Links und doch nicht nett?

Weshalb gibt es oft eine Diskrepanz zwischen politischer Gesinnung und alltäglichem Handeln?

Opportunistischer Karrierist: Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder an einer SPD-Versammlung Ende 2015 in Berlin. Foto: Markus Schreiber (Keystone)

Opportunistischer Karrierist: Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder an einer SPD-Versammlung Ende 2015 in Berlin. Foto: Markus Schreiber (Keystone)

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Manchmal begegne ich unfreundlichen linken Wählern, die sich durch asoziales, egozentrisches Verhalten auszeichnen. Ich kenne fast keine SVP-Wähler, aber angeblich gibt es solche, die man als gütig und grosszügig bezeichnen kann. Wie erklären Sie diese Diskrepanz zwischen politischer Gesinnung und alltäglichem Handeln?
H. W.

Lieber Herr W.

Ihre Beobachtung entspricht auch meiner Erfahrung; nur habe ich diese Diskrepanz bisher nicht als besonders erklärungsbedürftig betrachtet. Ich fand es immer selbstverständlich, dass es freundliche Rechte und verbohrte Linke gibt (lassen wir dabei die Fälle ausser Acht, bei denen eine politische Einstellung an und für sich schon so verachtenswert ist, dass sich die Frage nach der Nettigkeit gar nicht erst stellt; aber wahrscheinlich sind nicht einmal diese Fälle so eindeutig und klar, wie man sie gerne hätte). Kein Sozialdemokrat ist durch das Parteibuch dazu verpflichtet, jeden Tag mindestens eine gute Tat zu verüben; und im SVP-Parteiprogramm steht keineswegs geschrieben, man müsse bösartig und kleinlich sein.

Adolf Ogi mag manchmal naiv sein, aber er ist doch gewiss ein guter Mensch. Gerhard Schröder war und ist ein opportunistischer Karrierist; und die Nonchalance, mit der Joschka Fischer über seine Vergangenheit bei der gewalttätigen «Putztruppe» im Frankfurter «Häuserkampf» der Siebzigerjahre spricht, ist mir unsympathisch. Ich habe mit wadenbissigen SVPlern diskutiert (oder sagen wir besser: vergeblich zu diskutieren versucht); und es gibt Leute aus der linken Szene, mit denen ich nicht auf der Rolltreppe stecken bleiben möchte, weil mir deren Gewissheiten schwer auf den Keks gehen.

 Es gibt sehr unterschiedliche Weisen, links oder rechts zu sein.

Was will uns das sagen? Zum einen, dass die politische Haltung nicht alles ist im Leben – das Private ist eben nicht so politisch, wie man früher in meinen Kreisen gern zu behaupten pflegte. Und zum anderen, dass es auch sehr unterschiedliche Weisen gibt, links oder rechts zu sein. Und das ist – um mit Klaus Wowereit zu sprechen, den ich auch nicht für eine linke Lichtgestalt halte – auch gut so. Dass nicht alles Politik ist im Leben und dass es nicht in jedem politisch zu entscheidenden Fall eindeutig linke oder rechte Positionen gibt, ist eine Bedingung der Demokratie, die vom offenen Diskurs über öffentliche Angelegenheiten lebt.

Das ist ein hohes Ideal; man sollte es aber nicht leichtsinnig lächerlich machen, nur weil es bestenfalls ansatzweise erreicht wird. Dass keine Partei Grosszügigkeit, Güte, Freundlichkeit, Umgänglichkeit, Offenheit für sich gepachtet hat – diese kleinen Tugenden jenseits der zum Kampfbegriff erstarrten grossen «Werte» des Abendlandes –, ist die Bedingung für politische Kompromissbildung. Es gibt linken Antisemitismus, und es gibt rechten Antisemitismus; aber einen gütigen, grosszügigen und freundlichen Antisemitismus kann man sich schlecht vorstellen.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2017, 23:32 Uhr

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