträt überredet. «Lass uns die Bilder machen! So können die Leute in Europa sehen, dass wir eine glückliche Familie sind.»

Sind sie das wirklich? Wie funktioniert diese Ehe? «Gut», sagt Amal. «Ja», sagt Rawan. «Wir haben keine Probleme», sagt Wissam. Keine Eifersucht? Nie Gezanke? «Dazu gibt es keinen Grund», sagt Amal. «Nein», sagt Rawan. «Ich erlaube keinen Streit in meinem Haus», sagt Wissam. Die Frauen zählen die Vorteile der Dreieckskonstellation auf: Es ist immer jemand zu Hause, mit dem man sich die Arbeit teilen kann, und zur Not eilt die eine der anderen Frau zu Hilfe, wenn Wissam wütend wird. Das kann schon einmal vorkommen, zum Beispiel wenn Rawan die Wäsche ihres Mannes nicht ordentlich zusammengefaltet hat. Dann beruhigt Amal ihn und nimmt die erste Frau ihres Mannes in Schutz. Sie sei froh, dass Amal ins Haus gekommen sei, sagt Rawan. (Lesen Sie auch: «Weshalb ein Mann nur eine Frau heiraten darf»)

Rawan wollte nie die zweite Frau sein

Als junges Mädchen habe sie sich ihr Eheleben aber nicht so vorgestellt, räumt Rawan ein. Dass sie das Schlafzimmer ihres Mannes im Turm mit einer anderen teilen soll, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Aber sie wurde ja nicht gefragt, sie wusste nichts von der Absicht ihres Mannes, eine zweite Frau zu heiraten. Rawan war hochschwanger mit ihrem dritten Kind, als Wissam ihr von Amal erzählte. Wenige Tage später stand die neue Frau mit ihren Koffern vor der Haustür und zog ein. Das sei sehr schwierig gewesen für sie, erinnert sich Rawan. Einen Monat lang habe sie kein einziges Wort mit den beiden anderen gesprochen. Kein einziges. Auch mit sonst niemandem. Mit wem denn auch? Ihre Eltern leben in der Türkei, sie hat weder Freunde noch Familie in Sabra und Shatila.

«Ich wollte meinen Mann nicht teilen»

Auch Amal stellte sich ihr Eheglück anders vor. In ihrer Verwandtschaft gibt es keine polygamen Familien. Als sie ihren Mann kennen lernte, wusste sie aber – im Gegensatz zu Rawan –, was da auf sie zukommen würde. Manchmal nahm Wissam sogar seinen ältesten Sohn mit zu den Verabredungen. «Ich wollte meinen Mann nicht teilen. Aber als ich Wissam kennen lernte, war es Liebe. Was sollte ich tun?» Dennoch gesteht sie, dass sie es sich einfacher vorgestellt hatte. Auch für sie sei es ein aufwühlender Anfang gewesen. «Einerseits freute ich mich so sehr auf meine Zukunft mit Wissam, auf meine eigene Familie. Aber andererseits belastete es mich natürlich zu sehen, wie Rawan leidet.» Irgendwann hat sich das Zusammenleben scheinbar eingependelt. Mittlerweile haben sich die zwei jungen Frauen aneinander gewöhnt, sich lieb gewonnen, sagen sie.

Wissam hat weder aus religiösen Gründen noch aus Tradition mehrere Frauen geheiratet. Es sei halt einfach so passiert: «Die Familie von Amal waren unsere Nachbarn. Wir sind uns immer wieder über den Weg gelaufen. Dabei haben sich unsere Blicke gekreuzt, und wir haben uns verliebt», erinnert er sich. Er ist der Einzige in der Nachbarschaft, der sich mehrere Frauen genommen hat, dafür muss er sich von anderen Männern Hohn gefallen lassen. Als Rawan, die erste Frau, in der Küche verschwindet, um den starken türkischen Kaffee aufzubrühen, erklärt er sich: «Als ich ein Junge war, war ich viele Jahre in ein Mädchen verliebt. Aber die Eltern des Mädchens waren gegen eine Hochzeit. Rawan war damals die Freundin dieses Mädchens. Also habe ich Rawan geheiratet, um die andere eifersüchtig zu machen. Bei Amal war es einfach Liebe.» Amal lächelt. Sie weiss, dass sie die eigentliche Frau von Wissam ist. (Lesen Sie auch: «Eine Leidenschaft, die Leidenschaft»)

«Ich lasse mir nicht anmerken, wenn ich eifersüchtig bin»

Wissam gehört nicht gerade zu den einfühlsamen Frauenverstehern, «trotzdem habe ich natürlich gemerkt, dass es Amal traurig machte, wenn Rawan bei mir im Schlafzimmer war». Aber so funktioniere das halt nicht, wendet Amal selbst ein. «Deshalb lasse ich mir jetzt nicht mehr anmerken, wenn ich eifersüchtig bin.» Bald erblicken die Zwillingsbuben von Amal das Licht der Welt. Sie freut sich auf ihre ersten Kinder. Aber sie werde deswegen die Jungen von Rawan nicht weniger lieben. «Wissams Kinder sind auch meine Kinder», sagt sie. Wissam ist stolz – fünf Jungs, das ist keine schlechte Leistung. Wissam selbst kommt aus einer kinderreichen Familie, seine Familienplanung ist noch nicht abgeschlossen. «Ich will mindestens noch eine Tochter, um den Namen meiner Mutter weiterzugeben», sagt er kettenrauchend. Amal und Rawan, die wieder auf einem der Sofasessel sitzt und den Kleinsten im Arm wiegt, blicken sich kurz an. Sie wollen keine Kinder mehr. «Aber er ist der Mann, er entscheidet», sagen beide einhellig. Wissam hat ein effizientes Druckmittel: «Wenn ich mit meinen Frauen nicht mehr zufrieden bin und ich mich in eine andere verliebe, dann heirate ich eben ein drittes Mal.»

Und das wollen Rawan und Amal tunlichst vermeiden. Schon aus Vernunftgründen: «Klar gibt es manchmal kleine Meinungsverschiedenheiten. Aber wir schreien uns nie an. Zu zweit kann man sich da absprechen, aber zu dritt wird es unmöglich», erklärt Amal. Und Rawan sagt, sie habe sich jetzt gut mit Amal arrangiert, das reiche. Falls sie eines Tages Töchter haben sollten, wollen sie ihnen die freie Wahl lassen, ob sie sich auf einen polygamen Mann einlassen oder nicht. Aber der siebenjährige Hady weiss schon jetzt, wie viele Frauen er eines Tages heiraten will: «Zwei!»

Ist Polygamie eine legitime Beziehungsform? Oder eine Unterdrückung der Frau? Diskutieren Sie mit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.05.2013, 21:19 Uhr

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Das Flüchtlingslager, in dem Wissam mit seinen Frauen und Kindern lebt, wurde 1949 vom Internationalen Roten Kreuz im Süden Beiruts aus dem Boden gestampft, um den Strömen palästinensischer Flüchtlinge ein provisorisches Dach zu bieten. Alle vermuteten, sie würden so schnell wie möglich wieder nach Hause können, auch die Palästinenser selbst. Doch es kam anders. Das Lager ist längst kein Lager mehr, sondern ein überquellendes Quartier, in dem bereits die sechste Generation der ehemaligen Flüchtlinge lebt. Mittlerweile haben sich auch Libanesen, Syrer und andere dort eingemietet.
Tragische Berühmtheit erlangte Shatila auch, weil es zum Schauplatz eines der brutalsten Massaker des libanesischen Bürgerkrieges wurde: Im Herbst 1982 drangen christliche Milizen in das Lager ein und erschossen Tausende Frauen, Kinder und unbewaffnete Männer. Lange Zeit durfte die libanesische Armee keinen Fuss nach Sabra und Shatila setzen, stattdessen hatte die Palästinenserorganisation Fatah dort das Sagen. Das hat sie immer noch.

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