Lieber Klumpen

Max Küng, Reporter und Kolumnist von «Das Magazin», schreibt einen Brief über Buchstabenglück und Pech mit Autos.

Mein Gegner hatte «Öffi» gelegt. Ich rannte ins Wohnzimmer, griff den Duden. Ich weiss, dass die Welt voller Fehler ist. Foto: Skitterphoto (Pexels)

Mein Gegner hatte «Öffi» gelegt. Ich rannte ins Wohnzimmer, griff den Duden. Ich weiss, dass die Welt voller Fehler ist. Foto: Skitterphoto (Pexels)

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Es kam früh in den Morgennachrichten: Der Autohersteller Toyota sah sich gezwungen, in Übersee eine grosse Rückrufaktion wegen fehlerhafter Airbags zu starten. Die Airbags könnten bei Unfällen nicht ausgelöst werden. Fatal!

Die Nachrichtensprecherin fuhr fort: Honda startet ebenfalls eine Rückrufaktion. Deren Airbags könnten versehentlich ausgelöst werden. Fatal! Immer diese Autos, machen nichts als Ärger, dachte ich, während die Kaffeemaschine keuchend lachte.

Ich griff zur Zeitung: Mercedes war wie andere Automarken einst in den Dieselbetrugssumpf geraten, die Modelle der C-Klasse wurden in der Folge in den Garagen nachgebessert, mit einem Software-Update versehen. Nun aber stossen sie offenbar noch mehr Dreck aus als zuvor!

Ich griff zu einer anderen Zeitung. Auch die dieselgangstermässig bisher mit weisser Weste dastehende Marke Volvo gerät in den Schlamassel. Man mache sich bei Volvo eventuell das «Thermofenster» auf mehr als legale Art und Weise zunutze, stand da.

Mein Volvo tat so, als wisse er von nichts.

Ich blickte aus dem Küchenfenster. Leichter Schneefall hatte eingesetzt. Mein Volvo auf dem Parkplatz tat so, als wisse er von nichts. Ganz unschuldig stand er mit angelegten Rückspiegeln in der Dunkelheit.

Dabei hatte ich mir die Wahl damals beim Occasionshändler nicht einfach gemacht. Diesel oder Benziner? Im «Magazin» (in der brillanten Klimasondernummer 13/2019; hier gehts zur Online-Umsetzung) schrieb mein geschätzter und durch und durch vertrauenswürdiger Kollege Mathias Plüss, der Diesel sei besser als sein Ruf. Er produziere weniger Kohlendioxid als der Benziner. Das sei besser für das Klima. Hingegen: Der Benziner sei besser für unsere Atemluft. Luft versus Klima. Es gelte abzuwägen.

Man könnte anfangen zu verzweifeln, wäre man nicht längst daran zu verzweifeln, dachte ich, als ich am Kaffee nippte, der schon kalt geworden war. Ja, es ist alles gerade nicht so einfach.

Also klappte ich meinen Laptop auf und suchte Trost bei Scrabble. Du weisst ja, ich spiele seit Jahren online gegen denselben Gegner nach einem komplexen Modus Turniere, die damit enden, dass der Verlierer den Bezwinger generös zum Mittagessen einladen darf, welches der Eingeladene nach eigenem Gutdünken so ruinös wie möglich zu gestalten versucht, was meiner Erfahrung nach am einfachsten mit der finalen Frage nach der Digestifkarte erreicht werden kann.

Wird mein Computer von Hackern ferngewartet?

Mein Gegner hatte «Öffi» gelegt. «Öffi?!», rief ich aus. Auf dreifachen Wortwert auch noch! Ein weiterer Rückschlag; im Total liege ich bereits mit 67 zu 606 Punkten zurück. Und dies, obwohl ich weiss, dass ich der bessere Spieler bin. Ich bin viel klüger als mein Gegner. Und gescheiter. Und heller auf der Platte. Und auch cleverer. Und – auch wenn ich dies bereits erwähnt habe – klüger!

Doch ich habe kein Buchstabenglück. Verdammte Algorithmen! Ich glaube, mein Kontrahent lässt meinen Compi von russischen Hackern fernwarten. Zuzutrauen wäre es ihm. Das weiss, wer ihn kennt. Öffi! Was soll so heissen? Kleines Ei aus Frankreich? Türkischer Rapper? Dosenöffner für Asoziale?

Das musste ein Fehler sein! Ich rannte ins Wohnzimmer, griff den Duden. Ich weiss, dass die Welt voller Fehler ist. Erst unlängst las ich in einem Buch* diesen kurzen Satz über einen schlafenden Menschen: «Er schnurchelte.»

Ich ahnte damals, dass es dieses Wort nicht gibt. Und ja: «Schnurcheln» steht nicht im Duden, obwohl es ein sehr schönes Wort ist. Unter einem schnurchelnden Menschen kann man sich etwas vorstellen.

Doch: «Öffi» steht tatsächlich im Duden, wie ich zu meinem Verdruss feststellen musste. Öffi ist ein sogenanntes Kurzwort, es bezeichnet in Österreich ein öffentliches Verkehrsmittel. Das Öffi! Schnurcheln nein. Öffi ja. Airbags floppen. Airbags ploppen. Diesel gut. Diesel böse. Zum Verzweifeln!

Schnell liess ich mir vom Computer sieben neue Buchstaben geben. Ich bekam CZKYGGD.

Ich blickte auf die Uhr (mechanisch). Es war acht. Der Tag, er hatte eben erst begonnen. Als ich aus dem Haus ging, lag mein Volvo unter einer dünnen, weissen Decke und tat, was er meistens tut. Er schlief.

Ich liess ihn schnurcheln. Ich nahm das Öffi.

Max

*«Babylon» von Yasmina Reza, Fischer Verlag; super!

PS: Song zum Thema: «Failure» von Skinny, vom Album «The Weekend», 1998.

Erstellt: 29.01.2020, 12:53 Uhr

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